Kultur : Finger in vielen Wunden

Ines Geipel las im Frauenzentrum aus „Heimspiel“

Astrid Priebs-Tröger

Zurückhaltend, beinahe scheu, betrat die Schriftstellerin das Café des Potsdamer Frauenzentrums. Dabei kämpft diese Frau seit mehr als zehn Jahren offensiv an vielen Fronten: Schonungslos arbeitet sie an der Aufdeckung des menschenverachtenden DDR-Dopingsystems, nachdrücklich setzt sie sich dafür ein, damals totgeschwiegenen Autorinnen heute eine Stimme zu geben und nicht zuletzt zeigt sie immer wieder auf, wie fragil unsere jetzige Demokratie ist. Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, ist die Autorin von solch“ Aufsehen erregenden Büchern wie „Verlorene Spiele“ und „Jetzt reicht“s – der Geschichte des Amoklaufes am Erfurter Gutenberg-Gymnasium.

Am Mittwochabend las die streitbare und dabei überraschend leise Autorin aus ihrem, im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Heimspiel“, der, wie sie selbst ankündigte, „ literarischen Bearbeitung einer Autobiographie.“ Diese schmale blonde Frau hat buchstäblich am eigenen Leib die Brutalität des totalitären Unrechtssystems DDR in den siebziger und achtziger Jahren erfahren. Ohne Zögern und sehr eindrücklich berichtete sie von ihren Erlebnissen als Hochleistungssportlerin. Sie war hin- und hergerissen zwischen der Erfahrung des Auserwähltseins und den damit verbundenen Möglichkeiten für junge Menschen und der totalen Abhängigkeit und Fremdbestimmung durch Trainer und übergeordnete Führungspersonen. Aus diesem Zwiespalt gab es fast kein Entrinnen. Doch die erfolgreiche Läuferin und ehemalige Germanistikstudentin verließ 1989 die DDR. Über Ungarn und Österreich gelangte sie nach Darmstadt und kämpfte dort weiter mit ihrer eigenen Sprachlosigkeit. Bereits 1995 kehrte sie nach Berlin zurück und versucht seitdem, „diesen gigantischen gesellschaftlichen Transformationsprozess durch Sprache zu begleiten“, ihn für sich selbst und andere fassbar zu machen. Besonders exemplarische Frauenschicksale, wie das der Schriftstellerin Inge Müller bis hin zu Edeltraut Eckert, die 1950 wegen einer Flugblattaktion in Potsdam verhaftet und zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, stehen dabei im Fokus ihrer Aufmerksamkeit. Auch die Ich-Erzählerin in „Heimspiel“ macht sich Ende August 1989 auf, ihr Heimatland mit einem Zug in Richtung Ungarn zu verlassen. Sie begibt sich, fast ohne Gepäck, auf eine schier atemlose Reise in neues Leben und ist dabei angefüllt mit einer äußerst traumatischen Familiengeschichte, und der großen Schwierigkeit, sich von diesen Prägungen zu befreien.

Die Autorin seziert in einer glasklaren Prosa die innerfamiliären Bindungen der Protagonistin und zeigt über drei Generationen hinweg eine Familiengeschichte, die aus äußerst bedrückenden Situationen von Einschüchterung, Abhängigkeit, Verdrängung und nicht zuletzt brutaler Vergewaltigung besteht. Besonders gelungen war dabei die Zeichnung der drei Frauencharaktere und das Sichtbarmachen ihrer Sprachlosigkeit gegenüber ihrem omnipotenten Peiniger. Doch selbst bei der Beschreibung dieser monströsen Vaterfigur, einem permanenten Grenzgänger in fast allen Bereichen menschlichen Lebens, schien doch noch so etwas wie Empathie mitzuschwingen. Das war kaum auszuhalten und ist vielleicht deshalb so schwer loszulassen. Beinahe unbeschwert und nahezu befreiend wirkten da die Kindheitsschilderungen der Ungarnurlaube beim Schneider Imre und seiner Frau. Aber auch diese menschenfreundliche Insel war permanent in ihrer Existenz bedroht.

Die ausnahmslos gespannt lauschenden Zuhörerinnen hatten in dem sich anschließenden Gespräch das Bedürfnis, über eigene Unrechtserfahrungen mit dem konspirativen DDR-System zu reden und die Autorin konnte nicht nur beim Thema Doping immer wieder den Finger in heute noch offene Wunden legen.Astrid Priebs-Tröger

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