• "Alles Brahms" im Nikolaisaal: "Man arbeitet in Potsdam besser als in Berlin"

"Alles Brahms" im Nikolaisaal : "Man arbeitet in Potsdam besser als in Berlin"

Der Chefdirigent der Kammerakademie Potsdam, Antonello Manacorda, spricht im Interview über die Sinfonien und die Melancholie von Brahms.

Babette Kaiserkern
Fühlt sich in Potsdam Zuhause: Der Chefdirigent der Kammerakademie, Antonello Manacorda.
Fühlt sich in Potsdam Zuhause: Der Chefdirigent der Kammerakademie, Antonello Manacorda.Foto: Nikolaj Lund

Herr Manacorda, wie haben Sie zu Brahms gefunden?
Brahms ist eine sehr alte Liebe von mir. Ich bin ja von Hause aus Geiger, ich habe auch seine ersten beiden Geigensonaten aufgenommen und fast alle seine Kammermusikstücke gespielt. Und ich habe sehr oft die Sinfonien dirigiert – aber noch nicht in Potsdam.

Warum nicht?
Das Orchester ist normalerweise nicht groß genug dafür. Doch für diese Konzerte haben wir uns mit 54 Musikern breiter aufgestellt: Wir haben neun erste Geigen, neun zweite Geigen, vier Kontrabässe – so viele Musiker wie sonst nie! Das ist natürlich immer noch kleiner als ein Philharmonisches Orchester, aber das Interessante daran ist, dass wir genau die gleiche Größe haben, wie damals in Meiningen bei den Uraufführungen der Brahms-Sinfonien.

Für die Leute, die die Sinfonien von Brahms kennen, wird das sicher ein interessantes Klangereignis.
Brahms hat die Sinfonien in Meiningen uraufgeführt und auch selber dirigiert. Er hat es sehr genossen, weil er genug Zeit hatte, um die Partituren einzustudieren – genauso wie wir jetzt in Potsdam. Wir haben zwei Wochen, um uns nur auf Brahms zu konzentrieren.

Wie haben Sie die Frage der Instrumentation gelöst?
Der Klang des Blechs ist bei solch einer Besetzung sehr wichtig. Bei dieser Größe benutzen wir altes Blech: Wiener Hörner, Klappentrompeten und etwas kleinere als heute übliche Posaunen – das ergibt einen Klang, der sehr gut zu einem kleineren Streichorchester passt. Wir haben sehr lange am Klang getüftelt.

Was ist das Besondere an den Sinfonien von Brahms ?
Es ist immer interessant, wenn man einen Zyklus macht. Die Charaktere jeder einzelnen Sinfonie erscheinen in der Gegenüberstellung in einem anderen Licht, und jede verbindet sich viel mehr mit den anderen. Die erste Sinfonie mit ihrer Dunkelheit in c-Moll wird oft „Beethovens Zehnte“ genannt, aber natürlich geht Brahms viel weiter als Beethoven. Die zweite Sinfonie ist frühlingshaft, leicht und gesanglich, es steckt viel Schubert darin. Die dritte ist wieder dramatisch, aber mit weniger Kraft. Sie endet im pianissimo und hat auch etwas Melancholisches. In der vierten Sinfonie wiederum hört man die Mittelalterbegeisterung der Romantik ganz deutlich.

Welche Sinfonie ist die größte Herausforderung für Sie?
Ich glaube, die erste ist die schwierigste, weil Brahms da so viel wollte und das im Überfluss vorhandene Material ihn unter Druck setzte. Die zweite Sinfonie hat er sogar vor der ersten fertiggestellt. Die erste hat sehr viele Schichten, aber wenn man etwas tiefer geht, dann überlegt man, was man noch herausholen möchte. Man versteht dann vieles besser.

Wie ist das Verhältnis von Tradition und Innovation in seiner Musik?
Bei Brahms wird dieser Konflikt am deutlichsten in der Ausübung der Sonatenform. Massimo Mila, ein großer italienischer Musikwissenschaftler sagte, dass Brahms ein Romantiker sei, der in der Sonatenform gefangen ist. Dass die Sonatenform für ihn wie ein Anzug war, der ihm eigentlich zu eng geworden ist.

