• Figurentheater-Festival im T-Werk: Faszinierend mittendrin

Figurentheater-Festival im T-Werk : Faszinierend mittendrin

Figurentheater im Guckkasten: Ein Blick auf das „Radar-Festival für Junges Figurentheater“ am Freitagabend im Potsdamer T-Werk.

Andrea Lütkewitz
In Herrn Tortellonis Wohnung treiben Träume Schabernack – und Wünsche gehen in Erfüllung. Annina Mosimann präsentierte „El Apartamento“ .
In Herrn Tortellonis Wohnung treiben Träume Schabernack – und Wünsche gehen in Erfüllung. Annina Mosimann präsentierte „El...Foto: Promo/T-Werk

Potsdam - Irgendwo in der afrikanischen Savanne: Kaum hörbar schleicht ein Tiger über sandigen Boden. Es ist ganz still, nur sein leises Knurren und ein paar Grillen sind zu hören. Dann verschwindet er plötzlich in raschelnden Büschen und ein Jäger mit einem Gewehr taucht von anderer Stelle auf. Ein Versteckspiel beginnt, bei dem beide einander nachstellen und es nur eine Frage der Zeit ist, bis einer zuerst zuschlägt.

Wäre dies eine Filmszene, wäre sie wohl nicht sehr außergewöhnlich. Aufgeführt in einer nur wenige Zentimeter großen Holzkiste mit winzig kleinen Bühnenbildern und Figuren, wird die Darstellung allerdings besonders. „Lambe Lambe“ heißt diese spezielle, vermutlich aus Südamerika stammende Theatertechnik, die Besucher des „Radar-Festival für Junges Figurentheater“ am Freitagabend im T-Werk kennenlernen konnten.

Elf Künstler zeigten hier drei- bis zehnminütige Stücke in ihren selbstgebauten Miniaturtheaterkästen, die etwa 30 bis 50 Zentimeter im Durchmesser groß sind. Der Zuschauer tauchte über ein Guckloch ein in blaugrüne Unterwasserwelten mit bunten Fabelwesen, Wohnungen, in denen seltsame Dinge geschehen – oder eben in die Savanne, geschaffen von Iris Schleuss.

Figuren aus dem 3D-Drucker

Die Puppenspielerin, die ihr Stück „Jagdfieber“ genannt hat, verriet, dass die Figuren mit viel Liebe fürs Detail aus einem 3D-Drucker kommen. Das Gefühl, als Zuschauer inmitten der Büsche neben dem Tiger zu sitzen, erzeugt sie durch bewegliche Kulissen aus Naturmaterialien, die das Dickicht realistisch darstellen, eine aufgemalte Landschaft im hinteren Teil des Kastens vervollständigt die Perspektive. Kommt dann noch über Kopfhörer eine entsprechende Geräuschkulisse hinzu, ist die Illusion perfekt. So kann es durchaus auch zu kurzen Schreckmomenten kommen, wenn zum Beispiel der Jäger ganz plötzlich den Lauf des Gewehres direkt auf das Auge des Zuschauers richtet.

Dieses Mittendrinsein ist es dann auch, was „Lambe Lambe“ so faszinierend macht. Dadurch, dass immer nur eine Person vor einem Miniaturkasten sitzen kann, entsteht die intime Atmosphäre des Geheimnisvollen, das die kindliche Neugier im Erwachsenen erweckt. Darum nahmen die Festivalbesucher wohl auch geduldig die Wartezeit in Kauf, denn der Andrang an den Spielkästen war groß. Als eine Kunstform, die im Allgemeinen in Deutschland nicht oft öffentlich zu sehen ist, dürfte sie vielen zum ersten Mal zugänglich gemacht worden sein.

"Frau Holle" ist wirr und überfrachtet

Neben diesem Miniaturtheater wurde an allen Tagen auch auf großer Bühne Figurentheater gezeigt. Den Auftakt gab das Ein-Mann-Stück „Frau Holle außer Kontrolle“, das allerdings nicht vollkommen überzeugte. Die Masken, die Schauspieler Max Howitz abwechselnd für Frau Holle, Gold- und Pechmarie und den Hahn des Grimmschen Märchens verwendet, haben durchaus Wirkung. Das Geschehen ist in die Gegenwart projiziert, Frau Holle ist Unternehmerin eines Versandhandel-Monopols und nutzt die Arbeitskraft der beiden Maries aus. Die aufgerissenen Augen und Münder wirken überdreht bei den Kindern, verschlagen bis bösartig bei Frau Holle, die an einen Alpendämon erinnert.

Kostüm und Bühnenbild, bestehend aus Daunendecken, sind durchaus schlüssig. Leider gerät die Handlung aber wirr und überfrachtet in die Kritik am Kapitalismus. Die Monologe des Hahns, der mit übertrieben hoher Stimme die Geschichte erzählt, sind lang, wirken bemüht und schaffen es kaum, Spannung zu erzeugen. Zum Beispiel sagt er wiederholt „Wo war ich gerade?“, nachdem er Szenen in die Länge zieht, indem er die Bühne verlässt und mit einer E-Zigarette zurückkommt, was sich nicht sinnhaft erschließt.

Klischee-Frauen-Figuren

Klischeebehaftet wirken leider auch die beiden Maries, wenn sie sich als unreflektierte Teenager auf die Suche nach Goldmaries Handy machen, das versehentlich in der Toilette – alias Brunnen – verschwindet. Unterm Strich hatte man es hier mit einer interessanten Idee zu tun, die in der Umsetzung jedoch nicht so recht packen wollte.

Entsprechend höflich fiel der Applaus des Publikums dann auch am Ende aus, das sich an dem Abend jedoch noch auf „Wilde Wilde Wesen“ von Alessandro Maggioni und der Kompanie mikro-kit freuen konnte. Dieses Stück wurde bereits 2019 bei der Langen Nacht der Freien Theater gezeigt und begeisterte schon da mit einer surrealen Hasenfigur a la Donnie Darko und kunstvollen Echtzeitprojektionen. 

>>Letzte Vorstellung des Festivals: „¡ver-rückt!“ am heutigen Montag, 10 Uhr, im T-Werk, Schiffbauergasse

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