• Daniel Kehlmann im Filmmuseum: Ruhm und Reichtum

Daniel Kehlmann im Filmmuseum : Ruhm und Reichtum

Der Bestsellerautor gab bei einem Besuch in Potsdam Auskunft über sein Drehbuch für „Nebenan“ - und warum er sich auch mit dem Thema Film befasst.

Lena Schneider
Schriftsteller Daniel Kehlmann im Filmmuseum.
Schriftsteller Daniel Kehlmann im Filmmuseum.Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Mit Ruhm kennt Daniel Kehlmann sich aus. Literarisch und, so ist zu vermuten, auch persönlich. Schon „Ich und Kaminski“ erzählte 2003 davon, 2009 sogar ein Titel: „Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten“. Spätestens seit „Die Vermessung der Welt“ (2005) dürfte Kehlmann auch selbst wissen, wie sich das anfühlt: Das Buch wurde weltweit sechs Millionen Mal verkauft, die New York Times listete es im Ranking der international erfolgreichsten Bücher 2006 auf Platz 2.  

Im Sommer bereits sollte dieser Bestsellerautor nach Potsdam zum Literaturfestival Lit:Potsdam kommen, aber daraus wurde nichts: „Ein weltbekannter Virus und ein atlantischer Ozean kamen dazwischen“, wie Thomas Böhm, frischgebackener Festivalleiter, das am gestrigen Mittwoch im Filmmuseum elegant ausdrückte. Dorthin war die Veranstaltung verschoben worden – und Daniel Kehlmann diesmal tatsächlich gekommen.  

Zusammenarbeit mit Daniel Brühl

Der Anlass: Vor Kurzem hat Daniel Kehlmann auch einen Film über den Ruhm geschrieben. Das Drehbuch für „Nebenan“, den auf der Berlinale vorgestellten Regieerstling des Schauspielers Daniel Brühl, stammt von ihm. Die beiden kennen sich, seitdem „Ich und Kaminski“ mit Daniel Brühl verfilmt wurde. „Ich hab da eine Idee für dich“: Sobald jemand das zu ihm sagt, wisse er, dass daraus nichts werde, sagte Kehlmann. Bei Daniel Brühl war das anders, Kehlmann sofort dabei.

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Drehbuchautorin und Lit:potsdam-Mitbegründerin Andrea Willson befragte Kehlmann zu dem Warum und Wie des Drehbuch-Schreibens. Vor „Nebenan“ entstanden bereits „Verhör in der Nacht“ und für Detlev Buck kürzlich „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Die Gründe? Nummer eins: Mehr Zeit mit Freunden wie Detlev Buck oder Daniel Brühl. Nummer zwei: Der belebende Faktor des Wechsels und „die kollaborative Kunstform“ Film im Gegensatz zur einsamen Sache des Romane-Schreibens.

Der Vater sprach, der Sohn hörte zu 

Das Handwerk dafür hat Kehlmann sich in Gesprächen mit Meistern wie Buck, Michael Haneke (mit dem letztendlich kein Projekt zustande kam) oder Julian Schnabel (mit dem ein Projekt geplant ist) erschlossen. Den intimsten Zugang zum Film aber hatte er über seinen Vater, den Regisseur Michael Kehlmann: Der konnte nicht tippen und sprach seine Texte daher in ein Diktafon, Sohn Daniel hörte zu. Seine eigene Schwäche als Drehbuchautor, sagt Kehlmann: „Ich denke eher in Dialogen, weniger in Bildern.“ Was „Nebenan“ auf keinen Fall werden sollte: Ein Werk wie Stefan Zweigs „Magellan“. Episch, mit Landschaften, Schiffen und Stürmen. Entstanden ist das Gegenteil: ein Kammerspiel, eine „erbarmungslose Analyse von Daniels Selbst“.  

Kehlmann im Gespräch mit Moderatorin Andrea Willson.
Kehlmann im Gespräch mit Moderatorin Andrea Willson.Foto: Manfred Thomas

Erbarmungslos ist „Nebenan“ tatsächlich. Daniel Brühl spielt einen Schauspieler namens Daniel, der im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg lebt. Er will zu einem superwichtigen Casting nach London, auf dem Weg dahin landet er in einer Eckkneipe und trifft auf Bruno (Peter Kurth). In dem Kiez, in dem Daniel in einer schicken Maisonette-Wohnung mit eigenem Fahrstuhl wohnt, lebt Bruno seit seiner Geburt – in zwei Zimmern.  

Je länger die beiden reden, desto mehr versteht man, dass Bruno diesen Daniel viel besser kennt, als dem lieb sein kann: Bankverbindung, Liebschaft, Filmabsagen. Was eine Weile lang wie ein ehrlicher Film über Gentrifizierung aussieht, wird mehr und mehr zum Thriller über einen Wendeverlierer, der sein Gegenüber aus Frust ausspäht. Ein bisschen einfach, und mit ganz schön viel Krach inszeniert. Die Dialoge schillern, aber die Seele des Films schillert nur sehr zaghaft durch.  

Warum überhaupt Filme? Das war eine der Fragen an Kehlmann gewesen. Antwort: „Die ästhetische Erfahrung von maximal sinnvoll verbrachter Zeit.“ Mit Ruhm kennt sich Kehlmann aus, mit aphoristischen Antworten auch. Mit dem Lebensgefühl von Ostdeutschen offenbar nicht ganz so. 

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