Wie gehen Sie mit dieser Spannung um?
Man muss sehr hart daran arbeiten, um diese konstruktive Struktur der deutschen Musik mit Gesanglichkeit und Expression zu verbinden. Einmal habe ich eine Brahmssinfonie in Helsinki dirigiert, da kam anschließend ein deutscher Intendant zu mir und sagte begeistert, das wäre das erste Mal gewesen, dass er Brahms mit einem Tick Belcanto gehört hätte. Ich persönlich mag Belcanto eigentlich nicht, aber er hat gefühlt, dass ich das Singende in den Phrasen gern habe. Es ist Musik, die aus der Seele zu einer anderen Seele spricht.

Wieviel Melancholie gibt es bei Brahms?

Oh, sehr viel. Er war sehr verliebt in Clara Schumann und gleichzeitig sehr gut befreundet mit ihrem Mann Robert Schumann. Es ist eine sehr melancholische Geschichte, aber es liegt auch Schönheit darin, ähnlich einer Dämmerung, einem Sonnenuntergang. Man ist melancholisch, weil der Tag vorbei geht, aber es gibt noch so viel Schönheit, Farben, das warme Licht am Ende des Tages – das ist Brahms.

Brahms hat nie geheiratet und ist nur weniger als ein Jahr nach Clara gestorben. Sie waren eigentlich alle drei bis zum Tode miteinander verbunden.
Ja, und wir haben ein bisschen gelacht, weil es in Brahms’ Werken tatsächlich sehr oft einen Rhythmus von zwei gegen drei gibt: Clara und Robert, Clara, Robert und Johannes. Man könnte sagen, dass diese Praxis von zwei gegen drei sozusagen das Grundmotiv von Brahms’ Existenz war.

Was für ein Mensch war Brahms?
Wenn man über ihn liest, weiß man, dass er auch ein bisschen wie ein Professor war, mit seinem Bart und seiner patriarchalischen Art. Aber seine Musik klingt so frei und so aufgehoben. Doch als Mensch war Brahms sicher schwerer. Ich hätte gern einen Abend mit ihm bei Schnaps und Zigarren und einem guten Gespräch verbracht.

Was bedeutet dieses Projekt für Sie?
Mit der Kammerakademie ist die Arbeit Leidenschaft und Freude, man spürt, dass dieses Orchester Lust auf Musik hat. Und wir lernen zusammen immer weiter.

Was meinen Sie über den Standort Potsdam? Es ist nicht immer leicht, sich neben Berlin zu behaupten, oder?
Das sagen immer alle und ich verstehe das, aber man arbeitet in so einer Stadt viel besser als in einer großen wie Berlin. Die Dimensionen sind menschlicher, es gibt nicht so viel Stress. Es ist eigentlich perfekt. Wenn man herkommt, kann man sich völlig auf sich konzentrieren. Das ist eine wirklich privilegierte Situation. Potsdam ist schon mehr als ein Zuhause geworden. Ich wohne in Berlin, aber wenn die Musiker und ich hier zusammenkommen, dann dreht sich alles um die Musik. Auf der Bühne geht es quasi um Leben und Tod – das spürt auch das Publikum.


Das Gespräch führte Babette Kaiserkern


„Alles Brahms“ findet vom 28. bis 31. März im Nikolaisaal, Wilhelm-Staab-Straße 10/11 statt. Die Sinfonien 1 und 2 sind am 29. 3. um 20 Uhr und die 3 und 4 am 31. 3. um 16 Uhr zu hören

Zur Person

Antonello Manacorda, geboren 1970 in Turin, ist Geiger und Dirigent. Seit 2010 ist der Italiener künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam. Zu den Höhepunkten dieser Saison zählt ein Zyklus mit den vier Symphonien von Brahms. Bereits im Februar 2014 leitete Manacorda hier an vier aufeinanderfolgenden Tagen einen Zyklus der Beethoven Symphonien. Mit der Kammerakademie Potsdam hat Manacorda einen Schubert-Zyklus für Sony aufgenommen, der 2015 den ECHO Klassik erhielt. Wieder für Sony nimmt Manacorda mit der Kammerakademie Potsdam alle Symphonien von Mendelssohn auf.

Seit 2011 ist er zudem Chefdirigent des niederländischen Het Gelders Orkest, von dem er in der Saison 2018/19 seinen Abschied nimmt.