• 25. Unidram-Festival in Potsdam: Ein Hoch auf die Vielfalt

25. Unidram-Festival in Potsdam : Ein Hoch auf die Vielfalt

Viel mehr Gäste als in den Vorjahren: Das 25. Unidram-Festival in Potsdam endete mit einem Besucherrekord. Ein Rückblick.

Astrid Priebs-Tröger
Allein für die Performance „Demokratie“ verbrauchte die St. Petersburger Gruppe Akhe drei Fässer Öl. 
Allein für die Performance „Demokratie“ verbrauchte die St. Petersburger Gruppe Akhe drei Fässer Öl. Foto: Nick V. Demented

Potsdam - Der Andrang war groß bei Unidram. Fast 4000 Besucher und damit wesentlich mehr als in den Vorjahren besuchten die insgesamt 44 Aufführungen, Performances und Installationen des Jubiläumsfestivals. Das an insgesamt neun Tagen ein überaus schillerndes Theaterfeuerwerk abbrannte und sich selbst mit der wunderbar facettenreichen Ausstellung im „25 Jahre Unidram“ im KunstRaum und mit „7 Sachen SPEZIAL“ auch gebührend erinnerte und feierte.

Es war das bisher technisch aufwendigste Festival, wie Jens-Uwe Sprengel vom gastgebenden T-Werk sagt. Beispielsweise wurde der Hybrid-Flügel, der in der Mensch-Maschine-Musikperformance „Oh Magic“ von Simon Mayer am letzten Abend zum Einsatz kam, direkt aus der Hersteller-Fabrik in Österreich zur Verfügung gestellt. Die drei Fässer Öl für die Akhe-Performance „Demokratie“ waren ebenfalls vor Ort zu besorgen und das Fluid für die gigantische Schaummenge in Akhes „Diktatur“ hatte der Verleih plötzlich nicht mehr im Angebot. So mussten die Unidram-Organisatoren dies quasi über Nacht in Deutschland auftreiben, so Sprengel. Auch die meterlangen Bretter, die in „Diktatur“ zum Einsatz kamen, gab es nicht im normalen Holzhandel, sondern mussten bei einem Sägewerk abgeholt werden.

"Akhe" spaltete Potsdamer Publikum

Die St. Petersburger Gruppe „Akhe“, die diesen Aufwand verursachte, trat, wie schon zum 23. Festival, insgesamt drei Mal bei Unidram auf und spaltete wie so oft das Publikum. Am Abschlussabend feierte ihre Polit-Performance „Diktatur“ umjubelte Deutschlandpremiere. Sie zeigt den vergeblichen Versuch dreier Männer, in ihrem unter Wasser stehenden Haus irgendwie Boden unter die Füße zu kriegen. Anstatt Brücken zu bauen, werden die meterlangen Holzbretter gen Himmel gereckt, um dann schwarz bekleckert, paarweise zusammengebunden und entsprechend gedehnt, stilisierte weibliche Geschlechtsteile darzustellen - in denen es sich die Herren „bequem“ zu machen versuchen, bis das alles krachend auseinanderbricht beziehungsweise von ihnen selbst zu Kleinholz verarbeitet wird. Mutterseelenallein harren die drei auf das, was kommen mag. Nicht ohne sich selbst immer wieder zu erhöhen oder als „Führerfigur“ zu posieren. Ein flackerndes Feuer erleuchtet ihre chaotische „Höhle“, in die jetzt erneut Wasser und jede Menge Schaum eintritt, der immer höher steigt. Letztlich wird das „Haus“ von den Herren selbst und einer Schar losgelassener Jugendlicher eingerissen. Großer Jubel! Und jede Menge fühlbar befreite Energie. Doch was unter dem ganzen Schaum-Chaos hervorgeholt und triumphierend aufgerichtet wird, erstaunt dann doch: Ein riesiger fünfzackiger Stern – das altbekannte Symbol der ehemaligen Sowjetmacht.

Knallige Effekte, die gut konsumierbar sind

Nicht nur bei Ahke, sondern auch in der gleißenden „Oh Magic“-Performance des Österreichers Simon Mayer oder der litauischen Tanztheaterproduktion „Game Changer“ zeigte sich eine Tendenz zur gedanklichen Vereinfachung und der Vorgang, sich an der Herstellung eindrucksvoller Oberflächen abzuarbeiten. Das ergibt jede Menge knallige Effekte, die gut konsumierbar sind. Doch zum Glück lassen sich die Unidram-MacherInnen nicht völlig von dieser gesamteuropäisch auftretenden Performancewelle überrollen.

Komplexität menschlicher Existenz

Es gab auch in diesem Jahr Produktionen, die nicht auf vordergründige Knalleffekte abzielten, sondern die Komplexität menschlicher Existenz in ihrer Schönheit und Brüchigkeit zeigten. Und die den gesellschaftlichen Transformationsprozess, in dem sich die gegenwärtige Welt befindet, genauer untersuchten. Allen voran der Israeli Ariel Doron, der mit „Besuchszeit vorbei“ die moderne Medienwelt persifliert und versucht, erneut Erfahrungen von Gewalt fühlbar zu machen. Und dabei auch mutig die konventionelle Grenzlinie zwischen Bühne und Publikum einreißt. Doch auch dies erzielt bei Unidram heftig polarisierende Reaktionen, die von totaler Ablehnung bis hin zu berührtem und aktivem Eingreifen reichen.

Oder die poetischen und sehr schwebenden Produktionen – im Sinne von unerwartet und in Transformation begriffen – wie „Frame“ der italienischen Gruppe Teatro Koreja oder „Tria Fata“ der beiden multitalentierten Protagonisten vom französischen Figurentheater La Pendue. Letzteres ungemein vielfältig in den Mitteln, die von Puppen- über Schattentheater bis hin zu Projektionen reichen sowie von ergreifender handgemachter Musik und wunderbar lebensprallen und gleichzeitig poetischen Texten umrahmt werden. Und dann der Witz und die Chuzpe dieser alten Frau, die dem vor der Tür stehenden Tod zuerst ihre beiden Beine opfert, um vor dem endgültigen Abgang noch ein letztes beziehungsweise erstes Mal ihre Lebensgeschichte zu erzählen – und dabei so lebendig wird wie vielleicht niemals zuvor. Was für eine Tiefe, Leichtigkeit und wunderbare (Theater-)Seele bei diesen beiden jungen Franzosen, die eine überwältigende Symbiose von traditionellem Handpuppenspiel und zeitgenössischen Figurentheatertechniken erschaffen. Und das Publikum vom ersten Moment an mitnehmen und danach ungemein bereichert und berührt zurücklassen.

Hauptsächlich Männer führten Regie bei Unidram

Bleibt noch kritisch anzumerken, dass auch in diesem Jahr hauptsächlich Männer Regie in den Stücken bei Unidram führten und nur eine einzige kleine deutsche Produktion zu sehen war. Wenn tatsächlich zwei Drittel des Publikums Frauen sind, sollten diese auch endlich stärker auf den Bühnen der freien Theater präsentiert werden.

Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Unidram-Vorstellungen ausverkauft. Dies wie auch die erstmalige Einbeziehung des KunstRaumes für ein halbes Dutzend kleiner Performances und Installationen zeigt, dass die Unidram-Kuratoren auf dem richtigen Wege sind. Und dass vor allem die faszinierende Vielfalt eines solchen Festivals ein sicherer Erfolgsgarant ist.

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