Dritte Corona-Welle durch B117-Mutante? : So stark könnte die Zahl der Neuinfektionen wieder steigen

Der Anteil der britischen Variante nimmt stark zu. Modellrechnungen zeigen: Schon bald könnte es wieder eine Corona-Situation wie vor Weihnachten geben.

Richard Friebe Hendrik Lehmann Otto Wöhrbach Yannik Achternbosch
In Großbritannien war zu sehen, welche Auswirkungen die Variante B117 haben kann.
In Großbritannien war zu sehen, welche Auswirkungen die Variante B117 haben kann.Foto: Maurtius Image

Die Zahlen der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus sind in den vergangenen Wochen gesunken. Doch obwohl die gleichen Lockdown-Bedingungen nach wie vor gelten, scheint der Trend sich so nicht fortzusetzen. Ein Grund ist, dass es „das eine Coronavirus“ nicht mehr gibt.

Während Lockdown und persönliche Vorsicht auszureichen scheinen, die ursprüngliche Variante zurückzudrängen, baut sich bereits einen neue Welle mit den neuen, infektiöseren Varianten auf.

Wie hat sich der Anteil der Mutanten entwickelt?

Der Anteil der britischen Viren-Mutante ist deutlich gestiegen. Etwa 22 Prozent aller Neuinfektionen erfolgen bereits durch diese neuen Viren der in Großbritannien zuerst nachgewiesenen Variante B117. Bedeutsam ist vor allem das Ausmaß des Anstiegs: Innerhalb von nur zwei Wochen hat er sich von sechs Prozent bundesweit auf fast 23 Prozent erhöht. In lediglich fünf Wochen hat der Anteil sich damit mehr als verzehnfacht.

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Auch das Robert Koch-Institut (RKI) spricht davon, dass sich die Verbreitung der B117-Mutation in den letzten Wochen „stark erhöht“ hat. Regional kann der Anteil größer sein. So teilte die Stadt Düsseldorf am Donnerstag mit, dass der Anteil dort bereits auf mehr als 40 Prozent angewachsen ist.

Woher stammen die Daten?

Der jüngste bundesweite Wert geht aus dem neuen Bericht des RKI hervor. In Zusammenarbeit mit den Laboren, die in Deutschland die Tests zur Erkennung des Coronavirus auswerten, wurde der Anteil von B117 sowie der beiden anderen als „besorgniserregend“ eingestuften Varianten – der sogenannten südafrikanischen und brasilianischen – ermittelt.

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Zugrunde liegen rund 90 000 positive Corona-Tests, die den Laboren zwischen der zweiten und sechsten Kalenderwoche übermittelt wurden. Dabei wurde in mehr als 22,8 Prozent der untersuchten Proben die B117-Mutante nachgewiesen, rund 1,3 Prozent der Proben wiesen die südafrikanische B1351-Mutante auf.


Viele Expertinnen und Experten sind sich sicher, dass auch dieser Wert noch steigen wird – waren die Zahlen im Fall der britischen Variante vor wenigen Wochen doch noch ähnlich niedrig. Die Zunahme jedenfalls ist auch hier schon deutlich erkennbar. In der vierten Kalenderwoche konnte die Mutante mit wahrscheinlich südafrikanischem Ursprung lediglich bei 0,3 Prozent der Tests nachgewiesen werden.

Hat die dritte Welle schon begonnen?

Die tägliche Anzahl an Neuinfektionen ist derzeit zwar noch relativ stabil – von einer dritten Welle zu sprechen, erscheint also unangemessen. Tatsächlich ist diese aber bei den Virus-Varianten, die im Anteil zunehmen und deshalb mit jedem weiteren Tag das Gesamtgeschehen mehr und mehr bestimmen werden, in den Daten bereits deutlich erkennbar.

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Sie wird nur, wie dies für tatsächliche physikalische Wellen unterschiedlicher Höhe auch zutrifft, von der derzeit noch höheren, sich abschwächenden Welle von Infektionen mit dem „alten“ Coronavirus überlagert. Virologen sprechen derzeit zwar ungern von der dritten Welle, nutzen aber den nicht gerade harmloseren Begriff „neue Epidemie“. Daraus könnte auch eine neue Pandemie werden, wenn die Verbreitung sich so fortsetzt.

Was bedeutet das für den Lockdown und mögliche Lockerungen?

Aus dem zeitlichen Ablauf des Zusammenspiels der alten und neuen Epidemie könnte sich eine ungünstige Situation entwickeln: Die insgesamt zunächst noch zurückgehenden Infektionszahlen könnten für Politiker Anlass sein, nach der bereits zuvor erfolgten teilweisen Öffnung der Schulen weitere Lockerungen umzusetzen – so wie es ab 7. März geplant ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt dürften die gemeldeten Neuinfektionen der beiden Virus-Varianten die Hälfte aller Infektionen ausmachen. Später ist davon auszugehen, dass die neuen Varianten, angeführt von B117, den allergrößten Teil der Neuinfektionen ausmachen. Das wird so oder so wieder zu steigenden Ansteckungszahlen führen, selbst wenn die Lockdown-Maßnahmen gleich bleiben.

Welches Szenario ist denkbar?

