Intersonanzen 2019 : Riesiger Klangkörper und surreal wirkende Klangkonstellationen

Intersonanzen mit Musik und bildender Kunst in Potsdam. Manchmal ganz leicht, doch oft schwere Kost.

Zwiegespräch. Flötentöne in Martin Daskes Skulptur „Foliant" für drei Flöten im sans titre.
Zwiegespräch. Flötentöne in Martin Daskes Skulptur „Foliant" für drei Flöten im sans titre.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Am späten Nachmittag des Himmelfahrtstags ist der Platz der Einheit gefüllt mit schlendernden Passanten, auf den Wiesen lagern fröhliche Gruppen, die sich zu einer Herrentagsparty versammeln. Der in der Mitte des Platztes stehende Obelisk wird mehr oder weniger wahrgenommen. Erst als kräftige Saxofonklänge das Areal beschallen, ist die Neugier geweckt. Die Skulptur aus 300 recycelten Lautsprechern wird in das städtische Leben aufgenommen. Für das Brandenburgische Fest Neuer Musik „intersonanzen“, das bis zum 5. Juni in Potsdam stattfindet, steuert der bei Bad Belzig lebende US-Künstler Benoit Maubrey eine elektroakustische Skulptur bei und hält somit eine klangliche Facette innerhalb des Festivals parat.

Die Soundinstallation "Obelisk" von dem amerikanischen Künstler Benoit Maubrey.
Die Soundinstallation "Obelisk" von dem amerikanischen Künstler Benoit Maubrey.Foto: Helena Davenport

Die Installation kann aber nur lebendig werden, wenn Passanten sich ihrer annehmen: für einen Text, für Grüße, ein Lied oder Musikstück stehen ein Mikrofon und ein Verstärker zur Verfügung. Bei der „Klangtaufe“ am Himmelfahrtstag lässt die Saxofonistin und Komponistin Ruth Velten ihr Instrument mit virtuosen und ruhigen Elementen erklingen. Danach spricht man Grüße, euphorische und zaghafte. Als der offizielle Akt zu Ende ist, wird es akustisch weitgehend still am Obelisk. Doch ein fünfjähriges Mädchen verschafft sich plötzlich klangmächtig Gehör. Auf dem Arm des Vaters sitzend, singt sie in das Mikrofon das russische Lied „Katjuscha“. Und die Zuhörer ringsherum animieren sie, weiter zu singen. Was hat sie im Repertoire? „Katjuscha". Ununterbrochen Katjuscha. Um 19 Uhr wird das Mikrofon abgeschaltet. Am nächsten Tag geht es mittags wieder an.

Konzerte im Kunsthaus

So leichtfüßig ging es am Eröffnungsabend des Festes dann zumeist nicht weiter. Der Veranstalter, der Brandenburgische Verein Neue Musik e.V., ist auch in diesem Jahr mit seinen Konzerten ins Kunsthaus sans titre gezogen, das mit seinem Atelier- und Ausstellungscharakter die treffende Werkstattatmosphäre bietet. Rund 50 Interessierte nehmen an den musikalischen und klangakustischen Vorträgen mehr oder weniger Anteil. Der Vereinsvorsitzende Thomas Gerwin, der zugleich mit einem Team das Fest für Neue Musik vorbereitete, konnte bereits am Eröffnungsabend hervorragende Künstler für die Konzerte gewinnen, so den Kontrabassisten Matthias Bauer und Erik Drescher mit seiner Glissandoflöte. Auch das renommierte Royal String Quartet Warschau stellt sich am späten Abend ein. Die Künstler bieten eine schier unglaubliche Präzision der Darbietung und Virtuosität in den Interpretationen, die man nur bewundern kann.

Klänge „schweben“  im Raum

Bauer und Drescher haben mit Martin Daskes „Folianten“ Werke ins Programm aufgenommen, die man nicht alle Tage hört. Durch die beiden fragilen Skulpturen aus Muranoglas und ihren dreidimensionalen Partituren erhalten die Musiker die „Notationen“. Die Klänge „schweben“ daraufhin in unterschiedlichen Ausdrucksformen durch den Raum. Eine wunderbare Synthese von Musik und bildender Kunst geht hier auf. Auch Ralf Hoyers Stück „Mond /Schein/Schatten“ für Bass- und Glissandoflöte, Kontrabass und 4-kanaligem Zuspiel ist durch die teilweise geheimnisvoll und surreal wirkenden Klangkonstellationen reich an Ausdruckskraft. Doch danach kommt an diesem Abend endlich Heiteres ins Kunsthaus. Matthias Bauer reflektiert in einem Solo von Tom Johnson für Kontrabass und Stimme über Misserfolg und Erfolg. „Ich habe das Stück tüchtig geübt“, heißt es im Text.

Aber nicht nur das, Bauer trägt es mit einer köstlich gespielten Naivität sprachlich und tonlich vor. Nach der Pause erklingt Bernhard Langs „DW22 Winterlicht“ für Bassflöte und Kontrabass. Zwar wird auch hierbei das klangliche Spektrum der Instrumente genutzt. Doch die dramaturgische Spannung lässt nach, es erweist sich als zu lang. Die Konzentration des Zuhörens wird deutlich geschwächt, die Grenze der Wahrnehmbarkeit der Musik fast erreicht. Vielleicht sollte man bei der Programmgestaltung doch mehr an das Publikum denken. Durch einen häufigeren Wechsel in der Besetzung könnte manche Überforderung verhindert und das Zuhören aufgefrischt werden.