• "Hollyhood"-Filmfestival im Filmmuseum Potsdam: Konzert im Kinosessel

"Hollyhood"-Filmfestival im Filmmuseum Potsdam : Konzert im Kinosessel

Erinnerung an die Anfänge des Hip-Hop: Das „Hollyhood“-Festival startete im gut besuchten Filmmuseum Potsdam.

Oliver Dietrich
„Jung, braun, ausgegrenzt“, rappte der Potsdamer Camufingo im Filmmuseum.
„Jung, braun, ausgegrenzt“, rappte der Potsdamer Camufingo im Filmmuseum.Foto: Filmmuseum

Potsdam - Da können Waldstadt, Schlaatz und Stern kaum mithalten: „Born in the Bronx“ war das Thema der Auftaktveranstaltung zu Potsdams erstem Hip-Hop-Filmfestival „Hollyhood. Hip-Hop & Social Justice“, das am Mittwochabend im Filmmuseum startete. Überhaupt, Bronx: Der Stadtteil New Yorks gilt seit den 70er-Jahren zuverlässig als Metapher für migrationsbedingte Subkultur. Damals wurde hier der Hip-Hop erfunden und dessen Siegeszug hält bis heute an.

Als die Bronx von Gangs dominiert wurde

Studierende der Universität Potsdam haben jetzt gemeinsam die Filmreihe konzipiert, die auch gleich beim Urknall der Jugendbewegung startete: Mit dem Dokumentarfilm „Rubble Kings“ von 2015, der das „Hoe Avenue peace meeting“ beleuchtet, das im Dezember 1971 stattfand. Es waren harte Zeiten damals: Die Bronx war von Gangs dominiert, die sich hauptsächlich in Schwarze und Puertoricaner aufteilten und untereinander spinnefeind waren, kennt man noch aus dem Musical „West Side Story“. In der Bronx eskaliert die Situation: Denn ausgerechnet der Friedensstifter „Black Benjie“, der einen Streit unter Gangs zu schlichten versuchte, verlor dabei sein Leben. Die Zeichen standen auf Straßenkrieg – bis einer der Gangführer zum Waffenstillstand aufrief: „Hands down, no war!“ Die Initiative schrieb Geschichte: Ehemals verfeindete Gangs feierten miteinander, anstatt aufeinander einzuprügeln, es wurde gegeneinander getanzt, der Siegeszug des Breakdance begann und des Hip-Hop sowieso. Im Film erscheinen die ganzen Größen der damaligen Szene, die jetzt locker die Eltern oder gar Großeltern der Anwesenden sein könnten: Afrika Bambaataa etwa, oder DJ-Legende Cool Herc. Was für ein Einstand.

Als Zwischenprogramm im gut besuchten Filmmuseum natürlich Hip-Hop. Das Duo Rapkreation kam aus Kreuzberg, und die Beats kamen im Gegensatz zur Musik des Filmes reduziert und tief aus den Boxen, die nur so zerrten. Immerhin: Ein Hip-Hop-Konzert, bei dem man in Kinosesseln versinkt, das ist selten. Rapkreation genossen das: „Chillt einfach auf euren Sitzen und hört zu!“, forderten sie die Besucher auf. Reichlich Tiefgang ihrer Lyrics unterstützte das.

Potsdamer Rapper Camufingo rappte über gesellschaftlichen Rassismus

Als danach der Potsdamer Rapper Camufingo zum Heimspiel ansetzte, war es aus mit dem Chillout: Dessen Texte sind zutiefst politisch, und Camufingo weiß, wovon er spricht, wenn er den gesellschaftlichen Rassismus anprangert: „Der Minderheitencode verlangt es, was uns als Kinder schon bekannt ist.“ Schwarz-Weiß-Problematik? Genau davon ist Camufingo selbst betroffen, da er weder in das Schema Schwarz noch Weiß passt: „Jung, braun, ausgegrenzt“, rappt er – und selbst das ist eine Doppeldeutigkeit. Also halb schwarz, halb weiß? „Ein Zebra“, lautet seine Antwort. Überhaupt sind die Texte von Camufingo von einer erstaunlichen intellektuellen Tiefenschärfe.

Aber zurück zu den Anfängen der Hip-Hop-Kultur: Die erdrutschartige Eroberung des New Yorker Hip-Hop auf dem europäischen Kontinent lässt sich ziemlich genau zeitlich festlegen: 1984 – ausnahmsweise mal nicht Orwells Schicksalsjahr. In dem Jahr kam „Beat Street“ in die Kinos, ein Film, der diesen Abend zünftig abrundete. Der Film über eine jugendliche Gang aus Breakdancern, DJs und Sprayern in der Bronx wurde von Harry Belafonte produziert – der US-amerikanische Sänger und Produzent war als Friedensaktivist und durch seine Nähe zu sozialistischen Idealen der Vorzeigeamerikaner in der ehemaligen DDR. Klar, dass ein Film von Harry Belafonte auch in den ostdeutschen Kinos lief. Die Obrigkeiten, die den Film in die Kinos hievten, ahnten wohl nicht, was für einen Einfluss der auf die Jugendlichen der DDR haben würde: Die kopierten nämlich auf einmal den Lebensstil der Bronx-Jugendlichen. Und an manchen Stellen mag sich da die Analogie der Bronx und den Potsdamer Stadtteilen zusammenführen lassen. Auch wenn das jetzt 30 Jahre her ist.

 

„Hollyhood. Hip-Hop & Social Justice“ Filmfestival bis einschließlich Sonntag im Filmmuseum, Breite Straße 1 a. Infos unter >>