Kultur : Fremdartige Besucher

Barbara Illmers Skulpturen im Pomonatempel auf dem Pfingstberg

Richard rabensaat
Neigung zum Surrealen. Wie fremde Kometen muten die Skulpturen von Barbara Illmer in der Ausstellung im Pomonatempel auf dem Pfingstberg an. Die aus Papier gefertigten Werke orientieren sich an Formen, die die Natur erfunden hat. F.: Barbara Illmer
Neigung zum Surrealen. Wie fremde Kometen muten die Skulpturen von Barbara Illmer in der Ausstellung im Pomonatempel auf dem...

Die „Verheißungsvolle Zitrone“ ist sonderbar durchlöchert. Aus Papier geformt, in der Form tatsächlich an die Frucht erinnernd, scheint das Objekt der Künstlerin Barbara Illmer merkwürdig aus der Welt gefallen. Orange und rosa, durchsichtig durch viele kleine Löcher, sich aber dennoch robust im Raum behauptend. Ein Zwitter zwischen U-Boot und Zitrusfrucht, unmittelbar verwandt mit dem „Yellow Submarine“ der Beatles.

Die 1958 in Wittenberg geborene Barbara Illmer arbeitete für das Theater und den Film, nachdem sie in Dresden an der Kunsthochschule Bildende Kunst mit der Fachrichtung Theaterplastik studiert hatte. Ihre Arbeiten orientieren sich an den natürlichen Formen der Biologie, an Zellen und Sporen, Fruchtkernen und Zellmembranen. „Diese wahnsinnig schönen Formen sind alle in der Wirklichkeit angelegt. Wie wunderbar ist es, wenn aus einem kleinen Apfelkern ein ganzer Baum wächst“, sagt Illmer.

Dabei verleugnen die Objekte nicht ihre Neigung zum Surrealen. Das Material der Wahl für Illmers Ausstellung im Pomonatempel „Aus dem Inneren strömt die Kraft“ ist Papier. Den Raum, eher geeignet für kammerspielartige Impressionen, als für den großen Bühnenauftritt, bespielt die Künstlerin mit zehn kleinformatigen Skulpturen. Die Titel – „Neutrales System“, Strukturkegel“, „geschnürte Luft“ – lassen die Konzentration auf das Objekt erkennen. Es geht um das Ding an sich, das eine geometrische Form sein kann, wie die Strukturkegel, oder auch eine orangene Frucht, die sich im Innern einer stacheligen Hülle verbirgt. Vorbilder aus der Biologie sind erkennbar, aber werden verfremdet. Illmer möchte den Blick auf die Wunder von Pflanzen und Dingen öffnen, darauf, dass der Mensch nicht berufen ist, diese zu verbessern oder zu verändern.

„Manipulationen an Zellkernen, das finde ich hoch problematisch“, sagt die Künstlerin. Auf ihrer Webseite zitiert sie den Op-Art Künstler Victor Vasarely, der meint, der Mensch müsse die Natur in seiner Kunst und auch nur dort übertreffen. „Aus dem Innern“ scheint es tatsächlich zu strahlen, wenn leuchtend rote Röhren sich zu einem kugelrunden Gebilde zusammenfinden. Was in dem weiß-grauen Raum des Tempels zu sehen ist, lässt an ein Universum sonderbarer Dinge denken – Dinge, die auch an niedergegangene Kometen erinnern. Sämtliche Kunstwerke sind in matten, rötlichen Farben gehalten. „Rot ist die Signalfarbe“, sagt Illmer. Und erklärt, dass sie auch Kinder und Jugendliche erreichen möchte, denn: „Durch die elektronischen Medien, Handy, Computerspiele, geht viel Fantasie verloren. Ich möchte auch zeigen, dass ganz einfach Papierobjekte viele Möglichkeiten bieten“, so Illmer. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Kindern. In den letzten Jahren habe bei vielen Kindern eine Veränderung stattgefunden, sagt sie. Viele Kinder hätten weniger Fantasie als früher. Letztlich wolle sie mit ihrer Kunst „den Blick öffnen“.

Befänden sich die Objekte nicht im Ausstellungs-, sondern in einem Privatraum, wären sie fremdartige Besucher, die sich trotz ihrer Andersartigkeit in das möglicherweise fein möblierte Ensemble ihres Besitzers einfügen würden. Denn von ihnen geht eine konzentrierte Leichtigkeit aus, die nie aufdringlich wirkt und dem Betrachter vielleicht bei kontemplativer Betrachtung Kraft durch Ruhe schenkt. An einer Stelle treten zwei Objekte in einen Dialog: Die beiden spitzen Kegel sind einander unmittelbar zugeordnet. Ebenfalls aus Papier gefertigt, falten und kräuseln sich die geschichteten Bahnen mal zu lippenartigen Formen, mal zu lockeren Gitterstrukturen und verweisen so auch auf ihre großen Verwandten, die sich kupferfarben auf Kirchtürmen und Schlössern finden.

Die Ausstellung ist noch bis 23. Juli samstags, sonntags und feiertags zu sehen

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