• Ein kanadischer Kästner Großes Kindertheater am HOT: „Agent im Spiel“

Kultur : Ein kanadischer Kästner Großes Kindertheater am HOT: „Agent im Spiel“

Astrid Priebs-Tröger
Agenten im Spiel. Luise (Barbara Fressner) und Daniel (Gregor Knop). F.: G. Gnaudschun
Agenten im Spiel. Luise (Barbara Fressner) und Daniel (Gregor Knop). F.: G. Gnaudschun

„Jeder Mensch braucht einen Ort, eine Schule und Freunde“, sagt Angelo im neuen Kindertheaterstück „Agent im Spiel“, das am Donnerstag in der Reithalle zur Premiere kam. Dessen Hauptfigur Daniel (Gregor Knop) hat von allem zu viel und zu wenig zugleich. Zu viele Ortswechsel in kurzer Zeit, da seine Mutter Luise (Barbara Fressner) ihr Leben überhaupt nicht auf die Reihe bekommt.

Von Daniels Vater, der angeblich im Harz wohnt und bei der Bergrettung arbeitet, hat sie sich getrennt. Und ihre Arbeitsplätze und Liebhaber wechselt sie genauso schnell wie ihre Behausungen. Ihr Sohn muss gleichzeitig in viele Rollen schlüpfen und nicht nur das (wenige) Geld seiner Mutter verwalten. Damit der 12-Jährige dabei selbst nicht völlig auf der Strecke bleibt, erfindet er fortwährend Geheimagenten-Geschichten, und malt sich so sein unstetes Leben mit vielen Farben schön.

Zu Beginn der 70-minütigen temporeichen Inszenierung von Aurelina Büchner sind Mutter und Sohn gerade wieder aus einer Wohnung geflogen und steuern mit vier Plastiktaschen und einem Blumentopf die nächste an. Die liegt im Keller eines grauen Hauses. Und dass sie da nicht lange drinbleiben werden, steht eigentlich von Anfang an fest.

Die Stückvorlage und die Inszenierung arbeiten – nicht nur hier – mit vielen Zuspitzungen, Übertreibungen und Brüchen. Und das ist gut so. Denn im Alltag wird über Themen wie Armut und ihre Folgen für Kinder nur selten offen gesprochen. Zum Glück ist „Agent im Spiel“ von David S. Craig dabei kein negatives und deprimierendes Stück. Das ist vor allem der starken Hauptfigur zu verdanken. Gregor Knop spielt diesen Daniel mit viel Empathie und Charme sowie einer großen Begeisterung für das Geschichtenerfinden.

Diese ist so ansteckend, dass auch die Nachbarskinder Melanie (Teresa Zschernig) und Angelo (Juliane Götz) bald dabei mitmachen, obwohl sie sich vorher nicht ausstehen konnten. Sie scheinen auf den ersten Blick ein wenig mehr Glück im Leben zu haben. Doch schnell tritt hinter Melanies schillernd-zickiger Fassade zutage, dass sie heftig unter der Trennung ihrer Eltern und dem Zerrieben-Werden zwischen beiden leidet. Und der sympathische Angelo hat einen arbeitslosen Vater, der vor lauter Gram unheimlich böse geworden ist.

Daniel, der immer wieder neue Freunde braucht, schafft es, Kinder und Erwachsene zu verstehen und sie manchmal sogar wieder zusammenzubringen. Doch irgendwann ist auch seine Kraft erschöpft und die Enttäuschung über seine Mutter so groß, dass er nur noch in der Flucht zu seinem Vater sein Heil sucht. Aber die Mutter hat ihn belogen, und so strandet er unter einer Brücke im eisigen Wald.

Dies ist der Umschlagpunkt der trotz der schweren Thematik leichtfüßigen Inszenierung. Jetzt ist der unermüdliche Spieler wirklich ernsthaft in Gefahr. Und wiederum in einem Spiel im Spiel wird er von seinen Freunden „gerettet“. Denn sie sind die Einzigen, die begriffen haben, was er wirklich braucht – und was sie alle verbindet.

In der Begründung zur Nominierung des Stückes für den Deutschen Kindertheaterpreis schrieb die Jury über „Agent im Spiel“, das Stück habe einen „fast schon Kästnerschem Gestus“. Und tatsächlich ist „Agent im Spiel“ ein Stück für Kinder (ab 9 Jahre) und Erwachsene gleichermaßen. Vor allem, weil die Potsdamer Inszenierung klare und oft auch komische Bilder zugleich findet, emotionale Zustände auf den Punkt bringt. Schön die Schattenspiele der übermächtigen Eltern, klasse auch das in die Mülltonne geworfene Smartphone mit dem Melanies Eltern streiten. So heftig, dass die Tonne für alle sichtbar wackelt. Und überzeugend auch das Spiel der einzig erwachsenen Protagonistin – Daniels Mutter – im Stück, die immer wieder „Voyage, Voyage“ trällert und alles daran setzt, während ihrer eigenen Berg-und-Tal-Lebensreise nicht gänzlich unterzugehen. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellungen am 19.10. um 9 und um 11 Uhr sowie am 20.10. um 10 Uhr

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