• „Für viele sind wir auch eine emotionale Heimat“

Kultur : „Für viele sind wir auch eine emotionale Heimat“

Winnetou Sosa führt die Junge Philharmonie – die Musiker spielen heute beim Stadtwerkefest

Musikalische Heimat. Die Junge Philharmonie Brandenburg spielt heute Abend auf großer Bühne im Lustgarten. Wer keinen Sitzplatz hat, darf seine Decke ausbreiten.
Musikalische Heimat. Die Junge Philharmonie Brandenburg spielt heute Abend auf großer Bühne im Lustgarten. Wer keinen Sitzplatz...Foto: Uwe Hauth

Herr Sosa, die Junge Philharmonie Brandenburg spielt heute zum ersten Mal beim Potsdamer Stadtwerkefest.

Es ist eine tolle Herausforderung für die jungen Musiker, vor so einem großen Publikum zu spielen. Wir wollen sie an eine spätere Laufbahn als Berufsmusiker heranführen. Und dazu gehört auch, einmal unter ganz anderen Bedingungen als im Konzertsaal zu spielen.

Was macht das Orchester aus?

Es gibt zwei Seiten – zum einen die Talentförderung, die schon im Alter von etwa 13 Jahren ansetzt. Zum anderen die professionelle Schiene mit Auftritten, bei denen das Orchester beweist, dass es mit Profiorchestern mithalten kann – was die Vitalität, die Energie und damit auch den Klang betrifft.

Wie läuft die Auswahl für das Orchester?

Zweimal im Jahr findet ein Probespiel für alle Orchesterinstrumente statt. Zur Jury gehören der Dirigent, die Registerleiter, die aus dem Orchester der Komischen Oper stammen, und ausgewählte Musikschullehrer. Das Probespiel läuft genauso ab wie später bei den Bewerbungen um eine Orchesterstelle. Das ist auch der Sinn der Sache.

Inwiefern?

Die jungen Musiker sollen ihr Berufsfeld schon auf möglichst vielen Ebenen kennenlernen. Neben intensiven Probenphasen, Auftritten und Konzertreisen gehören auch CD-Aufnahmen dazu. Das schafft immer wieder eine besondere Konzentration im Orchester. Und quasi nebenbei wird dabei die Leistungsfähigkeit dokumentiert.

Wo und wie oft spielt das Orchester?

Die Junge Philharmonie bestreitet jedes Jahr ein großes Neujahrskonzert im Konzerthaus Berlin. In den Osterferien gibt es Auftritte im Land Brandenburg. Seit vielen Jahren spielen wir im Sommer bei einem Opernfestival in Österreich mit. Zwei Wochen im Orchestergraben eine richtig große Oper zu spielen, erweitert die Erfahrungen und den Horizont der jungen Musiker beträchtlich.

Ist das nicht manchmal ein bisschen anstrengend für die jungen Leute?

Es ist unglaublich zu sehen, mit wie viel Freude die Jugendlichen bei der Sache sind. Es zeichnet die Orchesterarbeit aus, dass diese Disziplin, diese Konzentrationsleistung nicht als Zwang empfunden werden, sondern als beglückende Zusammenarbeit, die noch dazu tolle Ergebnisse liefert. Für viele Jugendliche wird die Junge Philharmonie Brandenburg nicht nur zu einer musikalischen Heimat, sondern auch zu einer emotionalen. Viele Ehemalige spielen inzwischen in renommierten Orchestern in ganz Europa.

Was gehört aus Ihrer Sicht noch zum Erfolg der Jungen Philharmonie Brandenburg, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert?

Das Orchester wurde 1992 von Gabriel Zinke gegründet, kurz danach übernahm Sebastian Weigle die Leitung und prägte das Orchester über viele Jahre. Diese große Kontinuität hat natürlich gut getan. Zentral ist aber auch die qualifizierte, studienvorbereitende Arbeit in den Brandenburger Musikschulen. Die große Ausstrahlung des Orchesters und die inspirierte Musikschularbeit gehören untrennbar zusammen.

Es heißt ja, dass der Weggang von Sebastian Weigle mit der Absage eines großen Jubiläumskonzerts zusammenhängt?

Sebastian Weigle ist mit meinem Vorgänger und dem Orchester groß geworden. Deswegen war eine Zäsur nach den vielen Jahren ganz natürlich. Und ein geplantes Konzert mit Ehemaligen des Orchesters im Jubiläumsjahr war eine tolle Idee, aber leider nicht ausfinanziert, sonst hätte ich es durchgeführt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Wie geht es nach dem Weggang von Sebastian Weigle weiter?

Es geht bereits seit einem Jahr weiter mit tollen Projekten und Konzerten. Ich denke nur an Beethovens 7. Sinfonie im Frühjahr mit Peter Sommerer. Er wird auch das Stadtwerkekonzert leiten. Ihn zeichnet eine breite Repertoirekenntnis aus und er ist von Hause aus Violinist. Im August wird das Orchester in Österreich mit dem Schweden Emil Eliasson auftreten. Auch für die Zukunft streben wir die Kontinuität durch einen gestandenen ständigen Dirigenten an, ergänzt durch regelmäßigen Input von außen.

Was haben Sie heute im Gepäck?

Ein Open-Air-Konzert lädt dazu ein, Lieblingsstücke zu spielen – und das tun wir mit Freude. Mein persönliches Highlight im Programm ist Gershwins „Rhapsody in Blue“, unsere Schlagzeuger haben ordentlich zu tun bei Bernsteins „Symphonic Dances“ aus der West Side Story, und die Bläser lieben Khachaturians „Säbeltanz“. Kombiniert mit der Musikalität und dem Charme unseres Dirigenten Peter Sommerer, der erstmals in Potsdam dirigiert, verspricht das ein beschwingtes Sommerkonzert im Neuen Lustgarten.

Das Interview führte Babette Kaiserkern; Klassik-Open-Air, heute, 20 Uhr

Winnetou Sosa (Jahrgang 1964), geboren in Edinburgh, studierter Geistes- und Sozialwissenschaftler, seit 2016 Geschäftsführer des Verbandes der Musik- und Kunstschulen Brandenburg.

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