Kultur : Ein nachträgliches Geschenk

„Der Nussknacker“ zu Gast im Nikolaisaal

Peter Buske

Längst haben die Geschenke unterm Weihnachtsbaum ihre Empfänger erreicht, sind ausgepackt, verschnabuliert oder in mehr oder weniger sinnvollem Gebrauch. Auch mag bei der Bescherung so manche Karte für die Vorstellung von Peter Iljitsch Tschaikowskys Märchenballett „Der Nussknacker“ für besondere Freude gesorgt haben. Schließlich sind die großen wie kleinen Potsdamer Ballettfreunde mit derlei Vergnüglichkeiten nicht sonderlich verwöhnt.

Nun also ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk, präsentiert vom Russischen Staatstheater für Oper und Ballett der Republik Komi, deren Verwaltungszentrum Syktyvkar mit seinen 230 000 Einwohnern etwa 1500 Kilometer nordöstlich von Moskau entfernt liegt. Auch ihre diesjährige mehrwöchige Deutschlandtournee hat die exzellent geschulte Balletttruppe in Potsdam mit „Schwanensee“ begonnen und am Donnerstag im ausverkauften Nikolaisaal mit dem „Nussknacker“ beendet. Wer die poesievoll-traditionelle Inszenierung von Maria Bolschakowa (Bolschoi-Theater Moskau) nach der legendären Originalchoreografie von Marius Petipa/Lew Iwanow bereits im Vorjahr erleben konnte, wird sich erneut an der farbenbunten kostümlichen Opulenz genauso erfreut haben wie an der künstlerischen Vertiefung der jeweiligen Figuren und Bühnenpräsenz der Akteure. Die unverwüstlichen malerischen Bühnenprospekte entführen erneut in jene biedermeierliche deutsche Kleinstadt, wo Kinder im Hause der vermögenden Familie Stadelmann auf die Bescherung warten. Zuvor tanzen sich auch ihre Freunde an der Hand von deren Eltern erwartungsfroh an den Ort der Überraschungen. Die Musik, ein gut abgemischter Bandmix von Aufnahmen mit dem Orchester des Bolschoi-Theaters und des weißrussischen Sinfonieorchesters Minsk, tönt aus einer erstaunlich gut klingenden Musikanlage, sodass sich akustisches und optisches Vergnügen in bestem Einvernehmen befinden.

Von den Solisten bis hin zu den Eleven beherrschen alle das klassisch-akademische Tanzvokabular aus dem Effeff. Und so können sie mit müheloser Eleganz, standsicherem Spitzentanz und weiten Sprüngen das zauberhafte Geschehen um Nussknacker und Mäusekönig (nach der Novelle von E.T.A. Hoffmann) lebendig und ausdrucksstark, voller jugendlicher Frische und federleichter Anmut erzählen. Dabei nehmen sich Hände und Füße gleichermaßen überzeugendes „Rederecht“ heraus. Im Mittelpunkt der Sinnenfreude steht Natalja Suprun als der Familie Stadelmann liebreizendes Töchterlein Marie, die sich als eine leichtfüßige Springerin und brillante Dreherin erweist. Als wahrlich zauberhafter Herr des Geschehens erweist sich Roman Mironow als Patenonkel Drosselmeier, der Spielzeugpuppen bühneneffektvoll in richtige Menschen verwandeln kann! So den Nussknacker (Subudai Kyrgys), der sich mit seinen Soldaten eine wirkungsvolle Schlacht mit dem Mäusekönig und dessen Heer liefert. Nach all den Aufregungen träumt sich Marie einen fantastisch-stattlichen Märchenprinzen (Rinat Bikmuchametow) herbei. Gemeinsam tanzen sie in das Land der Süßigkeiten. Dort hat Drosselmeier ein verführerisches Fest organisiert: mit anmutigem „Blumenwalzer“, quirligem „Chinesischen Tanz“, laszivem „Orientalischen Tanz“, feurigem „Spanischen Tanz“. Allesamt mit Szenenbeifall bedacht, der schließlich in den Schlussjubel mündet.

Peter Buske