• Evelyn Glennie spielt in Potsdam: Voller Körpereinsatz

Evelyn Glennie spielt in Potsdam : Voller Körpereinsatz

Die britische Schlagzeugerin Evelyn Glennie ist nahezu gehörlos – und elektrisiert dennoch ihr Publikum. Am heutigen Samstag ist sie im Nikolaisaal zu erleben. 

Babette Kaiserkern
Evelyn Glennie, britische Schlagzeugerin und Komponistin.
Evelyn Glennie, britische Schlagzeugerin und Komponistin.Foto: James Callaghan/promo

Potsdam -  Als Evelyn Glennie anfing, Pauke, Trommel und Xylophon zu spielen, war dies für ein junges Mädchen noch höchst ungewöhnlich. Heute blickt die gebürtige Schottin auf eine so lange und erfolgreiche Karriere zurück, wie keine andere Frau auf ihrem Gebiet. Jetzt kommt die ungekrönte Königin des Schlagzeugs in den Nikolaisaal Potsdam. „Meine Rolle auf dem Planeten ist es, die Macht des Klangs zu verbreiten“, erklärt Glennie in einem Interview mit der Zeitung „The Scotsman“. Was auf den ersten Blick nicht gerade nach Understatement klingt, trifft bei ihr durchaus zu. Denn die Musikerin tourt seit über dreißig Jahren als Solistin durch die Welt.

Ihre ungewöhnliche Karriere begann auf einer Farm in Aberdeenshire. Dort wuchs Glennie als jüngstes von drei Kindern auf. Musik gehörte von klein auf zu ihrem Leben dazu, vor allem die Folklore ihrer Heimat, wo ihre Mutter Orgel spielte und ihr Vater mit dem Akkordeon auftrat. Glennie lernte zunächst Klavier und Schlagzeug und gab ihren einmal eingeschlagenen Weg auch nicht auf, als ihr Hörvermögen im Alter von zwölf Jahren nachließ. Auf Anraten ihres Perkussionlehrers benutzte sie schließlich keine Hörgeräte mehr und verwendete fortan ihren ganzen Körper als Resonanzraum. Um die Schwingungen bis hinunter zum Boden aufzunehmen, musiziert sie bis heute gern barfuß.

Die britische Percussionistin spielt gern barfuß.
Die britische Percussionistin spielt gern barfuß.Foto: Philipp Rathmer/promo

Ihre Bewerbung an der Royal Academy of Music in London wurde zunächst abgelehnt, doch schließlich akzeptiert. Auf die Frage, was außer einer besonders großen Begabung noch zu ihrem Erfolg beigetragen habe, antwortete Evelyn Glennie einmal: „Ich würde sagen, dass jeder, der eine bestimmte Karriere einschlagen will, sich ein klares Ziel setzen sollte. Man muss an sein einmal gewähltes Ziel glauben und sich seine eigenen Gelegenheiten schaffen!“ Evelyn Glennie nahm mit so unterschiedlichen Musikerinnen wie Björk, Sting, den King´s Singers und vielen anderen über 30 CDs auf. Bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London spielte sie 2012 ein stimmungsvolles Solo auf dem Aluphone. Sie schrieb zwei Bücher, hält Vorträge und wurde von der Queen zur „Dame“ geadelt.

Dass im 20. Jahrhundert der Rhythmus die Vorherrschaft in der Musik übernommen hat, daran hat sicherlich Evelyn Glennie auch einen Anteil. Sie besitzt eine Sammlung von über 2000 Schlaginstrumenten, von denen viele bei ihren Auftritten erklingen. Gefragt, welches Instrument sie denn auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde, antwortete Glennie dem Drumazine: „Dann würde ich die Snare Drum (Kleine Trommel) mitnehmen. Ich verwende die Snare Drum in neun von zehn Konzerten und liebe es, sie zu spielen. Sie ist eines der anspruchsvollsten Instrumente und ich könnte nicht ohne sie sein.“

Evelyn Glennie spielt und improvisiert nicht nur, sondern sie komponiert auch. Das Potsdamer Konzert wird eröffnet mit einem Konzert von Antonio Vivaldi auf der Marimba. Das Spannende: Der Komponist kann dieses Instrument noch gar nicht gekannt haben. Doch das stark rhythmische, passagenweise geradezu ekstatische Werk beeindruckt gerade in der Glennies Version. Eines der jüngsten Kinder in der Familie der Schlaginstrumente ist das Hang, welches im Jahr 2000 von Felix Rohner und Sabina Schärer in der Schweiz erfunden wurde. Inzwischen wurde es zur Halo Handpan weiterentwickelt. In ihrer eigenen Komposition „Orologeria Aureola“ (2011) erkundet Glennie seine Klangwelten. In dem Solowerk „Crossover“ (2018) von Jan Bradley stehen sich hingegen zwei Trommeln gegenüber, sodass die Schlägel bei schnellem Tempo hin-und-herspringen – das ergibt ein höchst virtuoses Feuerwerk.
>>Konzert am heutigen Samstag um 20 Uhr im Nikolaisaal