• Wie Brandenburgs Städte vom Berlin-Hype profitieren wollen

Zuzug junger Familien : Wie Brandenburgs Städte vom Berlin-Hype profitieren wollen

Brandenburgs Städte außerhalb des Speckgürtels wollen mit Berlin wachsen und erwarten dafür von der Politik mehr Engagement.

Nicht Berlin, aber auch schön. Die Innenstadt von Eberswalde, neuerdings ein Zuzugsziel von Berliner Familien.
Nicht Berlin, aber auch schön. Die Innenstadt von Eberswalde, neuerdings ein Zuzugsziel von Berliner Familien.Foto: P. Pleul/dpa

Potsdam - Bessere Zug- und Internetverbindungen, weniger Bürokratie, kürzere Planungszeiten: Das erwarten Brandenburger Städte außerhalb des Speckgürtels im Wahljahr 2019 von der Landespolitik. Sie wollen nämlich mit Zuzüglern aus der Metropole Berlin wachsen. „Die Chance ist da, dass Brandenburger Städte von dem Hype um Berlin profitieren“, sagte Friedhelm Boginski, Bürgermeister der Stadt Eberswalde und Vorsitzender des Brandenburger Städteforums, am Freitag auf einer Pressekonferenz.

"Gibt es Wohnungen? Gibt es Kitaplätze?"

Nach Worten von Boginski ist es inzwischen alltäglich, dass junge Familien aus Berlin gezielt in fernere Städte ziehen wollen, dort ins Rathaus gehen und fragen: „Gibt es bei euch Wohnungen? Gibt es Kitaplätze?“ Dort seien die Kommunen meistens ganz gut aufgestellt, aber schwierig sei es oft bei den Verkehrsverbindungen. 

Friedhelm Boginski (FDP), Bürgermeister von Eberswalde. 
Friedhelm Boginski (FDP), Bürgermeister von Eberswalde. Foto: Thilo Rückeis

Es räche sich, dass Brandenburgs Regierungen es in den letzten 25 Jahren versäumt hätten, „rechtzeitig Mobilität mitzudenken“, sagte Boginski. „Kommt der Zug, kommt der Zuzug. Das ist jetzt höchste Eisenbahn.“

„Wir brauchen den Regionalexpress zuverlässig"

Und Jens Peter Golde, Bürgermeister von Neuruppin und Vorsitzender des sogenannten Städtekranzes Berlin-Brandenburg, beschrieb den nötigen Standard so: „Wir brauchen den Regionalexpress zuverlässig im Halbstundentakt.“ 

Eine weitere Voraussetzung für Zuzug sei schnelles Internet, sei der Breitbandausbau, ergänzte Frank Steffen, Bürgermeister von Beeskow (Oder-Spree) und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Städten mit historischen Stadtkernen. „Für viele Zuzügler ist die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten, eine entscheidende Frage“, sagte er. Und weiter: „Mir sagen Leute aus Beeskow: Ich arbeite in einem großen internationalen Konzern, kann auch zu Hause arbeiten. Aber der Anschluss reicht nicht für die bei uns üblichen Videokonferenzen.“

Mehr Spielräume für Entscheidungen

Auf der anderen Seite bräuchten die Städte größere Spielräume für Entscheidungen, weniger Bürokratie. „Denkt nicht so zentralistisch!“, sagt Steffen. So müsse sich doch nicht die Obere Denkmalschutzbehörde darum kümmern, wenn Beeskow vier Ladesäulen für Elektroautos aufstellen wolle. „Daran scheitert es nun, wenn im Sommer der Berliner kommt und seinen E-Smart hier anschließen will.“

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben die von Boginski, Steffen und Golde vertretenen drei Städteorganisationen Ende April unter dem Motto „Stadtluft macht frei“ zu einem Stadtentwicklungstag geladen. Denn mittlerweile wächst in den Städten auch die Sorge, dass in den politischen Debatten um die Zukunft des ländlichen Raumes, vor allem um die Entwicklung der Dörfer, die Städte in den Hintergrund geraten könnten. „Ich sage immer: Eberswalde ist Provinz. Auch wir sind ländlicher Raum“, sagt Boginski. 

In Eberswalde gibt es noch Potenzial

Er verwies darauf, dass Städte wie Falkensee und Bernau im engeren Umland inzwischen die Grenze des Wachstums erreicht hätten. In dem Ring etwas weiter von Berlin entfernterer Städte wie Eberswalde gebe es dagegen noch ausreichend Potenzial. „Wir haben noch Platz, aber die Infrastruktur muss stimmen“, sagt Boginski. Das dauere zu lange. Seit 1991 werde eine nötige Umgehungsstraße in Eberswalde geplant, jetzt sei man erst im Planfeststellungsverfahren. „Ich bin bald 16 Jahre Bürgermeister. Ich würde es gern schaffen, am letzten Tag wenigstens den ersten Spatenstich zu machen. Aber selbst das scheint nicht mehr zu klappen.“ Planungshorizonte bei Bauvorhaben von 30 Jahren und mehr seien desaströs.