Wie hoch der R-Wert der Mutanten unter den derzeitigen Lockdown-Bedingungen ist, kann nur näherungsweise geschätzt werden. Er liegt aber sicher deutlich über der Zahl von eins. Eine Person steckt also im Mittel mehr als eine weitere an. Geht man, wie zum Beispiel der Virologe Michael Meyer-Hermann eher zurückhaltend von einem R-Wert von 1,2 (zehn Menschen stecken im Mittel zwölf weitere an) aus, dann ergibt sich: Selbst ohne Lockerungen und ohne Schulöffnungen ergäben sich aus Mitte Februar täglich gemeldeten 1500 Neuinfektionen mit B117 Ende April wieder mehrere 10.000 pro Tag.

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Geht man davon aus, dass sich die Virusmutante ähnlich schnell wie in anderen Ländern durchsetzt, würde Deutschland am 28. Februar wieder eine Inzidenz von knapp 80 erreichen. Wenn sich die Statistik des RKI in der aktuellen Steigerung fortsetzen würde, läge die Inzidenz bis dahin sogar bei 175. Das ergeben Berechnungen des Biologen und Physikers Cornelius Römer für den Tagesspiegel. Es würde eine Situation wie vor Weihnachten 2020 entstehen – nur mit infektiöseren Viren.

Worin unterscheiden sich die Mutanten vom ursprünglichen Corona-Typ?

Die Mutanten zeichnen sich dadurch aus, dass sich in ihrem Erbgut mehrere Mutationen finden, von denen die meisten zu einer Strukturänderung des sogenannten „Spike“-Proteins beitragen. Dieses Protein ist gleichsam der Schlüssel, mit dem sich das Virus Zugang zu menschlichen Zellen verschafft. Diese Veränderungen machen die neuen Varianten offensichtlich infektiöser – das ist auch der Grund, warum sie sich besser verbreiten als die ursprünglichen.

Es gibt inzwischen eindeutige Belege, dass die Mutanten ansteckender sind. Das gilt auch für die derzeit in Deutschland noch seltene brasilianische Variante. Dass dies der Fall sein könnte, ist plausibel, denn höhere Infektiosität bedeutet auch, dass das Virus sich nach der Infektion im Körper schneller verbreiten kann. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Immunsystem nicht schnell genug und nicht angemessen reagieren kann.

Wie wirken die Impfungen gegen die neuen Varianten?

Die Impfstoffe wirken – soweit bekannt ist – auch gegen die neuen Varianten. Allerdings verdichten sich die Hinweise darauf, dass diese Wirksamkeit je nach Impfstoff und je nach Mutante teilweise deutlich geringer ist. Dies muss aber nicht unbedingt zu ernsthaften Problemen führen.

Denn auch eine geringere Wirksamkeit scheint oft noch zu bedeuten, dass schwere Verläufe deutlich weniger wahrscheinlich sind als ohne Impfung – darauf lassen bisherige Daten schließen. Endgültige Erhebungen liegen noch nicht vor. Impfstoffhersteller arbeiten allerdings bereits daran, ihre Produkte den neuen Varianten anzupassen. Das wird auch für mögliche weitere Mutanten mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich bleiben.

Wie könnte sich das Virus weiter verändern?

Je mehr Menschen infiziert sind, desto mehr Möglichkeiten hat das Virus, weiter zu mutieren. Varianten, die besonders infektiös sind, haben dabei die beste Chance, ihren Anteil am Gesamtgeschehen zu vergrößern. In Tschechien etwa gibt es laut dem Parasitologen Jaroslav Flegr Hinweise darauf, dass eine neue Untervariante von B117 für mehr schwere Verläufe auch bei jungen Menschen und Kindern verantwortlich sein könnte.

Was ist im Umgang mit den neuen Mutanten sinnvoll?

Es gilt wie bisher in der Pandemie der gleiche Grundsatz: Es sollten so gut wie möglich Ansteckungen verhindert werden. Da der R-Wert der Mutanten schon jetzt über eins liegt, wären dafür künftig noch konsequentere Kontaktbeschränkungen und Hygienevorkehrungen notwendig als bislang.

Sollten Lockerungen erfolgen, wird dies weniger gelingen als zuvor – und höher ansteckende Virusvarianten werden das Problem verschärfen. Teilweise entschärfend könnte sich auswirken, dass zunehmend Menschen aus Hochrisikogruppen Impfschutz haben.

Trotzdem wird die Entscheidung schwierig, wie weiter zu verfahren ist. Sie lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil neben dem Infektionsschutz auch andere Aspekte in Wirtschaft, Bildung, Gesellschaft und Kultur eine Rolle spielen. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass künftig erneut ein harter Lockdown erfolgen muss, der möglicherweise verhindert werden kann, wenn jetzt konsequenter gehandelt werden würde.

Immer mehr Virologen und Epidemiologen favorisieren deshalb unmittelbar eine No-Covid-Strategie mit Maßnahmen, welche die Sieben-Tage-Inzidenz auf unter 10 drücken. Dann wären so wenige Menschen infiziert, dass etwa über Kontaktverfolgung und schnellere und bessere Testung als bisher viel gezielter gegen die Verbreitung vorgegangen werden könnte.