• Buchvorstellung | "Der brennende See" von John von Düffel: Von aussterbenden Wolken

Buchvorstellung | "Der brennende See" von John von Düffel : Von aussterbenden Wolken

Ein Streit um den örtlichen See, das Erbe eines verstorbenen Schriftstellers: In seinem neuen Roman „Der brennende See“ verwebt der Potsdamer Autor John von Düffel Umweltschutz und Trauerbewältigung.

Dramaturg und Autor John von Düffel an seinem heimatlichen Arbeitsplatz im Jahr 2017.
Dramaturg und Autor John von Düffel an seinem heimatlichen Arbeitsplatz im Jahr 2017.Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Ein Buch über Wolken zu schreiben, davon träumt John von Düffel. Menschen sollen darin nicht vorkommen, lediglich die Natur und vor allem eben Wolken. Weil sie eine Form des Wassers sind und Wasser – seine treuen Leser wissen es – zieht sich thematisch durch von Düffels Werk. Ältere Bücher mit Titeln wie „Vom Wasser“, „Schwimmen“, „Wassererzählungen“ verraten es. Und auch sein neuer Roman „Der brennende See“, der am 18. Februar bei Dumont erscheint, erzählt davon. „Ich habe quasi schon über alle Formen des Wassers geschrieben, aber über die Wolke eben noch nicht“, sagt der Potsdamer Schriftsteller und fügt hinzu: „Ich weiß allerdings auch, dass das niemand lesen wollen würde ich danach wahrscheinlich nie wieder ein Buch schreiben könnte.“

Genau deswegen hat er sich einen Trick erlaubt und eine Miniaturform des „Wolkenbuches“ in „Der brennende See“ eingearbeitet: Ein im Buch verstorbener Schriftsteller hat es geschrieben. Es ist sein letztes, „sein wichtigstes Buch“, wie es im Roman oft heißt, das sich aus Wetterberichten und Beobachtungen zusammensetzt. Passenderweise beginnt jedes Kapitel von „Der brennende See“ mit einem kleinen Wetterbericht aus einem sehr trockenen, regenarmen April. Ein Buch im Buch also, das der aussterbenden Art der Wolken gewidmet ist.

Der Potsdamer Schriftsteller John von Düffel ist ein leidenschaftlicher Schwimmer und setzt sich für den Erhalt der Natur ein.
Der Potsdamer Schriftsteller John von Düffel ist ein leidenschaftlicher Schwimmer und setzt sich für den Erhalt der Natur ein.Foto: Sebastian Rost

Potsdamer Themen sind mit in den Roman geflossen

Bitte was? Wolken, eine aussterbende Art? „Absolut“, sagt John von Düffel. „Es regnet immer seltener und eigentlich müssten wir für jeden Regen beten, statt darüber zu meckern.“ Überhaupt müssten wir aufhören, Wasser als selbstverständliche Ressource anzusehen und umsichtiger damit umgehen. Auch das ist Thema in von Düffels neuem Roman, wie allgemein Umwelt- und Klimaschutz. Erzählt wird von Hannah. Sie ist die Tochter des besagten verstorbenen Schriftstellers und kehrt nach seinem Tod in die Stadt ihrer Kindheit zurück, um seinen Nachlass zu verwalten. Dabei brechen nicht nur alte Freundschaftskonflikte wieder auf, sondern sie entdeckt auch Seiten ihres Vaters, die ihr vollkommen unbekannt waren. Dazu gehört die Freundschaft mit der jungen Klimaaktivistin Julia, die sich zunehmend radikalisiert. Und dann ist da noch der Baggersee, der als illegale Müllhalde benutzt wird, nun aber renaturiert werden soll – und dessen Uferweg kurz vor der Privatisierung steht.

