• Interview mit Sven Stricker: „Ich schreibe sehr impulsgesteuert“

Interview mit Sven Stricker : „Ich schreibe sehr impulsgesteuert“

Der Potsdamer Autor Sven Stricker liest in der Villa Quandt aus seinem aktuellen Roman. Im Interview erzählt er, warum ihn der Mord im Krimi gar nicht am meisten interessiert.

Sarah Kugler
Sven Stricker lebt in Potsdam.
Sven Stricker lebt in Potsdam.Foto: Magdalena Höfner/promo

Herr Stricker, egal ob Rüdiger, Sörensen, Jenni oder Ole, Ihre Romanfiguren sind alle irgendwie eigen, ohne klischeehaft zu wirken, und dabei sehr authentisch liebenswert. Wo nehmen Sie die her?
 

Ich greife sie aus dem Leben. Ich sitze viel in Cafés, ich schreibe auch viel in Cafés und muss zugeben: Ich bekomme viele Gespräche mit. Dabei stelle ich fest, dass die sehr weit entfernt von geschriebener Sprache sind und ich da viel für mich rausziehen kann.

Ihre Figuren entstehen aus fremden Dialogen?

Ja, tatsächlich überlege ich mir zuerst, wie eine Figur spricht, vor allem auch wie sie nicht spricht, welche Eigenheiten in der Sprache liegen, welchen Wortschatz sie hat. Alles Aspekte, mit denen ich natürlich auch als Wortregisseur viel arbeite. Daraus entspringt der Charakter. Das Liebenswerte oder Sympathische an ihnen hat für mich dabei etwas Pragmatisches.

Inwiefern pragmatisch?

Ich verbringe so viel Zeit mit den Charakteren, dass ich immer irgendwas Sympathisches an ihnen finden möchte. Nur gut oder nur böse interessiert mich nicht, mich interessiert die Ambivalenz.

Kriminalhauptkommissar Sörensen, Ihr Protagonist aus „Sörensen hat Angst“ und der Fortsetzung „Sörensen fängt Feuer“, ist der Inbegriff so einer ambivalenten Figur. Auch durch die Angststörung, die er hat.

Sörensen war ursprünglich eine Hörspielfigur, die ich für Bjarne Mädel geschrieben habe, mit dem ich schon lange zusammenarbeite. Er ist aus der Art entstanden, wie Bjarne spielt, seine Verbindung von Humor und Melancholie. Und ich wollte etwas über einen Protagonisten erzählen, der kein Opfer der Angst ist, sondern sich darin behauptet.

Nun ist ein Kriminalhauptkommissar ja eigentlich eine Person, die auf keinen Fall an einer solchen Störung leiden sollte.

Genau das hat mich gereizt, ich habe mir tatsächlich gesagt: Welche Figur darf am wenigsten Angst haben und war sofort beim Polizisten. Und dann damit bei einer Krimigeschichte.

Als 2017 ihr Nicht-Kriminalroman „Mensch Rüdiger“ erschienen ist, haben Sie mir erzählt, dass Sie Krimis gerne wegen der klaren Struktur schreiben. Ist das immer noch so?

Absolut. Ich schreibe gerade wieder an einem Buch, das kein Krimi wird, sondern eine Vater-Sohn-Geschichte, und ich laufe immer wieder Gefahr, mich zu verzetteln, weil ich sehr impulsgesteuert schreibe. Das kann bei einem Krimi nicht passieren, da musst du ganz bestimmten Strukturen folgen.

Sie sind also niemand, der große Zettel mit Plotskizzen füllt?

Nein, gar nicht. Einen Stoff komplett zu plotten, langweilt mich total. Leider. Ich bewundere aber, wenn Kollegen das können. Bei der Aufnahme der Harry Potter-Hörbücher mit Felix von Manteuffel habe ich Regie geführt und wieder gemerkt, wie toll J.K. Rowling geplottet hat. Nebenfiguren aus den ersten Teilen gewinnen in späteren plötzlich an Bedeutung. Das ist toll.

Sie sind aus Nordfriesland. Beide Sörensen-Krimis sind in dem fiktiven nordfriesischen Städtchen Katenbüll angesiedelt.

Ein Ort, dessen Plätze und Straßen sich aus vielen echten nordfriesischen Orten zusammensetzt.

Diesem Städtchen haben Sie bereits in zwei Romanen einiges angetan: mehrere Morde, ein Kinderpornoring, eine Sekte. Sie schreiben gerade am dritten Band, haben Sie keine Bedenken, dass Katenbüll irgendwann als Tatort abgenutzt ist?

Das könnte man denken, aber Henning Mankells Figur Kurt Wallander zum Beispiel ermittelt immer in der südschwedischen Kleinstadt Ystad und was da schon alles passiert ist, ist kaum vorstellbar. Das darf man nicht so realistisch sehen. Ich habe keine Bedenken, noch mehr Böses nach Katenbüll reinzulassen. Im nächsten Band kommt das Übel zum Beispiel von außen, in Form einer Gruppe Weltverschwörungstheoretiker. Der Mord passiert da eher nebenbei.

Mir scheint, das war bereits in den Vorgängern so. Besonders in „Sörensen fängt Feuer“ dreht sich viel um die philosophischen Betrachtungen der Figuren auf Religion und Glaube.

Tatsächlich interessiert mich der Mord bei einem Krimi am wenigsten, genauso wie das Aufspüren des Täters. Das ist das Konstrukt, auf dem die Geschichte strukturell aufbaut, aber mir geht es darum, was einen Menschen dahin treibt, dass er einen Mord begeht. Was mit ihm passiert ist. In „Sörensen fängt Feuer“ hat mich die Frage nach den Käfigen, die sich Menschen selbst bauen, interessiert.

So wie die Mitglieder dieser fanatischen Sekte?

Es ging mir weniger um die Sekte als solche, sondern um die Tatsache, dass Menschen glücklicher scheinen, wenn sie starke Führer haben. Jemanden, der ihnen die Welt begreifbar macht. Je mehr du an nichts glaubst, je mehr du die Ambivalenz des Lebens spürst, desto weniger sattelfest bist du. Desto mehr kannst du zweifeln, hadern und dich in der gedanklichen Freiheit verlieren. Und das wollen viele Menschen unbedingt vermeiden. Das hat mich als Oberthema interessiert.

Trotz aller Dramatik schaffen Sie es immer, Ihren Romanen einen sympathischen Witz einzuhauchen. Wie finden Sie den richtigen Grad?

Das ist gar nicht so einfach. Mich interessieren Geschichten mit großer Fallhöhe, gerade beim Krimi war meine größte Sorge, in die Heimatkrimecke zu rutschen, in der von Deppenpolizisten in Gummistiefeln erzählt wird, und ansonsten geht es um nichts. Das wollte ich nicht. Trotzdem ist das Leben ja nicht nur tragisch, die Figuren bringen den Witz selbst mit.

Auch wenn Sie nicht in die Heimatecke gesteckt werden möchten: Haben Sie mal überlegt, eine in Potsdam angesiedelte Geschichte zu schreiben?

Nein, ehrlich gesagt, würde ich Potsdam gerne als privaten, neutralen Wohnort behalten.

>>Sven Stricker liest Montag um 20 Uhr in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47, aus „Sörensen fängt Feuer“