• Interview mit Christian Köhler: „Wir können mehr als Marschmusik“

Interview mit Christian Köhler : „Wir können mehr als Marschmusik“

Christian Köhler über neue Konzerte im Nikolaisaal und die Arbeit des Landespolizeiorchesters

Dirk Becker
Christian Köhler, 31, bei Darmstadt aufgewachsen, studierte Musik, Hauptfach Posaune. 
Christian Köhler, 31, bei Darmstadt aufgewachsen, studierte Musik, Hauptfach Posaune. Foto: promo

Herr Köhler, „LPO Querbeet“ ist der Titel einer neuen Konzertreihe des Landespolizeiorchesters im Nikolaisaal. Aber Sie sind doch schon seit Jahren regelmäßig im Nikolaisaal zu erleben?

Dass wir regelmäßig im Nikolaisaal spielen ist nichts Neues, das ist richtig. Neu ist allerdings, dass wir statt der bekannten jahreszeitlich bezogenen Konzerte nun eine eigene Konzertreihe anbieten. Es werden verschiedene, auch hochkarätige Solisten eingeladen. Es gibt eine Saisonbroschüre, die beschreibt, wo es innerhalb einer Konzertsaison hingeht. Wir bieten ein Abo an, wobei wir sehr erfreut sind, dass schon nach wenigen Tagen die ersten Anmeldungen dafür vorlagen. Normalerweise sind Abos in der heutigen Zeit ja eher etwas Rückläufiges.

Warum diese neue Konzertreihe?

Mir ist wichtig, dass wir das Landespolizeiorchester als Kulturorchester präsentieren, immer mit dem Sonderstatus, dass wir für die Polizei und das Land Brandenburg ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit mit einem deutlichen präventiven Ansatz sind.

Was meinen Sie mit Kulturorchester?

Ich glaube, dass viel Leute, wenn sie das Landespolizeiorchester hören, der Meinung sind, dass sie von uns nur Marschmusik geliefert kriegen. Fakt ist aber, dass wir aufgrund der Besetzung des Orchesters alle Sparten und Stilrichtungen abdecken können. Wir haben beispielsweise Auszüge aus Puccinis Oper „Turandot“ gespielt, die sehr nah am Original waren. Wir haben ein Musical und Filmmusik gespielt. Natürlich spielen wir auch Märsche. Ganz klar, das ist unsere Vergangenheit. Wir kommen aus der Zeit Friedrichs des Großen. Aber wir können sehr viel mehr abdecken. Das möchte ich auch anhand des Abonnementnamens „LPO Querbeet“ aufzeigen.

Haben Sie wirklich noch so sehr mit dem Klischee zu kämpfen „Landespolizeiorchester kann nur Marschmusik“?

Ja, schon. Es gibt immer noch Meinungen, auch in hohen Ämtern, von denen man nicht mehr erwartet hätte, dass es sie noch gibt. „Dafür, dass Sie da ein Laienorchester haben, klingt das aber ganz schön!“, bekomme ich immer wieder zu hören. In solchen Momenten denke ich nur: „Was ist denn jetzt los?“ Es ist natürlich ein Berufsorchester. Wir haben es hier mit 45 studierten Musikern zu tun, die an sich und an das, was sie tun einen hohen Anspruch haben und den auch in der Form eines sinfonischen Blasorchesters verwirklicht sehen wollen.

Wie viele Konzerte spielt das Landespolizeiorchester pro Saison?

Insgesamt hatten wir in Brandenburg 206 Auftritte im vergangenen Jahr. Das ist phänomenal. Es gibt kein anderes Polizeiorchester, das derart viel spielt und so effizient arbeitet wie wir, aber auch in der Fläche derart präsent ist. Es gibt einen regelrechten „Run“ auf das Orchester und dass schon seit vielen, vielen Jahren. Die Anfragen nach Konzerten in Schulen können wir manchmal nur noch mit langen Wartezeiten anbieten, so groß ist das Interesse. Weil wir natürlich Musik und Kultur auch dahin bringen, wo schon lange nichts mehr war. Das ist auch eine der Säulen, einer der Aufträge, die uns das Land Brandenburg gegeben hat.

206 Konzerte in nur einer Saison? Das klingt ja schon nach Akkordarbeit.

206 Konzerte sind natürlich eine hohe Anzahl, die sich aber aufsplittet. Das große Orchester, wie man es kennt, hat zwischen 60 und 70 Konzerten im Jahr. Daneben gibt es in Berlin eine Formation, die auch ungefähr so viele Konzerte geben. Und dann haben wir jede Menge Auftritte in kleineren Besetzungen, das sind oftmals repräsentative Einsätze. Das heißt Holzbläser- und Blechbläserquintette spielen zum Beispiel für die Landesregierung, Behörden und Einrichtungen.

Und wie viele Konzerte sind in der neuen Reihe im Nikolaisaal geplant?

