Kultur : Junge Künstler im Labor

Die Gruppe „Laboratorium Haus 1“ gab mit „Wald im Menschen“ eine Werkschau im Freiland

Gerold Paul
Willkommen im Laboratorium. Am Wochenende präsentierten zehn junge Potsdamer Künstler aktuelle Arbeiten im Freiland, darunter auch Phillip Langer mit seiner raumübergreifenden Installation (r.). Fotos (2): Haus 1Alle Bilder anzeigen
08.04.2013 21:50Willkommen im Laboratorium. Am Wochenende präsentierten zehn junge Potsdamer Künstler aktuelle Arbeiten im Freiland, darunter auch...

Auch Maler können nicht wirklich einsam sein, so ganz ohne Gegenüber. Dies zu ändern, gründen sie in ihrer Not immer wieder Künstlergruppen auf Zeit. Eine davon nennt sich „Laboratorium Haus1“ und befindet sich in der Friedrich Engels-Straße 22, genau da, wo die Häuser so bunt sind, am Straßenknick hinterm Bahnhof nach links. Zehn junge, sehr ambitionierte Leute haben sich hier unter diesem Logo selbstfinanzierend zusammengeschlossen, fast alle sind Potsdamer. Gern hätten sie sich unter dem deutlich überbelichteten Kürzel „Made in Potsdam“ an der Ausstellung neulich in der Schiffbauergasse beteiligt. Aber das lief fehl, vielleicht wollte man nicht, dass auch sie Potsdams Szene repräsentieren. Was die Zehn im letzten halben Jahr unter dem Arbeitstitel „Wald im Menschen“ trotzdem gedacht, vollbracht und geschaffen haben, war am Wochenende im Potsdamer Freiland als zweitägige Werkschau zu sehen.

Ebenerdig gelangt man durch einen Flur zum ersten Ausstellungsraum. Ein Tresen mit Selbstgebackenem, Getränke. Sofort wird klar, hier wird nicht einfach nur etwas gemacht, hier wird etwas gewollt. Unübersehbar das Großformat von Maximilian Stuehle, eine grau-in-grau gehaltene surreale Landschaft ohne Menschen und Sonne. Irgendetwas ist hier hineingefahren, ein Tornado vielleicht, ein Zaunbrecher, der nach seinem Zerstörungswerk im Bildhintergrund verschwand. Gegenüber die Arbeiten von Jenny Alten, ebenfalls große Formate. Bei ihren „Vaterschaftstest“-Darstellungen würde jedem die Redewendung „Kunst ist Genuss“ schleunigst vergehen, aber das steht im Labor ja glücklicherweise gar nicht erst zur Debatte. Vielmehr sieht man eine offene Toilette im Großformat, darin etwas Eklig-Blutendes, oder ein humanoides Wesen mit schwangerem Bauch und Glatze, seltsam schräg auf den Besucher schauend. Richtig gruselig.

Auch anderswo wird gegenständlich gemalt, bei Georg Bednasch etwa, dem Senior der Truppe. In Sorge um die Natur erlaubt er sich, ein Stück Uckermark zu codieren, oder er zeigt Akte in unerträglicher Nahsicht. Im Zwischenflur zur ersten Etage hängen kleine Sachen fast dunkel. Voll Staunen hört man hierzu, dass die Laboranten es sich nicht nehmen ließen – man höre! –, alte Meister zu kopieren, und dabei auch noch eine Menge zu lernen. Das sollte man mal den Akademien empfehlen, es wären der Irrtümer weniger. Das Gegenständliche kommt ja jetzt ohnehin wieder zurück.

Oben wird man von Bianca Baalhorns Aktserie „Mensch 1 - 6“ empfangen, sehr kraftvolle Kohleblätter, leicht koloriert. Hinter dem Vorhang dann sie selbst im Videoclip so, wie der Herrgott sie geschaffen hat. Auch eine Art von Bild-Betrachtung. Im Ballettsaal dann eine auch gedanklich sehr geräumige Installation von Phillip Langer. Ein großer Ast ragt vom geöffneten Fenster her in den Raum hinein, drapiert mit Bildern, auf denen das Thema „Wald im Menschen“ mit Öl und Graphit etliche Male ruminiert wird. Wie Früchte des Baumes liegen die schwarz-weißen Blätter verstreut auf der Erde. Ein Förster würde staunen, wie dicht an dicht das Jungholz hier gewachsen ist. Dazu Fotos von Maximilian Stuehlen an der Wand, im Spiegel gespiegelt und gleichfalls schwarz-weiß. Die anderen unter den „zehn jungen aufstrebenden Künstlern“ – man meint natürlich das Bekanntwerden, nicht die Welt des Establishments – haben sich das letzte halbe Jahr mit Film, Video und Musik beschäftigt. Davon war nicht so viel zu vernehmen. Schade.

In summa wären zwar nicht alle Bilder dieser kurzen Werkschau zu loben, wohl aber die Haltung zum Werk. Denn hier ging es nicht um Schönheit und um Retuschen, sondern um Glaubwürdigkeit, um Wahrhaftigkeit. Wer das auf Dauer ignoriert, der ignoriert nicht das schlechteste Stück von Potsdam. Gerold Paul

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