Kultur : „Es floss mir aus der Feder“

Volker Schlöndorff schrieb seine Memoiren über „Licht, Schatten und Bewegung“

Wilfried Mommert

Natürlich war es ein Schock für Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“), als er nach sieben Jahren intensiver Vorbereitung das Mammutprojekt der „Päpstin“-Verfilmung abgeben musste. „Ich kann dem aber nicht mehr nachtrauern, es wäre mit uns sowieso nichts geworden“, sagt Schlöndorff dazu jetzt in einem Gespräch. „Natürlich nagt das noch irgendwo, vor allem wenn ich jetzt die Meldungen über die Dreharbeiten mit Sönke Wortmann und einem Teil meines Teams lese, aber ich hake das jetzt ab.“

Die „Katastrophe“ gab ihm die Zeit und die Gelegenheit, seine schon lange geplanten Memoiren zu schreiben, die gestern erschienen sind. Außerdem erscheint jetzt auch sein filmisches Gesamtwerk in einer DVD-Collection.

Ruhe gibt es auch weiterhin nicht für den 69-Jährigen. Das nächste Filmprojekt ist in Vorbereitung, „Gigola“ über die Glitzerwelt der Pariser Revuetheater und ihrer (lesbischen) Protagonistinnen, den „garconnes“. Und im nächsten Jahr inszeniert er auf Schloss Neuhardenberg Leo Tolstois letztes Theaterstück „Und ein Licht leuchtet in der Finsternis“ mit Angela Winkler und Hans-Michael Rehberg. Damit soll es dann aber auch im Theater- und Opernbereich sein Bewenden haben, meint Schlöndorff, der sich nun mal seiner alten Liebe Kino und Film verschrieben hat und als einstiger Chef des Studios Babelsberg mit Genugtuung das Aufblühen des traditionsreichen früheren Ufa- und Defa-Filmgeländes – mit kräftiger Hilfe von Hollywood – sieht.

Jetzt aber erst einmal der große Rückblick auf ein ereignisreiches Leben und ein gutes Stück deutscher Filmgeschichte der Nachkriegszeit. „Das war schon ungewohnt für mich, dennoch habe ich es ganz allein geschrieben, mit Hilfe meiner Tagebücher und Notizzettel. Es ist ein Buch, keine Literatur, das floss mir aus der Feder. Ich wollte erzählen, erzählen, erzählen. Und es wurde eine Zeitreise und irgendwie auch ein Geschichtsbuch“ – und eine Art Lebensbilanz, zum Beispiel über das „wahre Leben“ eines Filmemachers.

„Vermutlich ist das ,wahre Leben“ die letzte uns verbliebene Utopie.“ Hat er es mit nun bald 70 Jahren denn gefunden? „Ich bin ihm näher denn je, wenn es mir jetzt nur nicht so ,abständig“ vorkäme, man erlebt doch mit 70 vieles nicht mehr so elementar wie mit 20 oder 30. Ich war damals als Jungsporn beruflich zu ehrgeizig, ein bisschen verpasste Jugend ist das schon.“ Und dennoch, seinen „Traumberuf“ hat er gefunden: „Ich bin jetzt eigentlich mehr denn je das, was ich immer sein wollte.“

Wie ein „großer Abenteuerspielplatz“ sei ihm das Leben als Filmregisseur oft vorgekommen – mit allen Auf und Abs und auch Zweifeln. „Man zweifelt doch immer wieder auch am eigenen Talent“, meint ein Mann rückblickend, der immerhin den ersten deutschen Oscar nach dem Krieg gewonnen hat.

Ja, natürlich ist er stolz auf diesen Erfolg, vor allem aber, dass bei der „Blechtrommel“ alles gestimmt habe und gelungen sei. Eine Fortsetzung bis zum Mauerfall 1989 war mit Günter Grass auch geplant, scheiterte aber am Widerstand des Hauptdarstellers David Bennent, wie Schlöndorff sich erinnert. Ins Sinnieren kommt der Regisseur, wenn er daran denkt, dass ein anderer Film von ihm, mit dem er riesige Probleme beim Drehen hatte, heute bei den DVD-Käufern populärer als die „Blechtrommel“ ist – die Max-Frisch-Verfilmung von „Homo Faber“.

Zwei Filme sind ihm besonders ans Herz gewachsen, sieht man von seinem Erstling „Der junge Törless“ (1966) ab („ein Erstlingsfilm hat eine Dringlichkeit und Unbekümmertheit, die man meistens nie wieder erreicht“) – „Der Fangschuss“ (Le Coup de Grace/1976) nach dem Roman von Marguerite Yourcenar mit seiner damaligen Frau Margarethe von Trotta und der KZ-Film „Der neunte Tag“ mit Ulrich Matthes von 2004, der „im Kino leider mit fast null Zuschauern und im Fernsehen nachts um 0.45 gesendet“ wurde. Aber das mit dem Fernsehen ist schon wieder ein eigenes Thema. Hinter die Zukunft des Kinos setzt Schlöndorff einige Fragezeichen, um dann aber doch zu resümieren: „Mit Kamera und Film werden wohl immer wieder Geschichten auch für die große Leinwand erzählt werden.“

Volker Schlöndorff, Licht, Schatten und Bewegung - Mein Leben und meine Filme“, Hanser Verlag.