• Der Potsdamer Historiker Iwan-Michelangelo D'Aprile schreibt an Fontane

Der Potsdamer Historiker Iwan-Michelangelo D'Aprile schreibt an Fontane : "Ihre Frau konnte sogar schon U-Bahn fahren"

In unserer Serie „Briefe an Fontane“ richten Brandenburger Kulturschaffende ihre persönlichen Fragen an Theodor Fontane. Iwan-Michelangelo D’Aprile ist Professor für Kulturen der Aufklärung an der Universität Potsdam und schickt Fontane  Post aus fünf Subkontinenten.

Iwan-Michelangelo D'Aprile
Iwan-Michelangelo D'Aprile. 
Iwan-Michelangelo D'Aprile. Foto: Ottmar Winter

Sehr verehrter Herr Fontane,

rund 120 Jahre sind vergangen, seit mein Ur-Urgroßvater, der hugenottische Gemeindepastor Eugène Devaranne, Sie auf dem Französischen Friedhof in Berlin zu Grabe getragen hat. Eigentlich keine so lange Zeit, aber zugleich ein ganzes „Jahrhundert der Extreme“, das uns im 21. Jahrhundert von Ihrer Lebenswelt trennt. Sie waren ja ein passionierter Reisender und haben alle neuen Verkehrsmittel Ihres Jahrhunderts – Eisenbahnen und Dampfschiffe – ausgiebig genutzt, Ihre Frau Emilie konnte in London sogar schon U-Bahn fahren. Zwar haben Sie es nie über die Grenzen Europas hinaus geschafft, sich aber vermittelt über die Medien Ihrer Zeit immer über die Weltgeschehnisse auf dem Laufenden gehalten. Heute sind Sie – Sie selbst hätten es am wenigsten erwartet – ein weltweit gelesener Klassiker, dessen Werke in viele Sprachen übersetzt wurden. Ich nutze die Anfrage der Potsdamer Neuesten Nachrichten, um mich auf die Suche nach einigen Fontane-Spuren rund um den Globus zu begeben. Schreiben werde ich Ihnen der Einfachheit halber per E-Mail; die von Ihnen so geliebten Postkarten brauchen heute immer noch genauso lange wie zu Ihren Zeiten.

Noch zehn Minuten bis Buffalo. Ich streife entlang der Ufer des Eriesees im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada und stoße auf eine halb vom Wasser verborgene Gedenkplatte, die Ihre Ballade „John Maynard“ würdigt. Sie wurde anlässlich Ihres 100. Todestages dort verlegt. Sie erinnern sich: von dem Ereignis, das Ihrer Ballade zugrunde liegt – die Brandkatastrophe auf einem Raddampfer auf der Fahrt nach Detroit im August 1841 mit knapp 200 Toten – erfuhren Sie kurz darauf aus der Leipziger Literaturzeitschrift „Die Eisenbahn“. „Die Eisenbahn“, in der auch fast alle Ihrer ersten eigenen Gedichtübersetzungen erschienen sind, wollte Sie als jungen Apothekergehilfen sogar zu ihrem Chefredakteur machen. Erst 40 Jahre später, als Sie an Ihrem Auswandererroman „Quitt“ arbeiteten, haben Sie aus dem Stoff Ihre Ballade gemacht. Zwar kannten Sie die USA nicht aus eigener Anschauung, aber um ein Haar wären Sie in der Revolutionszeit Ihrer Tante Philippine, Ihrem Onkel August und zehntausenden weiteren deutschen „Fourty-Eighters“ in die Emigration gefolgt. Mit Ihrem Gespür für die dramatischen Effekte von Technik- und Verkehrskatastrophen hätten Sie jedenfalls im 20. Jahrhundert auch in Hollywood, wo etwa der Untergang der Titanic ein beliebter Filmstoff wurde, reüssiert.

Rund acht Stunden Flugzeit und 5000 Kilometer südlich von Buffalo schreibe ich Ihnen heute aus Guatemala City, im Herzen des einstigen Maya-Imperiums. Seit Sie als 12-Jähriger Karl Friedrich Beckers „Weltgeschichte für Kinder“ verschlungen haben, hatten Sie ein Faible für die Mayas – nicht zuletzt wegen der phonetischen Verwandtschaft der Maya-Sprache mit den slawischen Namen ihrer märkischen Heimat: klang der ursprünglich slawische Name Potsdams „Poztupimi“ nicht auch nach einer Maya-Stadt? Den Helden Ihres ersten Romans „Vor dem Sturm“ nannten Sie mit einem Kofferwort aus dessen historischem Vorbild von der Marwitz und dem Maya-König Vitzliputzi Bernd von Vitzewitz. Auf 1500 Meter über dem Meeresspiegel stehe ich am Grab von Lotte Engel. Geboren 1897 in Berlin, floh die wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgte Lotte Engel 1933 bis nach Guatemala. Dorthin hat sie auch Ihre Briefe an Ihren Jugendfreund Wilhelm Wolfsohn aus Odessa gerettet, der Ihr frühester literarischer Förderer war. Mit seinen Vorträgen hatte Wolfsohn dafür gesorgt, dass Sie als Autor in Russland früher einen Namen hatten als in Ihrer Heimat. Später übergab Lotte Engel die Briefe dem Leo Baeck Institut in Jerusalem. Dass wir sie heute lesen können, ist einzig ihr zu verdanken. Ihrem geliebten Patensohn Hans Sternheim, dem Sie so viele Ihrer Bücher vermacht haben, gelang es nicht mehr, rechtzeitig aus Deutschland zu fliehen. Er wurde 1942 mit seiner Frau Ida nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz umgebracht.

"Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung" von Iwan-Michelangelo D'Aprile.
"Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung" von Iwan-Michelangelo D'Aprile.Foto: Sarah Kugler

Inzwischen bin ich in Indien angekommen und melde mich aus Lakhnau (zu Ihrer Zeit „Lucknow“), rund 500 Kilometer südwestlich von Delhi und heute mit etwa drei Millionen Einwohnern beinahe so bevölkerungsreich wie Berlin. Die Fotografien von der britischen Niederschlagung des Großen Indischen Aufstandes und dem zerstörten Palast Sikandar Bagh gehörten 1858 zu den ersten in britischen Zeitungen veröffentlichen Kriegsfotografien und haben während Ihrer Londoner Jahre einen so großen Eindruck auf Sie gemacht, dass Sie seither immer wieder Balladen über die europäischen Kolonialkriege verfassten. Ihre „Balinesenfrauen auf Lombok“ gehören neben Heinrich Heines „Sklavenschiff“ heute zu den wichtigen Zeugnissen der Kolonialismuskritik der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Dass sich auf dem Gelände des Palastes heute ein Botanischer Garten mit angeschlossenem Forschungsinstitut befindet, hätte Ihnen als examiniertem Apotheker und Pflanzenexperten bestimmt gefallen (übrigens sind wir bis heute noch auf der Suche nach Ihrem 

Bewerbungsschreiben als Sekretär des Preußischen Gartenbauvereins). Auch dass im Garten von Lakhnau eine Statue an Uda Devi erinnert, die sich in der Schlacht gegen die britischen Kolonialherren durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet hatte, käme Ihrer lebenslangen Vorliebe für weibliche Widerstandskämpferinnen entgegen. Auf den Ruinen der Imperien wachsen Blumen.

China hat Sie im Alter immer mehr interessiert. Regelmäßig ließen Sie sich von Ihrem Freund Rudolf Lindau von dessen ausgedehnten Asien-Reisen berichten. In Ihrem letzten Roman „Der Stechlin“ beschäftigt Ihren Graf Barby die Frage, „ob China mit seinen vierhundert Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine Hand erhebend, uns und der Welt zuruft: ‚Hier bin ich’“. Und Ihr weitgereister Journalist Doktor Pusch weiß auch schon von „Christen“ zu berichten, „die Chinesen werden“. Anders als vor 2800 Jahren sind es heute nicht mehr die Chinesen, die Mauern bauen, sondern das will unbedingt ausgerechnet ein US-amerikanischer Präsident, dessen Großvater 1885 als einer von zwei Millionen deutschen „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus der Pfalz nach Amerika auswanderte. An der Beihang Universität in Peking besuche ich Professor Xiaoqiao Wu, der ein exzellenter Kenner der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts ist. Und ob Sie’s glauben oder nicht: im Juni wird Professor Wu am Potsdamer Einstein-Forum einen Vortrag über die Fontane-Rezeption in China halten.

Meine Spurensuche endet in Świnoujście an der polnischen Ostseeküste. Hier hat schon 1818, ein Jahr vor Ihrer Geburt, Adalbert von Chamisso auf der Rückkehr von seiner Reise um die Welt erstmals wieder preußischen Boden betreten. Chamisso gehörte zu Ihren frühesten Lieblingsdichtern. Obwohl Sie Swinemünde, wie der Ort damals hieß, in Ihren Kindheitserinnerungen als erstes Tor zur Welt schildern, Sie hier mit Ihrem Vater polnische Freiheitslieder sangen und der Ort als Schauplatz für Ihren berühmtesten Roman „Effi Briest“ diente, ist es heute das Aschenputtel unter den Fontane-Gedenkorten. Fast nichts erinnert hier an Sie, obwohl es doch inzwischen eine sehr lebendige polnische Fontane-Forschung gibt. Das wollen wir im Fontane-Jahr gemeinsam ändern. Versprochen.

Hochachtungsvoll,

Ihr Iwan-Michelangelo D’Aprile

ZUR PERSON: Iwan-Michelangelo D'Aprile, Autor des Buches „Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung“. Der Literaturwissenschaftler und Historiker ist Professor für Kulturen der Aufklärung an der Universität Potsdam. 

>>Nächste Woche schreibt Bärbel Dalichow, die ehemalige Direktorin des Filmmuseums Potsdam. Sie arbeitet jetzt als freie Autorin. Alle Folgen der Serie „Briefe an Fontane“ zum 200. Geburtstag des Schriftstellers lesen Sie auf www.pnn.de/themen/fontane