Kultur : Die Welt in sieben Sprachen

Verbales und Nonverbales: Ein Festival spielt mit der Magie erzählter Geschichten

Astrid Priebs-Tröger

Sprachengewirr gehört auch in Potsdam inzwischen zum Alltag. Miteinander in mehr als sieben verschiedenen Sprachen zu kommunizieren, hat sich das am Wochenende zum zweiten Mal stattfindende internationale Erzählfestival Verbale vorgenommen. Dann besteht am Samstag ab 15 Uhr auf der Sport- und Freizeitanlage Westkurve in der Hans-Sachs-Straße die Gelegenheit, den Türkisch, Italienisch, Griechisch, Arabisch, Englisch oder auch Farsi sprechenden Geschichtenerzählern zu lauschen.

Weltweit ähnelten sich die erzählten Geschichten, so dass es selbst Kindern möglich sei, ihnen zu folgen, sagt die Potsdamer Erzählerin Suse Weisse, Mitorganisatorin der Festivals. So gibt es fast immer einen Helden oder eine Heldin, die in die Welt gehen und Prüfungen bestehen müssen, an deren Ende dann eine Belohnung oder die Erlösung warten. Und auch verschiedene Märchenmotive wie Schneewittchen sind auf dem gesamten Globus verbreitet.

Man erkennt also auch ohne profunde Sprachkenntnisse die Dramaturgie einer Geschichte wieder. „Außerdem erzählen wir immer im Dialog in zwei Sprachen - eine davon ist Deutsch“, sagt Suse Weisse, „und aus den Antworten kann man erschließen, was der andere gesagt, beziehungsweise gerade erzählt hat.“ Zudem ist bei professionellen Erzählern durch Mimik und Gestik die nonverbale Kommunikation besonders ausgeprägt. Dass dies funktioniert, davon konnte sich Suse Weisse schon viele Male überzeugen, und auch in diesem Jahr ist die Verbale mit ausgewählten Erzählveranstaltungen seit dem 12. September in Potsdamer Schulen zu Gast.

Auf dem Westkurven-Gelände werden für das Programm am Samstag marokkanische Königszelte aufgebaut, Marktstände mit Essen aus aller Welt und auch thematische Erzählspaziergänge bis in den nahen Sanssouci-Park sind geplant. Nachmittags finden ein Familienprogramm und eine offene Bühne für alle statt, die selbst erzählen wollen. Im Abendprogramm für Erwachsene wird der mehrfach preisgekrönte walisische Erzähler Daniel Morden, der zum ersten Mal in Potsdam weilt, auftreten.

Daniel Morden, auch als „The Devil' s Violine“ bekannt, erzählt Dark Tales – schaurig-schöne, traditionelle walisische Geschichten. Wie die vom Mühlenmädchen Mary, das einem Verehrer auf den Leim geht und dadurch in finstere Verlegenheiten kommt. Mary rettet nur unter größtem Risiko und mit dem kalten Mut der Verzweiflung ihre Haut. Die Geschichten werden jeweils vorher kurz auf Deutsch eingeführt.

Und auch die sechs Erzähler der Gruppe „Ein Fenster zur Welt“, zu der auch Organisatorin Weisse gehört, versinken indes nicht in einem babylonischen Sprachengewirr. Zwar fühle es sich für die Zuhörer anfangs immer so an, wie wohl für die des Deutschen nicht mächtigen Neubürger in Potsdam, so Weisse. „Aber da wir uns in einer Gemeinschaft zusammenfinden, die einander begreifen will, finden die Menschen auf der Bühne und auch die Zuhörer Mittel und Wege des gegenseitigen Verstehens.“ Denn: Jeder hat diese Erfahrung schon einmal im Ausland gemacht, wenn es mit Händen und Füßen doch irgendwie weiterging. „Ein Fenster zur Welt“ will dieses Erlebnis spielerisch anbieten und mit musikalischer Untermalung (Klarinette und Trommel) einen künstlerischen Erfahrungsraum schaffen, der im gegenwärtigen Sprachenalltag durchaus von Nutzen sein kann. Und nicht zu vergessen sind natürlich auch die Momente der Magie, die durch die Musikalität der fremden Sprache und des Geschichtenerzählens entstehen. Astrid Priebs-Tröger

Das vollständige Programm der 2. Verbale ist zu finden unter: http://verbale2016.jimdo.com/

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