Kultur : Es regnete Sternschnuppen

Jongleure aus Toulouse ließen die Bälle tanzen

Astrid Priebs-Tröger

Mit einem „Ballett der Boote“ wurden die 20. Tanztage am Mittwochabend eröffnet. Zwei Tage später waren unzählige kleine Bälle die Stars des Abends. Und das im Wortsinn, denn wenn die drei Jongleure Nicolas Mathis, Julien Clément und Denis Fargeton vom „Collectif Petit Travers“ aus Toulouse viele von ihnen gleichzeitig und rasend schnell auf eine elliptische Bahn schickten, dann fühlte sich das wie unter einem Sternschnuppenregen an: ungemein surreal und wunderbar schwerelos.

So viel Leichtigkeit, Witz und Charme ist selten im modernen (Tanz-)Theater. Und wenn man meint, Jongleure seien keine Tänzer, dann wurde man am Freitag- und Samstagabend eines Besseren belehrt. Denn wie sich die drei im Raum bewegten, um sich die Bälle zuzuspielen, sie vor dem Absturz zu bewahren oder erneut auf die Umlaufbahn zu schicken, hatte das neben viele tänzerische auch noch jede Menge theatralische und poetische Momente. Denn die weißen tennisballgroßen Objekte verwandelten sich in ihren Händen plötzlich in alles: Worte, Gefühle, Träume oder eben Sternschnuppen. Und Nicolas, Julien und Denis zeigten mit wohldosiertem Witz und ziemlicher Raffinesse, wie beinahe jede (menschliche) Kommunikation funktioniert.

Die drei erhielten ihre Ausbildung auf der Zirkusschule von Besançon und haben sich mit anderen Künstlern zusammengetan, um die Musikalität der Jonglage zu erforschen. Auch wenn diese zirzensische Disziplin an sich schon genug Bewunderung erregt – und die Männer in den dunklen Anzügen beherrschen ihr Metier herausragend – die Verbindung mit Live-Klaviermusik von Liszt, Beethoven, Mozart, Bach, Wagner und anderen (Pianistin: Aline Piboule) ergibt eine Sprache, die nahezu alle Facetten menschlichen Lebens ausdrücken kann. Und das war so pointiert, so lakonisch und so wunderbar, dass jedes Kind – und im Publikum waren eine ganze Menge davon – diese universelle Sprache verstehen kann.

Nur die den tanzenden Jongleuren täuschend ähnliche Puppe reagierte nicht, und verschwand, da sie nicht mit Bällen spielen, also nicht leben kann, dann auch bald wieder von der Bühne. Doch die Zuschauer, die von „Pan Pot“ während der Deutschlandpremiere sofort verzaubert waren, ließen sich ein auf dieses wunderbare Zwiegespräch. Nahmen jede noch so kleine Geste, jeden Fingerzeig besonders des Komischen an und schlossen diese clownesken Traumtänzer sofort in ihr Herz. Ließen sich von ihnen aber auch bereitwillig auf den Arm nehmen, als sie sich nämlich nach zwei Dritteln der Aufführung verbeugten und anschickten, die Bühne zu verlassen. Welches fulminante seh- und hörbare Abschluss-Ballfeuerwerk dem Publikum dann entgangen wäre, hätte es eigentlich ahnen müssen.

Auch diese zweite ungewöhnliche Tanztheaterproduktion aus Toulouse war leider viel schnell zu Ende und man kann noch so mit Worten jonglieren und wird ihrer Atmosphäre doch nur ansatzweise gerecht. Nicht wenige Besucher blieben am Samstag auch noch zum Publikumsgespräch. Wo die drei Artisten vom zweijährigen Probenprozess erzählten und auch einige Geheimnisse aus dem Raum hinter den Kulissen preisgaben.

Astrid Priebs-Tröger

Heute bringt der israelische Choreograf Arkadi Zaides palästinensische und israelische Darsteller zusammen, die in „Quiet“ dem Zustand ihres Landes nachspüren, Beginn 20 Uhr im T-Werk.

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