Kultur : Der schwere Schatten Vergangenheit

Das Schweigen über ein unfassbares Verbrechen – Reglindis Rauca liest aus ihrem Debütroman

Dirk Becker
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Foto: Andreas Klaer
19.01.2012 21:20

Ihre Kollegen hatten großen Spaß gehabt, als sie den eigenen Namen bei Google eingaben und die unterschiedlichen Treffer auswerteten. Wenige Tage danach saß Reglindis Rauca abends daheim vor ihrem Computer. Alle Arbeiten waren getan, sie suchte ein wenig Entspannung. Also gab sie ihren Nachnamen in die Suchmaschine ein. Dass sie als zweiten Treffer den Name ihres Großvaters lesen konnte, irritierte Reglindis Rauca schon. Und dann ausgerechnet auf einer englischsprachigen Website. Gleichzeitig war da aber auch das Gefühl, endlich mehr über diesen Mann zu erfahren, um den in ihrer Familie ein solches Geheimnis gemacht wurde.

Sie las den Namen Helmut Albert Rauca, auch den Ortsnamen Kaunas, der in ihrer Kindheit gelegentlich am elterlichen Küchentisch gefallen war, ohne dass ihr jemanden sagen wollte, was denn der Großvater mit diesem Ort in Litauen zu tun gehabt hatte. Und dann las Reglindis Rauca diese Zahl und verstand nicht. Sie las diese Zahl immer wieder, zählte immer wieder die vier Nullen, konnte diese Zahl aber nicht mit den Worten davor in Verbindung bringen. Auch nicht mit ihrem Großvater. Doch Fakten in ihrer kühlen Präsenz sind gnadenlos und als sie endlich in Reglindis Raucas Bewusstsein gedrungen waren, brach sie zusammen. Ihr Großvater Helmut Albert Rauca, geboren am 3. November 1908 im sächsischen Vogtlandkreis, war als SS-Hauptscharführer des Einsatzkommandos 3 im Jahr 1941 an der Ermordung von über 10 000 litauischen Juden beteiligt.

Knapp neun Jahre liegt dieser Abend am heimischen Computer nun schon zurück, doch wenn Reglindis Rauca heute darüber spricht, wühlt sie dieses Erlebnis noch immer auf. Und es gibt Momente, da glaubt man, dass sie wieder mit den Tränen kämpfen muss.

„Vuchelbeerbaamland“ heißt der Debütroman von Reglindis Rauca. „Vuchelbeerbaamland“, liest man nur diesen Titel, könnte man glauben, hier wird Märchenhaftes erzählt. Doch dieses Buch hat nichts Romantisch-Träumerisches. In diesem Roman hat Reglindis Rauca, die seit September in Potsdam lebt, die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend im sächsischen Plauen, das Geheimnis ihres Großvaters und das Schweigen in ihrer Familie verarbeitet. Am heutigen Freitag stellt Reglindis Rauca „Vuchelbeerbaamland“ in der Reihe „Dichterlese“ im Café „11-Line“ vor.

Aus einem alten, sorbischen Volkslied stammt dieses „Vuchelbeerbaamland“. Vogelbeerbaumland, so die Übersetzung der Mundart. Sorbisch, das ist der Dialekt, den die Mutter in diesem Roman spricht. Ein Symbol für eine provinzielle Heimat, sagt Reglindis Rauca. Nicht örtlich, sondern geistig. Und dann ist da Maria, das Mädchen, Reglindis Raucas Alter Ego, mit so roten Haaren wie die Früchte an dem Vogelbeerbaum.

Reglindis Rauca ist in Plauen, der größten Stadt im Vogtland aufgewachsen. Ein zartes, ein sensibles Kind mit roten Haaren. Sie hat in der Schule viel Spott ertragen müssen. Wegen ihrer Haarfarbe, ihrer Zurückhaltung, ihrer musischen Interessen. Zuhause erlebte sie eine abgeschottete, für die damaligen DDR-Verhältnisse so untypische Welt. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Alleinverdiener, der Glaube spielte eine große Rolle. Und dann war da noch der Großvater, der im fernen Kanada lebte. Ein Mann, den Reglindis Rauca nie gesehen hatte, von dem gelegentlich Briefe und Dias von seinen Reisen durch die ganze Welt das stille Plauen erreichten. Ein Mann, den sich das Mädchen Reglindis in ihrer Fantasie zu etwas Übergroßen, Märchenhaften gemacht hatte, der, so war es ihr als Kind erzählt worden, nach Kanada gegangen war, weil es dort viel größere Tannen gab.

