• Erzählfestival „Verbale“ startet im Volkspark: Die Faszination der mündlichen Überlieferung

Erzählfestival „Verbale“ startet im Volkspark : Die Faszination der mündlichen Überlieferung

Astrid Priebs-Tröger

Man kann gar nicht anders als zuhören. Wenn die Potsdamer Geschichtenerzählerin Suse Weisse erzählt, lässt sich der Alltag vollkommen vergessen. Das hätten ihr Besucher der diesjährigen Schlössernacht berichtet, sagt Weisse. „Man verbindet sich in der Gemeinschaft des Erzählens und Zuhörens – und zwar wesentlich tiefer als in der modernen Kommunikation.“ Seit 15 Jahren widmet sich die ausgebildete Theaterpädagogin und Regisseurin ganz dieser uralten Kulturtechnik. Nun startet in diesen Tagen das von ihr initiierte mehrtägige Erzählfestival „Verbale“ im und rund um das Montellino-Zirkuszelt im Bugapark.

Weil Weisse ihre Begeisterung mit anderen teilen wollte, gründete sie 2011 den Erzählwerk e.V. und erzählt seitdem mit neun anderen Potsdamer Frauen Märchen und Geschichten aus aller Welt für Jung und Alt. „Erzählen heißt mitteilen“, sagt die schmale Frau mit der kräftigen und warmen Stimme im Gespräch. „Und Mitteilen bedeutet für sie, etwas miteinander zu teilen.“ Und in den meisten überlieferten Geschichten geht es dabei um etwas Wesentliches.

Geschichten aus aller Welt wollen die Erzählerinnen mit internationalen Gästen auch am kommenden Wochenende weitertragen. Nach den langen Nächten in der Schiffbauergasse, im Projekthaus Scholle oder im Café Zweitwohnsitz wurden sie zu dem Festival durch einen Besuch des berühmten „Beyond the border“-Storytelling-Festivals in Wales im vergangenen Jahr angeregt. Auf ihrer ersten Potsdamer „Verbale“ wollen die Erzählerinnen nicht nur selbst ein breites Forum im großen Zirkuszelt und in mehreren kleinen Zelten, im Bauwagen oder während der geplanten Kräuterspaziergänge haben, sondern auch das Publikum zum Erzählen animieren. Gleich zu Beginn des Familientages am kommenden Samstag kann man sich von den mit farbigen Buttons gekennzeichneten Erzählerinnen eine Geschichte unter vier Augen erzählen lassen.

Diese soll sich dann durch eigene Beteiligung wie im Schneeballprinzip unter den großen und kleinen Menschen auf dem Gelände verteilen. Ganz Mutige können sich damit auch auf einer der offenen Bühnen präsentieren. Die Höhepunkte des dicht gestrickten Programms, das um 15 Uhr für Kinder beginnt und sich von 19 bis 23 Uhr vornehmlich an Jugendliche und Erwachsene richtet, sind sicher die Auftritte der geladenen internationalen Gäste.

Das sind Nathalie Bondoux aus Frankreich und Jan Blake, die aus England kommt und jamaikanische Wurzeln hat. Gemeinsam mit Suse Weisse wird die französische Erzählerin Geschichten vom „Weggehen und Nachhausekommen“, einander abwechselnd, auf Deutsch und Französisch erzählen. Dafür braucht es genauso wenig Übersetzung wie für die Geschichten der energiegeladenen Jan Blake, da alle nicht nur mit ihren Worten, sondern mit Leib und Seele agieren werden.

Suse Weisse und die anderen Erzählerinnen übernehmen beim Erzählen die Autorenschaft. Sie ermöglichen die Identifizierung mit den jeweiligen Helden und dass diese ihr Schiff in einen sicheren Hafen bringen können. Um möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen, gibt es ein Freikartenkontingent, das über die Neuen Nachbarschaften – die Flüchtlingsarbeit in Potsdam-West und Bornstedt – sowie über KidsKultür zur Verfügung gestellt wird.

Astrid Priebs-Tröger

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