• Die Band Wortrausch im Porträt: „Potsdam, eine Stadt im Schaufenster“

Die Band Wortrausch im Porträt : „Potsdam, eine Stadt im Schaufenster“

„Rap’n’Roll“ gegen die Proberaumnot: Die Potsdamer Band Wortrausch singt auf ihrem ersten Studio-Album über barocke Fassaden und das Dasein als Hobbymusiker.

Die Potsdamer Band "Wortrausch" hat ihr erstes Album veröffentlicht.
Die Potsdamer Band "Wortrausch" hat ihr erstes Album veröffentlicht.Foto: Andreas Klaer

„Wir halten schon das dritte Mal am Schloss an / bin unterwegs als Touristen-Bus in Potsdam / ist ja ganz schön, so ein Gebäude / sag mal, gibt‘s hier auch Ateliers und Proberäume?“, heißt es im Song „Reisebus“ der Potsdamer Band Wortrausch. Ironische Kommentare zu Stadtentwicklung gibt es auf ihrem neuen Album „Mittelpunkt der Welt“ ebenso zu hören wie Songs über revoltierende Gartenzwerge, steigende Mieten, Süßigkeiten-boykottierende Eltern („Dinkelkeks“) oder Liebeslieder über Zombies („Sie will nur mein Gehirn“).

Zwischen Liedermacher-Gesang Rap und Rock

„Rap’n’Roll“ nennt die fünfköpfige Band ihren Stil, der munter zwischen Liedermacher-Gesang, Rap-Texten und bratzigen Rockeinlagen hin und her wechselt und sowohl vom Sound als auch von den Texten an ihre Berliner Kollegen The Incredible Herrengedeck erinnert. „Für einige passen all diese Elemente nicht wirklich zusammen, aber gerade das macht halt unseren Stil aus“, sagt Sänger und Rapper Benjamin-Felix Aßmus. „Wir sind unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Musikgeschmäckern, das hat sich nach und nach einfach so zusammengemixt“, sagt Gitarrist und Sänger Rick Schock.

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Obwohl es Wortrausch schon seit rund zehn Jahren gibt, ist „Mittelpunkt der Welt“ im Grunde ihr erstes Studio-Album. Zuvor gab es lediglich eine CD namens „Ein Spross der Wörterfee“, ein gutes Demo-Tape, quasi live aufgenommen. Entstanden ist die Idee zur Band während der Erzieher-Ausbildung von Aßmus: „Ich hatte ein Rap zum Thema ‚Sommer‘ geschrieben und fand, da könnte man mehr draus machen.“

Eine Odyssee durch Potsdamer Probenräume

Bald hatte sich Wortrausch gefunden und bezog Quartier in der ehemaligen Brauerei am Brauhausberg. Neben der Band waren hier noch rund 100 andere Musiker:innen beheimatet, die genau wie sie 2014 das Gebäude räumen mussten, damit dort 50 Luxuswohnungen entstehen konnten. Der Prozess rund um die Räumung der Brauerei und das Thema Proberäume beschäftigte Wortrausch daraufhin immer wieder in ihren Texten, immerhin musste sich die Band seit ihrem Bestehen insgesamt fünfmal den Proberäume wechseln.

Dass innerhalb von zehn Jahren nur ein richtiges Studio-Album entstanden ist, hat ganz praktische Gründe: Alle Mitglieder der Band sind im Hauptberuf noch als Sozialarbeiter, Erzieher oder Museumsmitarbeiter tätig. Studium und Familiengründungen trugen ebenfalls dazu bei, dass es nicht einfach war, zu fünft regelmäßige Probe- und Auftrittstermine zu organisieren. 

Hobbymusiker? Wortrausch nimmt es mit Ironie

Etwas einfacher ist es zu zweit: Aßmus und Sängerin Sylvia Swierkowski sind ein Paar und nebenbei noch als Liedermacher-Duo „Gehirn mit Reis“ aktiv, regelmäßig etwa bei der Potsdamer „Liedermacherliga“ im studentischen Kulturzentrum Kuze. „Viele Songs von Wortrausch basieren auf Songs, die wir zu zweit geschrieben haben und die dann immer mehr zu Band-Songs wurden“, sagt Aßmus.

In einigen Stücken beschäftigen sich Wortrausch ganz selbstironisch mit der Existenz als Freizeitmusiker:innen: „Ich hab kein Geld, hab keine Freizeit und ich habe keine Fans / ich hab nur ‘ne Gitarre und ich habe ein Band“, heißt es im neuen Song „Hobbymusiker“. „Das Musikmachen soll auch gar nicht unser Hauptberuf sein“, sagt Schock, der selbst als Lehrer arbeitet. „Es ist ein wichtiger Ausgleich, um neben dem Berufsalltag Kraft zu tanken.“

Proben im Lockdown? Kaum möglich

Ein Ausgleich, der Wortrausch aufgrund der Pandemie schon seit langem fehlt: Die Albumveröffentlichung war eigentlich für Mai letzten Jahres geplant, musste aber aufgrund des Lockdowns verschoben werden. „Wir würden natürlich sehr gerne an das Album anknüpfen und live auftreten, aber das geht nun mal gerade nicht“, sagt Aßmus. 

Das gilt auch abseits der Bühne: „Wir haben seit Oktober endlich einen neuen Proberaum in Rehbrücke gefunden und zahlen auch Miete dafür, aber wir waren wegen der Kontaktbeschränkungen noch nicht ein einziges Mal drin“, sagt Aßmus. In Zweiergruppen zu proben wäre zwar technisch möglich, hat aber auf Dauer nicht die Dynamik der Gesamtband und zudem müsste man den anderen dauernd erklären, was man zu zweit gemacht hat.

Skepsis gegenüber dem neuen Kreativquartier

Aber immerhin: Die Band hat einen Proberaum, wenn auch um den Preis, immer mehr vom Zentrum an den Rand der Stadt wandern zu müssen. In Potsdam bleiben Proberäume weiter Mangelware, den Ankündigungen zum Kreativ-Quartier der Stadt stehen Wortrausch eher skeptisch gegenüber: „Wir würden uns natürlich darüber freuen, wenn das klappt, aber ich bin da etwas misstrauisch. Es gab schon viele andere Versprechen, die die Stadt nicht eingelöst hat“, sagt Schock. 

Auch Aßmus ist eher pessimistisch: „Es wird einfach immer weiter verkauft und neu gebaut und dass Platz für Kreative geschaffen wird, sehe ich nicht wirklich. Proberäume sind halt laut, da kann man schlecht Wohnungen daneben bauen.“ Oder, wie es im Wortrausch-Song „Reisebus“ heißt: „Wo sind die Draufgänger, wo sind die Traumtänzer? / Es ist Potsdam, eine Stadt im Schaufenster“.

„Mittelpunkt der Welt“, zu erwerben ausschließlich digital unter www.wortrausch.bandcamp.com

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