Kultur : Ein Leben

Joachim Gauck las im Truman-Haus

Astrid Priebs-Tröger

Das Publikum kam zahlreich. So zahlreich, dass es zuletzt in den drei Etagen übereinander im Atrium des Neubaus platziert wurde. Und man für die immer noch Überzähligen eine Videoübertragung im Kaminzimmer des Babelsberger Truman-Hauses organisiert hatte. Das Interesse galt Joachim Gauck, dem ehemaligen Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit, der am Montagabend auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung aus seinen 2009 veröffentlichten Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ las.

Der inzwischen 70-Jährige bekannte vorab freimütig, wie schwer es ihm gefallen sei, selbst zur Feder zu greifen, weil er auf dieser Erinnerungsreise an nicht wenigen Stationen seines bewegten Lebens „in einem Meer von Traurigkeit versank“. Diese Emotionalität könne er zwar inzwischen zulassen, wolle sie aber nicht permanent öffentlich ausleben, sodass er sich seine Co-Autorin, die Journalistin Helga Hirsch, zur Unterstützung mitgebracht hatte. Bevor Gauck wirklich zu lesen begann, stellte er die innere Struktur des fast 350 Seiten starken Buches vor und kündigte an, sich im Anschluss keiner Debatte, sondern vor allem Vier-Augen-Gesprächen zu stellen.

Zwei Klammern bestimmten das Leben des 1940 an der Ostseeküste geborenen evangelischen Theologen. 1951 wurde sein Vater verhaftet und zu zweimal 25 Jahren verurteilt; vier davon verrichtete er Zwangsarbeit in Sibirien. Dieser „Winter im Sommer“ mit all seinen Auswirkungen – „so ein Schicksal ist eine Erziehungskeule“, so Gauck – entfremdete den Heranwachsenden schlagartig seiner Umgebung und ließ ihn auf innere Distanz zum realsozialistischen Alltag gehen. Den „Frühling im Herbst“ seines eigenen Lebens markierte hingegen die Maueröffnung und die Wiedervereinigung mit ihrem jahrzehntelang herbeigesehnten Freiheitsgewinn.

Dazwischen erzählte Gauck mit Stolz, wie es ihm gelang, im Neubaustadtteil Rostock-Ewershagen trotz aller staatlichen Repression ein funktionierendes Kirchengemeindeleben aufzubauen und mit heute noch spürbarer Verzweiflung, wie drei seiner vier Kinder die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR erreichten, also in die Bundesrepublik ausreisen durften. Am 24. Dezember 1987 fehlten auf einen Schlag sieben der liebsten Menschen unter dem Weihnachtsbaum. Gauck bekannte, wie es ihm immer wieder gelang, die eigene Ohnmacht und Traurigkeit zu verdrängen, und auf seinem Platz, an den er sich auch als Theologe gestellt sah, zu bleiben. Dieses trotzige „Ich bleibe!“ haben nicht wenige Menschen mit ihm geteilt.

Der Brief an seine „Westkinder“ von 1989 belegte eindrücklich, wie sehr er sich danach gesehnt hat, hierzulande Verantwortung zu übernehmen und das SED-Regime abzulösen. Als Mitbegründer des Neuen Forums wurde er schnell zu einer Symbolfigur des Aufbruchs, dessen intensive Atmosphäre noch einmal minutenlang im Truman-Haus aufschien. Joachim Gauck betonte, dass es für das ostdeutsche Selbstbewusstsein ungemein wichtig sei, sich zu erinnern. „Wir waren es, die das Neue begonnen haben“, sagte er, und dass, die DDR nicht (nur) implodiert sei, sondern viele Menschen aus der verordneten Gefolgschaft zur eigenen Ermächtigung gelangten.

Dieser Freiheitsgewinn ist ein kostbares Gut und unverzichtbar in der Demokratie, die er für „das Komplizierteste, was auch einfache Menschen machen können“ hält. Astrid Priebs-Tröger

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst, Siedler Verlag, München 2009, 22,95 Euro

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