Als Reglindis Rauca 15 Jahre alt war, im Jahr 1982, rief der Vater die Familie an den großen Küchentisch und sagte „Kinder, es ist etwas mit Großvater passiert“. Reglindis Rauca dachte an Tod, dass der Großvater gestorben sei. Doch der Vater erzählte nur, dass der Großvater von Kanada in die Bundesrepublik ausgeliefert werden soll, weil da eine Anklage gegen ihn vorliege, irgendwas, das mit dem Krieg zu tun habe. Nachfragen duldete der Vater nicht. Er sagte nur: „Es wird nicht mehr darüber geredet!“

Es wurde auch nicht darüber geredet, als der Großvater im Jahr darauf in die BRD ausgeliefert und ins Gefängnis gesteckt wurde. Auch nicht, als er im Oktober 1983, kurz vor Prozessbeginn starb. Offizielle Todesursache: Krebs. Im Grunde wird in ihrer Familie bis heute nicht darüber geredet, liegt die Vergangenheit von Helmut Albert Rauca wie ein dunkler, schwerer Schatten auf allem. Ein Schatten, der alle zum Schweigen verdammt. Nur nicht Reglindis Rauca.

An Neujahr 2002, ein Jahr, bevor sie die ganze Wahrheit über ihren Großvater erfuhr, beschloss Reglindis Rauca, dass sie wieder schreiben will. Als Kind hatte sie das schon getan, kleine Gedichte und Geschichten. Doch dann das Abitur, später das Schauspielstudium in Berlin und die Arbeiten an verschiedenen Theaterhäusern hatten sie zu sehr in Anspruch genommen. Doch jetzt setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb. Reglindis Rauca schrieb, weil sie schreiben musste. All das, was sie in der Kindheit erlebt hatte, die Hänseleien in der Schule, das Schweigen in der Familie, hatte viel tiefere Spuren in ihr hinterlassen, als ihr bis dahin bewusst gewesen war. Sie schrieb und je mehr sie schrieb, umso stärker kamen die Erinnerungen zurück, auch die an den Großvater. Doch die Familie schwieg weiterhin. Auch nachdem Reglindis Rauca im Internet die Geschichte ihres Großvaters gelesen hatte, der in Kaunas die Juden auswählte, die als „überflüssig“ galten und erschossen wurden. Darunter auch über 4000 Kinder.

Reglindis Rauca hat diese Geschichte in „Vuchelbeerbaamland“ aufgenommen. Im Jahr 2008 erschien dieser Roman, im gleichen Jahr wurde ihr dafür der Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf verliehen. Im gleichen Jahr erhielt sie einen Brief von ihrem Vater, mit Schreibmaschine geschrieben, nur vier Zeilen lang, darin der Satz: „Solange Du noch stolz auf dieses Buch bist, brauchst Du Dich bei uns nicht mehr blicken zu lassen.“

Seit diesen Zeilen hat Reglindis Rauca ihre Eltern nicht mehr gesehen. Mittlerweile gibt es einen sporadischen Briefkontakt, Weihnachten hat sie mit ihrer Mutter telefoniert. Reglindis Rauca, die als freie Autorin tätig ist und auch Seminare für kreatives Schreiben für Schulklassen zu diesem Thema anbietet, hat ein Tabu gebrochen. Sie wollte nicht schweigen. „Ich habe keine Schuld an den Verbrechen meines Großvaters. Aber ich habe eine Verpflichtung“, sagt sie. Ob ihre Offenheit in ihrer Familie doch noch etwas bewirkt, da ist sie eher zurückhaltend. Zwar gibt es wieder den zaghaften Kontakt zu ihren Eltern. Bei ihrem Telefonat während der Weihnachtstage sagte ihre Mutter, dass, was die Vergangenheit des Großvaters betrifft, jeder wohl anders damit umgehe.

Reglindis Rauca liest am heutigen Freitag um 19 Uhr in der Reihe „Dichterlese“ im Café „11-Line“ in der Charlottenstraße 119 aus ihrem Debütroman „Vuchelbeerbaamland“