Kultur : Erprobtes Strickmuster

Die Travestie-Komödie „Ganze Kerle“ auf dem Theaterschiff

Astrid Priebs-Tröger
Exotisches Quartett. Männer in Stöckelschuhen, Perücken und Glitzerkleidern – die kanadischen Komödie „Ganze Kerle“ hatte am Freitagabend auf dem Theaterschiff Premiere.
Exotisches Quartett. Männer in Stöckelschuhen, Perücken und Glitzerkleidern – die kanadischen Komödie „Ganze Kerle“ hatte am...Foto: Promo

Was in Männern so alles drinsteckt! Neben dem sogenannten „weichen“ Kern scheinbar auch jede Menge Lust, sich nahezu unbekleidet oder gar in Frauenkleidern auf eine Bühne zu stellen. Diesen Eindruck kann jedenfalls bekommen, wer von Zeit zu Zeit das Theaterschiff besucht. Regisseurin Constanze Jungnickel und Choreograf Rüdiger Braun haben nach der Premiere von „Ladies Night“ gerade mal ein Jahr vergehen lassen, um mit der kanadischen Komödie „Ganze Kerle“, die am Freitagabend Premiere hatte, erneut dieses publikumswirksame Genre zu bedienen. Und diesmal vier Herren in Frauenkleidern als Höhepunkt des Abends zu präsentieren.

Doch bevor die Paketboten Paul, George, Manuel und Sam auf die Idee kommen, eine Travestieshow einzustudieren, erfährt man so einiges aus ihrem Leben. Alle haben Probleme mit den Frauen und ihrem Alltag. Paul (Albrecht Bechmann) ist ein verbummelter Student, dessen Frau bei Meinungsverschiedenheiten schon mal kräftig zulangt. George (Karl-Heinz Konrad) ist unter Kollegen zwar ein Maulheld, aber ansonsten ein einsamer Witwer, der Mexikaner Manuel (Sanny Olah) arbeitet nach der Tagesschicht als Gogo-Tänzer in einer Schwulenbar und Muttersöhnchen Sam (Stefan Reschke) ist hochgradig empfindlich und reagiert auf fast alles allergisch.

Dieses Quartett erfährt in der Weihnachtszeit, dass die jüngste Tochter des ungeliebten Chefs dringend eine Augenoperation benötigt und beschließt, diesem bei der Geldbeschaffung unter die Arme zu greifen. So richtig erschließt sich die Motivation für diese Großherzigkeit nicht, das mag zum Gutteil an der Stückvorlage liegen. In der Inszenierung von Constanze Jungnickel ist es jedenfalls so, dass die Herren, wohl vor allem um ihrem glanzlosen Alltag zu entkommen, zu Stöckelschuhen, Perücken und Glitzerkleidern greifen. „Einmal ausprobiert, ist es wie eine Sucht“, wird selbst der ewig maulende Paul feststellen.

Auch hier wie in „Ladies Night“ das erprobte Strickmuster: Potenzielle Verlierertypen machen was Exotisches und finden dabei sich selbst. Es ist wirklich überraschend, wenn sich die Herren der Schöpfung schlussendlich als Marilyn Monroe, Mireille Mathieu, ABBA-Agnetha und Tina Turner präsentieren, aber der Weg dahin ist doch einigermaßen holprig. Und: „Ganze Kerle“ entfaltet bei Weitem nicht so viel Spannung wie „Ladies Night“ und neben einigen Textunsicherheiten sind auch die Dialoge weniger spritzig und streckenweise langatmig. Ein paar mehr Striche hätten gut getan. Doch auch die Story, dieses auf Kleinkunstbühnen oft gespielten Stücks der kanadischen Autorin Kerry Renard hat ihre Ecken und Kanten: die schlagartige solidarische Verbrüderung von Chef und Angestellten ist auch im Theater einfach nur Sozialkitsch.

Bleibt also das Finale. Hier zeigen die Kerle und auch Sams Mutter (Barbara Schaffernicht), was sie eigentlich draufhaben. Und das ist für Laiendarsteller eine ganze Menge. Acht Herrenbeine in Netzstrumpfhosen und „wohlgeformte“ Leiber in Korsagen, bewegen sich gekonnt und lassen den Abend für ein gutgelauntes Publikum mit Begeisterungsrufen und reichlich Beifall doch zum guten Ende kommen. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellungen am 1. Mai, 20 Uhr und am 2. Mai, 19 Uhr auf dem Theaterschiff

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