• Auf morschem Boden einer Brauerei Die Vision einer Selbsthilfegruppe: Von den Anfängen der Tanztage in den Wendejahren

Kultur : Auf morschem Boden einer Brauerei Die Vision einer Selbsthilfegruppe: Von den Anfängen der Tanztage in den Wendejahren

Astrid Priebs-Tröger Grit Weirauch
Leben unter Einsturzgefahr. Junge Oppositionelle hatten im Wendewinter eine ehemalige Brauerei besetzt, um sie in ein soziokulturelles Zentrum zu verwandeln.Alle Bilder anzeigen
Fotos: fabrik
03.06.2015 21:40Leben unter Einsturzgefahr. Junge Oppositionelle hatten im Wendewinter eine ehemalige Brauerei besetzt, um sie in ein...

Noch am Tag der ersten Aufführung hatte Wolfgang Hoffmann einen Hammer in der Hand. Das Geländer an der Treppe musste gesichert werden. „Wir haben bis zum Anschlag gearbeitet“, sagt der heute 48-Jährige und Mitbegründer der fabrik. Dann, nach der Eröffnungsvorstellung der ersten Potsdamer Tanztage, die Hoffmann und sein Mitstreiter Sven Till hinter der Bühne erlebten, „sind wir uns in die Arme gefallen und wussten, dass wir uns einen Traum erfüllt haben“.

Heute erinnert nichts mehr daran, dass junge Menschen, die sich der ehemaligen Oppositionsbewegung zugehörig fühlten, im Wendewinter 1989/90 das verlassene Fabrikgebäude in der Gutenbergstraße 105, eine ehemalige Brauerei, besetzt und in ein soziokulturelles Zentrum umgewandelt haben. Diese jungen Kreativen, unter ihnen Studenten und Auszubildende, hatten als selbst ernannte „Selbsthilfegruppe“ eine Vision: Sie wollten für sich und andere Räume schaffen, um ihr kreatives Potenzial zu erfahren und auszuprobieren. Workshopangebote und Kurse für Laien gehörten von Anfang an genauso wie eigene Aufführungen dazu. Die fabrik-Aktivisten wollten „über Selbstverwaltung und Eigenfinanzierung der kapitalistischen Vermarktung des Kulturbetriebes entgehen“, heißt es in einer Selbstdarstellung.

Das Ideal war hoch, die Bausubstanz in der Gutenbergstraße ließ sie bald auf dem Boden der Tatsachen landen: Allein der Fußboden war derart morsch, dass an Tanzaufführungen eigentlich nicht zu denken war. In dem Jahr bis zum Sommer 1991, als die Tanztage Premiere hatten, waren viele Helfer aktiv – allein, um fast 100 Kubikmeter Schutt zu entfernen. Gemeinsam versuchten sie, aus dem maroden vierstöckigen Gebäude ein funktionierendes Kulturhaus zu machen, was nur zum Teil gelang. Das undichte Dach in dem seit Jahren leer stehenden Gebäude war nicht zu sanieren. Aber „wer macht, hat Macht“, sagte Wolfgang Hoffmann in einem Interview.

Erst auf den letzten Drücker hätten sie das Programm und Werbung für ihr Festival gemacht, sagt Hoffmann, mit einem „zügellosen Enthusiasmus“ und ohne jegliche Festivalerfahrung. Vom 21. bis 29. Juni 1991 wurden so die 1. Potsdamer Tanztage im noch heute bestehenden Format aus der Taufe gehoben. Etwa 80 Leute nahmen damals an den beiden Contact-Jam-Wochenenden teil und mehrere Hundert sahen die Aufführungen der Shows von Roberto Castello, Thomas Guggi sowie die ersten Eigenproduktionen der fabrik und der Tanzfabrik Berlin. „Dunkel und spannend“, so beschreibt die Journalistin Heidi Jäger ihre ersten Eindrücke von der fabrik. Dunkel der Ort, spannend das Programm der ersten Tanztage. „Die brachten einfach die Welt zu uns“, damals so kurz nach der Wende, und zeigten Produktionen aus Ländern, in denen wir noch nicht gewesen waren, und verhandelten Themen – beispielsweise das Leben mit Aids – mit denen wir uns noch nicht beschäftigt hatten.“ Heidi Jäger erzählt, wie sie bereits im düsteren Hinterhof diese Hochspannung faszinierte und wie mit ihr viele kulturinteressierte Potsdamer neugierig waren auf das, was die Jungen zeigen würden.

Denn moderner Tanz war eine Leerstelle in Potsdam. Und so begannen sich auch der Verein Argus, die Stadtverwaltung und die Kommunale Wohnungsverwaltung für die Kultur-Aktivisten zu interessieren. Weihnachten 1991 begannen Fördermittel in Höhe von 200 000 D-Mark zu fließen. Doch der schnelle Erfolg barg auch Konfliktstoff: Denn Selbstverwaltung wollte gelernt sein. Der Umgang mit – viel – Geld und die Möglichkeit zur Einstellung von Menschen erzeugten Ungleichheit und schufen Hierarchien. Ab 1992 wurde ein Einheitslohn eingeführt. Eine weibliche Mitstreiterin gab damals bei einer der Vereinssitzungen zu Protokoll, dass sie unter dem „Paschatum“ in der fabrik leide. Aber sie sagte auch: „Trotzdem war es geil, an der fabrik rumzubasteln, an einer gemeinsamen Idee von freier Kultur.“

Auf den 12. März 1991 ist die offizielle Gründungsurkunde des fabrik e.V. datiert. Die Gründer haben sich dabei stark an ihrem Vorbild, der „Tanzfabrik“ in der Westberliner Möckernstraße, orientiert. An ihrem ersten Standort in der Gutenbergstraße hatten sie jedoch nur eine kurze Entwicklungszeit. Nach zwei Jahren wurde ihnen ein Ausweichquartier in der Schiffbauergasse, im ehemaligen Fischhaus, angeboten. „Da haben wir wieder angefangen zu bauen“, sagt Hoffmann. Den Umzügen hätten sie aber nie nachgetrauert, im Gegenteil, die Neuanfänge seien immer eine Chance gewesen, weiterzuwachsen, so Hoffmann. Erst 1998 bezog die fabrik ihr heutiges Domizil, die Maschinenhalle. Wieder begannen sie damit, einen Tanzfußboden herzurichten. Diesmal aber schien die Halle der ideale Raum für ihr Konzept, einen Ort des Tanzes und des Austausches darüber zu schaffen. Astrid Priebs-Tröger/Grit Weirauch

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