Potsdamern sind diese Themen nicht unbekannt: Der Uferstreit in Griebnitzsee, Diskussionen um wilde Badestellen im Park Babelsberg oder am Heiligen See – all das ist ein bisschen eingeflossen in diesen Roman. Mit einer angenehm leichten Sprache, verknüpft von Düffel in seinem Buch verschiedene Positionen, verwebt Privates und Politisches miteinander. „Trotzdem ist es ein seltsames Verständnis von Naturschutz: das Ufer zu verbarrikadieren und den Rest er Menschheit einfach auszusperren…“, sagt Hannah dort beispielsweise an einer Stelle. Ein Satz, der sich so ähnlich auch häufig in Diskussionen in den sozialen Netzwerken findet. Das Wunderbare: An keiner Stelle kommt von Düffel mit einem erhobenen Zeigefinger daher und doch dringen seine Worte tief ein – und bleiben. Das liegt auch an der spannenden Geschichte, den fein gezeichneten Figuren, die vertraut und gleichzeitig unnahbar daherkommen.

Die Frage des geistigen Erbes

So wie der verstorbene Schriftsteller im Buch, der in jeder Stadt, die er besucht erstmal im See schwimmen geht, ist auch John von Düffel selbst leidenschaftlicher Schwimmer. Das Gespräch mit den PNN findet im Café des städtischen Schwimmbades statt, hier zieht von Düffel in den kalten Monaten seine Bahnen. Wann immer es geht, schwimmt er aber im Baggersee am Stern – und würde das auch weiterhin gerne tun. 

Zum Buch

John von Düffel: Der brennende See. Dumont Verlag, 2020, 321 Seiten, Hardcover, 22 Euro.

Doch in den heißen Sommern sei der Wasserstand bereits erschreckend niedrig gewesen und auch die zunehmende Vermüllung des Ufers sei ein Problem: „Ich verstehe total, dass man im Sommer picknicken möchte, aber Grillen zum Beispiel muss dort nicht sein“, sagt der 53-Jährige. Und seinen Müll selbstständig wegräumen, das sollte sowie jeder. „Es ist ein solches Privileg, dass wir in einer Stadt mit so viel Wasser, mit wunderschönen Parks leben und das nutzen können“, sagt er. Letztendlich stellt sich auch immer die Frage, was jeder einzelne seinen Kindern oder zumindest der nächsten Generation hinterlasse. Auch darum geht es in „Der brennende See“: Um geistiges Erbe.

Kleine Schritte können helfen

Als Schriftsteller macht sich von Düffel darum viele Gedanken, auch, was seine Bücher erreichen können. „Eine Möglichkeit, die Literatur hat, ist Erfahrungen erlebbar zu machen, ohne sie selbst durchlebt zu haben“, sagt er. „Ihnen eine Sprache zu geben, dadurch zu reflektieren und etwas Bleibendes zu schaffen.“ Seine Mission gilt dabei ganz klar dem Wasser: „Deutschland ist ein Wasserland und wir sind dabei, genau das zu verlieren.“ Um das zu verhindern, müsse sich einiges ändern, vor allem bei jedem Einzelnen. Helfen kann das schlechte Gewissen, wie er sagt: „Es ist eine gute Eigenschaft der Deutschen, ein schlechtes Gewissen zu haben und wenn wir alle mehr darauf hören und vor allem danach handeln, würde das sehr helfen.“

Von Radikalisierungen, wie beispielsweise das Fliegen ganz zu verbieten oder sogar keine Kinder mehr in die Welt zu setzen, hält er nicht viel. „Wenn wir so weit sind, unser eigenes Aussterben als Lösung zu sehen, haben wir wirklich etwas fundamental falsch gemacht“, sagt er. Kleine Schritte könnten auch helfen, damit nicht irgendwann ein Satz wie am Ende des Wolkenbuches fallen muss: „Die letzte Wolke ist ein großer Rauch, nicht Wasser, sondern Staub.“

>>Buchvorstellung am 11. März um 20 Uhr in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47

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