Kultur : Der Ungläubige

Henry Hübchen war im Filmmuseum zu Gast

Astrid Priebs-Tröger
Charmant-rauhbeinig. Henry Hübchen plauderte im Filmmuseum.
Charmant-rauhbeinig. Henry Hübchen plauderte im Filmmuseum.Foto: Manfred Thomas

Er hat es geschafft. Er spielt und spielt und spielt. Von „Jakob, der Lügner“ (1974) bis hin zu „Alles auf Zucker!“ (2004) reicht seine beeindruckend vielfältige Filmografie. Henry Hübchen ist einer der wenigen Ostdeutschen, dessen Karriere nach der Wende nicht zu Ende war. Anlässlich des Jüdischen Filmfestes und in Würdigung seines diesjährigen 65. Geburtstages war der beliebte Schauspieler Donnerstagabend im Filmmuseum zu Gast, wo er zwischen der Vorführung der beiden genannten Filme Knut Elstermann rauhbeinig-charmant Rede und Antwort stand.

Elstermann erinnerte, dass Henry Hübchen in beiden Filmen einen Juden spielt und fragte den Schauspieler nach seinen persönlichen Berührungen mit dem Judentum. Hübchen kokettierte ein wenig mit seiner langen Karriere und meinte, dass er vergessen habe, dass er 27-jährig schon einmal einen Juden, den Mischa in „Jakob, der Lügner“ von Frank Beyer, gespielt habe. Er erinnerte daran, dass Religion im Alltagsleben der DDR so gut wie keine Rolle spielte – er selbst sei „ein gebürtiger Ungläubiger“ – und dass Schulfreunde von ihm erst zu Abiturzeiten ihr Judentum entdeckten, was ihn zu dieser Zeit einigermaßen befremdete. „Ich bin da so jung gewesen, dass ich gar kein Bewusstsein hatte“ und er empfand es als große Ehre, dass Frank Beyer ihn nach dem Casting – Hübchen spielte damals hauptsächlich am Theater – ins Filmteam holte, wo er als Anfänger neben Armin Mueller-Stahl und Erwin Geschonneck spielen durfte. Dass dieser Film als einziger DDR-Film in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ für einen Oscar nominiert wurde, gereicht ihm heute noch zur Ehre. Hübchen erinnerte sich sowohl an den Drehort im tschechischen Most, wie an die präzise Regiearbeit Beyers als auch an Geschonneck, für den es nicht leicht war, an solche Orte zurückzukehren, da er selbst im Konzentrationslager war.

Angesprochen auf den besonderen Humor in beiden Filmen, sagte Hübchen, dass er immer versuche, das Komische in seinen Figuren zu entdecken. Und dass „Alles auf Zucker!“ von Dani Levy ihn sofort durch sein ausgezeichnetes Drehbuch überzeugt hat. Dieser Film sei wirklich eine Komödie, und, schloss sich Elstermann an, das sei bei der deutschen Komödie ein Glücksfall. Hübchen erzählte auch, wie ihm ein deutsches Ehepaar, das während des zweiten Weltkrieges nach Argentinien ausgewandert war, vorwarf, dass Deutsche kein Recht hätten, so einen Film über Juden zu drehen. Hübchen selbst sieht in diesem Film, für dessen Hauptrolle er 2005 den Deutschen Filmpreis bekam, jedoch keinen Tabubruch. Mehrmals betonte er, dass er keine Angst habe, „politisch unkorrekt“ zu sein. Und: Immerhin haben mehr als eine Millionen Zuschauer „Alles auf Zucker!“ gesehen.

Elstermann sprach ihn auf die innere Logik seiner nahtlosen Schauspielerkarriere an und Hübchen entgegnete, dass er nichts geplant habe. „Es zieht sich dahin, wo es hin soll“, sagte er und verwies auf den Glücksfall seiner Zusammenarbeit mit Frank Castdorf, mit dem ihn ein Denken in Kausalitäten, Humor und eine besondere Chemie verbindet. „Ein bisschen Magnetismus braucht’s schon“, umschrieb der braungebrannte Weißhaarige, der leger in Jeans, weißem Hemd und schwarzer Lederjacke auftrat, das Geheimnis seines Lebensweges. Zu dessen Ingredienzien außerdem die Lust am Widerspruch, Mutterwitz und zumindest in der zweiten Lebenshälfte eine charmante Rauhbeinigkeit zu gehören scheinen.

Zum Abschluss des locker tiefsinnigen Geplauders fragte Elstermann nochmals nach dem Verhältnis des Schauspielers zu seinen Figuren. Und Hübchen präsentierte seine Ansichten wieder in dieser faszinierenden Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor. „Ich suche nach Widersprüchen.“Astrid Priebs-Tröger

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