• Den Nebel des Unausgesprochenen lichten

Kultur : Den Nebel des Unausgesprochenen lichten

Martin Ahrends las in der Gedenkstätte Lindenstraße aus seinem Manuskript „Mein Vater hat mich verraten“

Astrid Priebs-Tröger
Erzählend erinnern. Martin Ahrends sprach für sein Buch mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern und deren Familienangehörigen.
Erzählend erinnern. Martin Ahrends sprach für sein Buch mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern und deren Familienangehörigen.Foto: Manfred Thomas

Es fängt schleichend an. Der Schuldige wird auf Familienfeiern gemieden, doch nie zur Rede gestellt. Mit den Jahren verlaufen die unausgesprochenen Vorwürfe scheinbar im Sande oder versickern – und ziehen so eine Giftspur bis zum Grunde. Auf dieses Muster ist der Journalist und Autor Martin Ahrends bei seinen Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit und deren Familien immer wieder gestoßen. Und ganz ähnlich war es auch in seiner eigenen Familie: Er hat mit seinem Vater, dem berühmten Violinisten Gustav Schmahl, nicht „über den alten Kram“ geredet, zumal der Vater in seiner Demenz dazu auch nicht mehr in der Lage war, wie er sagt. „Mein Vater hat mich verraten – das Wirken des MfS in Familien“ heißt das demnächst erscheinende Buch, in dem Ahrends sich dem Thema nähert. Am Freitag las er in der Gedenkstätte Lindenstraße aus dem Manuskript.

Die Lesung samt Diskussion war Teil des umfangreichen Programms, das die Gedenkstätte an ihrem „Tag der offenen Tür“ anlässlich des Tags der Einheit anbot. Es gab neben Führungen durch den ehemaligen Haft- und Gerichtsort auch eine performative Theatertour sowie zwei Lesungen. Für die Diskussionsrunde mit Martin Ahrends war der Veranstaltungssaal der Gedenkstätte voll besetzt.

Doch bevor der groß gewachsene und ganz in Grau gekleidete Autor das Wort ergriff, musizierten Ralf Benschu (Saxophon) und Andreas Schulte (Klavier). Und ihre meditativ-lebensfrohe Musik stand in starkem Kontrast zu dem, was folgen sollte. Als Ahrends ans Mikrofon trat, las er nicht wie erwartet Auszüge aus den Interviews, die er mit Menschen, die für das MfS gearbeitet haben, geführt hat. Sondern einen Essay, der sich damit befasst, was es für ostdeutsche Menschen, die Täter und/oder Opfer waren, bedeutet, in den Erinnerungsfluss zu steigen. Der Autor wurde 1951 in Berlin-Zehlendorf geboren, siedelte 1957 nach Kleinmachnow über. Aufgrund seiner Einstellung zu den politischen Ereignissen in Polen wurde Anfang der 80er-Jahre ein Arbeitsverbot über ihn verhängt. Ahrends verließ die DDR 1984, zehn Jahre später kehrte der Publizist in seine Heimat zurück.

Martin Ahrends beschreibt in seinem Essay etwa, wie er ehemalige Klassenkameraden oder Kommilitonen wiedertraf, meist zufällig, und wie diese – oft ungefragt – anfingen zu erzählen. Und ihre Verstrickungen nach und nach offenlegten. Ihm selbst wird klar, bei den Treffen mit einem Stasiangehörigen seiner Generation, „dass ihre Lebensgeschichten nicht so fern sind, wie er es gern hätte“. Doch noch gravierender als in Arbeits- oder Lernzusammenhängen ist Verrat in Familien. Auch wenn öffentliche Personen wie Vera Lengsfeld oder TV-Serien wie „Weissensee“ dieses Thema bereits vor Jahren publik gemacht haben, ist es bei vielen persönlich noch tabuisiert.

Das zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion. Zuhörer berichteten davon, wie sie noch heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall, Misstrauen gegenüber Kollegen oder Nachbarn hegen, von denen sie nicht wissen, auf welcher Seite diese damals standen. Das Thema offen anzusprechen, kommt jedoch den wenigsten in den Sinn. Und somit bleibt man auf Distanz und das Unausgesprochene legt sich wie ein Nebel auf diese Beziehungen.

Petra Morawe, Beraterin bei der Beauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAkD), sagte in der Diskussionsrunde, dass gerade jetzt verstärkt Menschen zu ihr kommen, die diesen Nebel in ihren Familien lichten wollen. Darunter seien nicht wenige Vertreter der Enkelgeneration. Es kommen aber auch Witwen mit Dokumenten, deren Inhalt sie nicht verstehen und worüber sie sich Aufklärung erhoffen. Diese Menschen spüren, dass irgendetwas in ihrem System nicht stimmt; sie wollen mehr über persönliche Verstrickungen erfahren. Dabei gehe es in den Beratungen nicht darum, Hass zu säen, sondern zu verstehen, wer diese Menschen sind und wo sie herkommen. Ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ist das möglicherweise leichter, sich dieser teilweise sehr schmerzhaften Auseinandersetzung zu stellen, sagte auch Dr. Marie Anne Subklew, die die Veranstaltung moderierte.

Martin Ahrends las nach seinem Essay noch Auszüge aus seiner Erzählung „Verlorenwasser“, die im Jahr 2000 erschien und ebenfalls in dem neuen Band enthalten sein wird. Anna, die Protagonistin, erlebt in der DDR einen fast märchenhaften Aufstieg, als sie in die Familie Eisner einheiratet. Was sie nicht weiß und lange nicht wissen will, ist die Stasizugehörigkeit ihres Mannes und ihres Schwiegervaters. Hier gelingt Ahrends die meisterhafte Studie einer naiven jungen Frau zwischen Anpassung und Widerstand. Und dem schmalen Grat, der dazwischenliegen konnte.

Doch während die literarische Figur offen kämpfen musste, versuchen heute nicht wenige, überhaupt erst einmal in den Erinnerungs- und Erzählfluss zu kommen. Dazu will Martin Ahrends mit seinen Interviews beitragen. In den Gesprächen, die er seit 25 Jahren führt, spürte er oft, dass das Erzählte auch bei ihm selbst etwas in den Fluss brachte. An diesem Freitagabend machte er jedenfalls neugierig auf die wahren Lebensgeschichten, die noch in diesem Jahr in der Schriftenreihe der LAkD erscheinen sollen.

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