Kultur : Grazie und Hexennebel

Russisches Nationalballett gastierte mit Tschaikowskis „Dornröschen“ im Nikolaisaal

Astrid Priebs-Tröger

Vorweihnachtszeit ist Märchenzeit. Und so kamen am Freitagnachmittag Eltern mit ihren Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln, aber auch gar nicht so wenige Teenager in den Nikolaisaal, um ein ganz besonderes Märchen zu sehen und zu hören. Seit über 100 Jahren gehört Peter Tschaikowskis Ballett „Dornröschen“ zu den Märchenklassikern schlechthin. Und wenn es dann noch von einer russischen Balletttruppe aufgeführt wird, kommen viele Liebhaber, denn die hohe Kunst des klassischen Balletts wird nach wie vor besonders beeindruckend in Russland zelebriert.

Die Bühne schmückte ein türkis-goldfarbenes Schloss mit rotsamtenen Thronsesseln. Bevor darin ein seidengewandeter Hofstaat prunkvoll die Geburt der kleinen Prinzessin Aurora feierte, erschien der freundliche Märchenonkel Kolja mit einem großen Buch, um die Geschichte vom „Dornröschen“ auch für die jüngsten Zuschauer transparent zu machen. Denn Peter Tschaikowski schrieb sein Ballett auf der Grundlage des Märchens „La belle au bois dormant“ au dem Jahr 1696 von Charles Perrault und nicht auf der hierzulande besser bekannten Fassung der Brüder Grimm. In den groben Handlungszügen sind beide jedoch gleich, zumindest, was den Ausgangspunkt und das Ergebnis anbetrifft. Dazwischen gibt es viel Raum für künstlerische Freiheit und Interpretation, die das russische Nationalballett auch auskostete (Konzeption: Rimma Wachsmann Beniashvilli).

Die zum Fest nicht eingeladene 13. Fee ist hier eher eine Hexe. Und Timur Kinzikeev als Carabosse mit schwarzem Gewand, rotem Umhang und knotigem Stock kommt wie ein Unwetter daher, als er in die Feier platzt. Mit wild verzerrtem Gesicht wirbelt er dramatisch und mit viel weißem Nebel durch die aufgeschreckte Gästeschar. Nur die gute, überaus anmutige Fliederfee kann der schrecklichen Verwünschung etwas entgegensetzen.

Leider wird der hundertjährige Schlaf der Prinzessin und ihres Hofstaates in die Pause verlegt. Und auch die Dornenhecke und den Kuss des erlösenden Prinzen „sparte“ man sich. Stattdessen gab es ein vierteiliges Hochzeits-Pas des deux, in dem das hohe Paar seine technische Meisterschaft zeigte und Dornröschen mit Anmut und Grazie Spitze tanzte. Mehrere kleine Mädchen aus dem Publikum versuchten es ihr mit erhobenen Armen neben ihren Sitzen gleichzutun. Gut gefiel ihnen auch die illustre Hochzeitsgästeschar. Viel Beifall bekamen nämlich neben dem technisch perfekten Hochzeitspaar auch Rotkäppchen und der Wolf, der gestiefelte Kater und sein Kätzchen und der blaue Vogel und Prinzessin Florina.

Trotzdem fehlte der Aufführung doch ein Stück „Seele“. Denn die Verliebtheit des Prinzen und das Glück der Vereinigung mit der Geliebten waren kaum zu spüren. Anstelle dessen ein in sich geschlossenes Gesamtbild (Choreografie: Marius Petipa) mit vielen prunkvollen Kostümen und eine beeindruckend präzise Tanztechnik des vielköpfigen Ensembles, dessen Mitgleider aus renommierten Ballettschulen des ganzen Landes kommen. Gewünscht hätte man sich indes mehr dramaturgisches Fingerspitzengefühl und nicht so eine aufgeblasene „Nummernfolge“ am Schluss.

Das Publikum applaudierte dennoch lange für eine optisch und tänzerisch gelungene Aufführung, die noch bis Januar in 30 anderen deutschen Städten zu sehen sein wird. Astrid Priebs-Tröger

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