Kultur : Beobachten

„Auf der Lauer“ im Atelier Guelden

Astrid Priebs-Tröger

Wenn man das Atelier Guelden in Potsdam-West betritt, ahnt man nicht, welche einschneidenden existenziellen Erfahrungen die Künstlerin Annette Paul zu ihrem aktuellen Projekt „Auf der Lauer“ bewegt haben. Das frühere kleine Eckgeschäft, in dem auch mal ein Stadtteilladen untergebracht war, birgt jetzt in seiner Mitte eine Sitzgruppe aus den 1970er Jahren. Ein auszieh- und höhenverstellbarer Couchtisch, an dem sich zwei braun-beige gepolsterte Drehsessel mit Metallfüßen gegenüberstehen. Auf dem Tisch liegt die DDR-Enzyklopädie „Die Frau“, über ihm hängt eine typische gelbe Wohnzimmerlampe aus dieser Zeit.

An diesen Tisch setzt sich die 1970 in Görlitz geborene Künstlerin, die neben Schauspiel und Gesang, auch Restaurierung, Bildhauerei und vor allem übergreifendes künstlerisches Arbeiten bei Ulrike Grossarth in Dresden studierte, im grünen Kleid mit einer lilafarbenen Kittelschürze aus Dederon darüber. Letztere ist ein etwas flotteres Modell mit sogenannten Flügelärmeln. Doch spätestens jetzt ist man irritiert. Denn im Hintergrund dieser erst mal anheimelnden Wohnzimmer-Installation beginnt das dreiteilige Video „Im Hinterstübchen“ zu laufen, das Annette Paul im vergangenen Jahr im Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus zum ersten Mal gezeigt hat.

In dem 15-minütigen Video sieht man die Künstlerin zweimal, direkt nebeneinander im eben beschriebenen Wohnzimmer. Sie sitzt einmal mit und einmal ohne Kittelschürze am Tisch und schreibt in ein vor ihr liegendes Notizbuch. Und führt dabei nüchterne, aber sofort Aufmerksamkeit erregende „innere“ Monologe: „Wie sieht es in jemandem aus, der einen beobachtet? Das, was ich schreibe, sind doch einfach Gedankenstützen für mich. Und, warum bereitet das Vergnügen?“ ist da zu hören. Je länger das Video läuft, um so klarer und zugleich beängstigender wird der Vorgang. Frau 1 beobachtet jemanden, Frau 2 wird beobachtet. Und beide Protagonistinnen teilen ihre Empfindungen dazu mit.

Vor drei Jahren wollte sich Annette Paul, wie sie es selbst ausdrückt, zum ersten Mal mit ihrer „Ost-West-Verwirrung“ beschäftigen. Ihre Eltern verließen, als sie dreizehn war, die DDR, um in Westberlin zu leben. Und Annette Paul, die als Kind noch nicht viel von den Restriktionen mitbekommen hatte, lebte in Staaken jetzt direkt mit der Mauer vor der Nase. Hinzu kam, dass ihre Eltern auch in der Freiheit weiterhin im Visier der Staatssicherheit waren. Sie wähnten sich jedoch in Sicherheit und erfuhren erst nach der Wende aus ihren umfangreichen Stasiakten, wie minutiös sie auch im Westen observiert wurden und dass viele enge Freunde dies übernommen hatten. Ihr Vater sei, sagt Annette Paul, mit 53 Jahren an gebrochenem Herzen gestorben.

Der Titel „Auf der Lauer“ hat für Annette Paul also auf jeden Fall etwas mit „Auf der Hut sein“, mit dem Wissen, dass es Menschen gab, die ständig im Kopf mitgeschrieben haben, zu tun. Sie hat aber auch mit dem Hier und Jetzt zu tun, weil die Künstlerin sich fragte, wie verführbar sie selber wäre. In der künstlich geschaffenen Raumsituation hat sie wie im Theater versucht, sich in jemanden, der andere beobachtet, hineinzuversetzen und parallel dazu, auch das Innenleben des Beobachteten erforscht.

Und: Sie ermuntert die Besucher dazu, in dieser Situation selbst Beobachtungen in das ausliegende Notizbuch zu schreiben. Ihre Erfahrungen damit sind sehr unterschiedlich, von Betroffenheit bis Ablehnung reichten die Reaktionen. Und, auch das wird in den kurzen Videosequenzen deutlich, das Beobachten anderer gehört zum sozialen Zusammenleben dazu. So kann man sich die rundliche Frau in der Kittelschürze, die mit Fernglas hinter der Spitzengardine steht, durchaus auch in einer Dorfgemeinschaft vorstellen.

Dass dieser Spannungsbogen gelingt, ist auch den anderen Beteiligten an der Ausstellung zu verdanken. Stellvertretend ist Helmut Krüger zu nennen, der auf seinem 20 Meter langen Satzband die hohe Kunst der Zurückhaltung anmahnt, bei der Weitergabe von dem, was andere einem anvertraut haben und auch mit einigen Fotos die Wendung „auf der Lauer sein“ ironisch bricht. Astrid Priebs-Tröger

Bis zum 3. März, jeweils Dienstag von 14 bis 16 Uhr in der Carl-von-Ossietzky-Straße 28

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