Kultur : An der Oberfläche gekratzt

Premiere von „Scratch“ im Theater Havarie

Astrid Priebs-Tröger

Sie sind jung, sie wollen was vom Leben und sie sind in Berlin. Doch ziemlich bald stellt sich heraus, dass die Protagonisten des Jugendstücks „Scratch“, das im T-Werk zur Premiere kam, eine Menge Federn lassen müssen bei dem Versuch, in der Großstadt „richtig“ anzukommen.

Frank, der gutgläubige Junge aus der Provinz, der ein berühmter DJ werden will, und Tamla, die seit Jahren um die Welt jobbt und sich dabei nach Nähe und Gebrauchtwerden sehnt. Beide um die zwanzig, gerade raus aus der Schule und der Pubertät, aber noch nicht angekommen im Erwachsensein, treffen eines Nachts auf einem S-Bahnhof am Rande der Stadt aufeinander. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die coole Weltenbummlerin (Denise Ilktac) fackelt nicht lange, wenn sie eine Annäherung als Anmache empfindet. Zwar wollte Frank (Sascha Diestelmann) wirklich „nur“ Feuer von ihr, doch das reicht in dieser Situation aus, um sich augenblicklich mit beißendem Spray im Gesicht auf dem Boden wiederzufinden. Ein paar Momente später könnten sich beide jedoch in den Armen liegen, wenn, ja, wenn nicht dieser Typ aufkreuzen würde.

„Der Mann aus dem Nichts“ ist die Rolle betitelt und in den nun folgenden Szenen fungiert er (Henna Lindemann), t mit supercoolen Sprüchen und Grinsen im Gesicht, als Fiesling, Nebenbuhler, Clown, Spielmacher oder auch Kommentator des Geschehens. Und es passiert eine ganze Menge: Kurzes Liebesglück, dann abrupte Trennung, Franks Odyssee durch diverse Jobs und Clubs und Tamlas beinahe kometenhafter Aufstieg als Serienstar. Monate später treffen sie sich in einem Supermarkt wieder - beide mit nichts in den Händen. Und jetzt könnte eine „wirkliche“ Beziehung entstehen, aber leider ist das Stück dann ganz schnell zu Ende. Vorher läuft das meiste in filmschnittartigen Sequenzen ab oder wird ziemlich wortreich berichtet. Frank hat dabei vor allem das Gefühl, im falschen Film zu sein. Selbst als er aus seinen diversen Misserfolgen „gelernt“ und im Großstadtdschungel einige seiner Prinzipien über Bord geworfen hat, zieht er keinen Joker. Irritierend ist die „Versuchsanordnung“ insgesamt. Denn eigentlich spielt das Ganze, sozusagen als „Spiel im Spiel“, in einer einzigen Nacht. Doch was bezwecken da die Einblendungen der inzwischen vergangenen Zeiträume – insgesamt mehrere Monate – zwischen den einzelnen Episoden?

„Scratch“ heißt Riß oder Schramme und bedeutet zudem bei DJs, als Methode zur Klangerzeugung, auch zerkratzen. Was mit dem Stück und der temporeichen Inszenierung zerkratzt werden soll (Regie: Yasmina Ouakidi), ist wohl vor allem die schöne Oberfläche von jugendlichen Wunschbildern. Das gelingt eindringlich, ist aber als Absicht schnell erkennbar und hält wenig Überraschungen bereit. Denn die Rollenzuschreibungen, er – soft und leichtgläubig, sie – selbstbewusst und tough, lassen kaum andere Möglichkeiten als die gezeigten zu. Dass hinter beider Fassaden noch weitere Qualitäten schlummern, erlebt nur am Schluss, in denen vor allem die Figur der Tamla deutlich an Farbe gewannn. Es gab herzlichen Applaus für die atmospärisch stimmige Aufführung. Astrid Priebs-Tröger

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