Für diese neue Reihe sind vier Konzerte vorgesehen. Es besteht jetzt erstmals die Möglichkeit, ab sofort schon Tickets für die gesamte Saison zu kaufen. Gleichzeitig weiß man, was in diesen vier Konzerten geboten wird. Aber das erleichtert auch uns die Arbeit. Die vier Konzerte sind die Keimzelle dessen was wir tun. Wir werden diese auch in den Regionen bei den örtlichen Kulturveranstaltern anbieten. Und dann gibt es natürlich unzählige Variationen dieser vier Programme, immer auch auf die regionalen Bedürfnisse zugeschnitten.

Ist diese Idee für eine eigene Konzertreihe im Nikolaisaal nicht auch den derzeitigen Einsparungsforderung in der Landespolitik geschuldet, wo sogar eine Auflösung des Orchesters gefordert wird?

Das ist überhaupt nicht irgendwelchen Einsparungsforderungen geschuldet. Wir sind mit dem Landespolizeiorchester für ganz Brandenburg da, haben unseren Sitz aber in Potsdam. Und der Sitz in Potsdam verbindet natürlich mit der Landeshauptstadt. Darum sind wir auch ein Orchester für die Potsdamer Bürger. Wer in seiner eigenen Stadt nicht regelmäßig präsent ist, macht sich selbst ja irgendwie überflüssig. Wir sind die ersten in der Bundesrepublik, die ein eigenes „Blasorchester“-Abonnement anbieten, das gibt es in keinem anderen Bundesland. Wir haben mit dem Nikolaisaal aber auch die Infrastruktur vor Ort, die das zulässt und somit optimale Voraussetzungen dafür.

Die Forderungen nach Einsparung innerhalb dieser Polizeireform werden Sie aber trotzdem belasten.

Wir haben in der Landesregierung, in der Koalition, und in den Oppositionsparteien CDU und FDP eine breite Mehrheit von Befürwortern. Diese wissen sehr wohl, was das Landespolizeiorchester leistet und welche überragende Qualität es hat. Die Beispiele anderer Länder und die Streichung anderer Orchester haben gezeigt, dass man mit der Auflösung eines Orchesters keinen Haushalt sanieren kann. Das ist einfach ein Fakt. Die Politiker, die im Augenblick hier im Land Brandenburg die Verantwortung an entscheidender Stelle tragen wissen ganz genau, was sie an diesem Orchester haben. Mit denen arbeiten wir gut und vertrauensvoll zusammen und ich habe keinen Grund daran auch nur eine Minute zu zweifeln.

Haben Sie diese Einsparungsforderungen überrascht oder gehört das zum üblichen Politikgezeter, das immer mal wieder auf die Tagesordnung zu bringen?

Die stehen meistens in einem bestimmten Zusammenhang, das fällt nicht vom Himmel. Man kann natürlich immer die Frage stellen, wo man noch einsparen kann. „Wir können uns das nicht mehr leisten!“, wird da vereinzelt gerufen. Wir können uns das schon leisten, davon bin ich überzeugt, das ist aber nicht die Frage. Die entscheidende Frage ist: Wollen wir es uns leisten? Ich glaube, dass es einem Kulturland wie Brandenburg gut zu Gesicht steht, sich zu überlegen und sehr genau zu prüfen, ob sie da wirklich die Axt anlegen wollen.

Es geht immerhin um 2,5 Millionen Euro, die das Landespolizeiorchester jährlich kostet.

Diese Zahl ist richtig. Aber die Wahrheit besteht auch darin, dass das nur 0,9 Prozent der Personalkosten des Polizeipräsidums des Landes Brandenburg sind.

Was zeichnet das Landespolizeiorchester eigentlich aus?

Es ist in Deutschland führend auf dem Gebiet der sinfonischen Bläsermusik. Das Brandenburger Landespolizeiorchester ist aufgrund seiner Größe von 45 Musiker in der Lage, alles abzudecken und alles zu spielen. Deswegen sind wir bei CD-Produktionen vorne mit dabei und deswegen haben wir volle Säle. Die Brandenburger lieben ihr Landespolizeiorchester. Man merkt das einfach, man verspürt eine unglaubliche Wärme und Rückhalt. Wir sind, so glaube ich, das Orchester, das den höchsten Anteil an Schulkonzerten im Jahr hat. Wir spielen im Jahr zwischen 50 und 60 Schulkonzerte. Das machen wir schon so lange, da wussten andere Orchester noch nicht einmal, wie das Wort „Education“ überhaupt geschrieben wird. Wir machen viel im Bereich der Prävention, das heißt, dass wir maßgeschneiderte Programme für Kinder anbieten, die einen Bildungsaspekt haben. Wir haben mittlerweile Programme für Senioren. Das Orchester steht aktuell einfach sehr gut da. Das macht Mut, jenseits jeglicher Debatten.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Christian Köhler, 1980 geb. in Darmstadt, hat an der Musikuniversität im niederländischen Maastricht studiert. Seit 1. Juni 2011 leitet er das Landespolizeiorchester Brandenburg.