• Draußen die Blumen, drinnen das Unterholz

Kultur : Draußen die Blumen, drinnen das Unterholz

„Through a Forest Wilderness“ im Pavillon der Freundschaftsinsel zeigt Performances im Wald

Während sich draußen auf der Freundschaftsinsel der gezähmte Garten in schönster Sommerblüte zeigt, herrscht drinnen im Pavillon die unbändige, ungebändigte Natur. Draußen die Blumen, drinnen das Unterholz. Draußen die in eine züchtige Nacktheit gegossene Bronze „Kämmende“ von Gerhard Rommel, drinnen auch viel bloße Haut, allerdings auf Fotografien – Leiber, die an Bäumen baumeln, an Bäume geknotet sind, im hohen Gras kauern. Draußen hat der Mensch die Natur aufrechten Gangs bezwungen – drinnen ist er ihr unterworfen, unterwirft sich ihr. Lustvoll, verzweifelt, auch komisch. Und stellt damit die Frage: Wer beherrscht hier wen?

„Through a Forest Wilderness“ heißt diese Schau, die derzeit im Ausstellungsort des Brandenburgischen Kunstvereins zu sehen ist, für nur kurze Zeit (bis 6. September). „Aktionen im Wald“ lautet der Untertitel, und präzisiert auch die Formen, die hier versammelt sind: Performance, Konzeptkunst, Events. Gestaltet hat die Schau die Kuratorin Petra Stegmann, die viel über Fluxus gearbeitet hat und zuletzt 2016 die Ausstellung „A New Pleasure Ground“ im Atelierhaus Panzerhalle in Groß Glienicke verantwortete.

Im Pavillon der Freundschaftsinsel hat sie nun Filme und vor allem Fotografien von Künstlern zusammengetragen, die seit den 1960er-Jahren im, um oder über den Wald gearbeitet haben – man kann sagen: sich an ihm abgearbeitet haben. Viele der gezeigten Arbeiten machen deutlich, wie existenziell Wald, Sinnbild für unberührte Natur, und Mensch verbunden sind. Am schmerzlichsten deutlich wird das bei dem tschechischen Künstler Petr Stembera. In seiner Performance „Propfen“ von 1975 pflanzt er sich einen Zweig in die eigene Blutbahn. Fotos zeigen ihn, wie er sich ritzt, den Zweig unter die Haut schiebt, der Arm dann mit etwas, das wie Bast aussieht, verbunden ist. Ein erschütterndes Bild dafür, wie es nun mal ist: Der Mensch hängt am Tropf der Natur, ist angewiesen darauf, dass sie Leben spendet.

Auch andere Werke zeugen von hochgradigem Körpereinsatz. Die US-amerikanische Künstlerin Carolee Schneemann, die in diesem Jahr bei der Kunstbiennale in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk erhielt, hängt in der Anfang der 1970er-Jahre entstandenen Arbeit „Up to and inluding her limits“ (Bis an ihre und einschließlich ihrer Grenzen) nackt an einem Seil, rücklings baumelt sie am mächtigen Ast eines Baumes. Die Arme ausgestreckt, das Gesicht irgendwo zwischen Schmerz und Lust. Wie eine zeitgenössische Variation auf Schneemanns Performance wirkt Hilde Krohn Huses „Hanging in the Woods“ von 2014. Die Norwegerin fesselt sich für eine Videoarbeit an einen Baum, nackt, und verfängt sich dabei so sehr mit dem Fuß in einem Strick, dass sie nicht mehr loskommt und schließlich nach Hilfe rufen muss. Das Video nimmt alles auf, als stummer Zeuge eines immer verzweifelteren Kampfes. Der Clip ist auf YouTube zu sehen, wo er viele Tausend Clicks erzielte – nicht nur die Natur kann grausam sein in ihrem Desinteresse für menschliches Ringen, der Mensch ist es auch. Auf andere Weise.

Der Kampf zwischen Natur und Mensch, den die Schau zeigt, ist nicht immer so gnandenlos. In einem „Kommunikation mit der Natur“ übertitelten Abschnitt sind künstlerische Gesten aus den 1970er- und 1980er-Jahren dokumentiert, die den Dialog mit der Natur suchen – teilweise im Wortsinn. Der tschechische Aktionskünstler Milan Knizak, einige Jahre Leiter der Nationalgalerie in Prag, rief 1980 zur Freundschaft mit einem Baum auf und gab dazu eine Anleitung in mehreren Schritten: Bekleidung für den Baum, Besuch beim Baum, Brief an dem Baum. Fotos zeigen Knizak neben „seinem“ Baum, dem er einen weißen Kragen und eine Krawatte verpasst hat. Auch Briefe soll er ihm geschrieben haben, allerdings kamen sie zurück.

Was Knizak humoristisch angeht, hatte in den 1980er-Jahren einen hochaktuellen Hintergrund: das Waldsterben. „Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“ lautete ein viel zitiertes Motto. Auch für DDR-Künstler war das ein Thema, wie die Arbeiten der Karl-Marx-Städter Künstlergruppe Clara Mosch zeigen. „Tabarz recycling“ heißt eine Aktion der Gruppe von 1983. Auf Fotos sieht man die Aktivisten im Thüringer Wald: Die kahlen Äste eines abgestorbenen Baumes haben sie akribisch mit Müllbinden umwickelt. „Diese Art der Aktionskunst der DDR ist nie richtig aufgearbeitet worden“, sagt Kuratorin Petra Stegmann – etwas, das sie nachholen will. Mit den Beiträgen von Clara Mosch, und auch im Rahmen eines Symposiums im Pavillon am 1. und 2. September.

Düster geht es in der Wildnis auf der Freundschaftsinsel zu, existenziell, erschütternd, mahnend, minimalistisch und manchmal auch heiter. Für den idealistischen Touch der Schau sorgt schließlich der Beitrag von Yoko Ono links vor dem Eingang des Pavillons: Hier hat die Kuratorin in Rücksprache mit dem Büro der Künstlerin eine Birke platziert, die Variation ihrer seit 1996 weltweit tourenden Installation „Wish Trees“. Passanten sind eingeladen, ihre Wünsche auf Zetteln zu notieren und der Birke anzuvertrauen. Später sollen sie am Imagine Peace Tower in Island vergraben werden. Noch sind die Äste der Birke ganz kahl. Lena Schneider

„Through a Forest Wilderness“, bis 6. September im Pavillon der Freundschaftsinsel

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