• Trotz 300 Euro "Buschprämie": Brandenburg lockt keine neuen Lehrer aufs Land

Trotz 300 Euro "Buschprämie" : Brandenburg lockt keine neuen Lehrer aufs Land

Brandenburg verfehlt sein Ziel 1150 neue Lehrer einzustellen nur knapp und steht im Vergleich gut da. Die Brandenburger Baustellen aber bleiben.

Alexander Fröhlich
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Potsdam - Mit der sogenannten Buschprämie hat Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD) keine neuen Lehrer ins Land gelockt. 300 Euro pro Monat über drei Jahre reichen offenbar nicht aus, um Personal für die Schulen in den Weiten des Landes zu rekrutieren. Baaske berichtete am Donnerstag bei der traditionellen Pressekonferenz zum Start des neuen Schuljahres, dass sich nur ein Lehrer auf die Sonderzahlung eingelassen habe und nach Ostbrandenburg gegangen sei. Doch lange gehalten habe es den Lehrer dort nicht – trotz der Buschprämie. 

Dennoch wirkt Baaske zufrieden. 1150 neu eingestellte Lehrer waren angepeilt. Bislang sind es 1061, weitere Zusagen liegen vor. Noch 43 Lehrerstellen sind ausgeschrieben. „Wir haben das Ziel weitgehend erreicht“, sagte Baaske. Im Vergleich zu anderen Bundesländern stehe Brandenburg gut da. Nur ein Fünftel der Stellen müssten mit Seiteneinsteigern besetzt werden, in anderen Bundesländern wäre es die Hälfte sagte Baaske. Der Grund: Das Bildungsministerium hatte mehr Bewegungsfreiheit, konnte schon 2016 Zusagen machen, das ganze Jahr über einstellen. „Wir habe ganz schön viel gekurbelt. In den Jahren zuvor war es nicht so anstrengend“, sagte Baaske. Wenn Brandenburg wie sonst oder andere Bundesländer erst im Frühjahr mit der Anwerbung begonnen hätte, sagte Baaske, „dann hätte uns das das Genick gebrochen“. Aktuell gibt es 19 600 Lehrkräfte – ein Zuwachs um 740. 

Mehr Schüler aus dem Ausland und anderen Bundesländern in Brandenburg

Positiv habe sich bei der Anwerbung neuer Lehrkräfte auch ausgewirkt, dass die Besoldung für Lehrer der Sekundarstufe I deutlich um durchschnittlich rund 450 Euro im Monat erhöht wurde, hieß es. „Das war für viele Bewerber das Kriterium, sich für Brandenburg und nicht für eines unserer Nachbarländer zu entscheiden.“ Allerdings sei es immer noch schwierig, junge Lehrkräfte für entlegenere Regionen zu finden, meinte Baaske. So werden etwa in Eberswalde (Barnim) noch viele Lehrer gesucht. 

Die Schilderungen machen auf ein Grundproblem aufmerksam: Am Montag beginnt das neue Schuljahr mit rund 289 000 Schülern. Bis zum Jahr 2022 soll die Zahl nach den Prognosen des Ministeriums auf 292 800 steigen und dann langsam wieder zurückgehen. Der diesjährige Zuwachs um insgesamt rund 6400 Schüler ist unter anderem auf Zuwanderung aus dem Ausland und Zuzüge aus anderen Bundesländern zurückzuführen, sagte Baaske. Die Zahl der Erstklässler liegt wie zuvor bei rund 22 200 Jungen und Mädchen. 

Allein im neuen Schuljahr würden rund 600 Lehrkräfte aus Altersgründen ausscheiden

Parallel werden immer mehr Lehrer pensioniert, die ganz große Welle steht erst noch bevor. Allein im neuen Schuljahr würden rund 600 Lehrkräfte aus Altersgründen ausscheiden. Parallel reicht die Zahl der Studienplätze für angehende Lehrer an der Universität Potsdam nicht aus. Man sei in Gesprächen, es sei aber auch alles eine Frage des Geldes. 

Auch sonst gibt es viele Baustellen. Für die Inklusion von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen gibt es künftig 129 „Schulen für gemeinsames Lernen“, darunter 102 Grund-, 24 Ober- und drei Gesamtschulen. Dafür sollen im neuen und im kommenden Schuljahr 432 Lehrkräfte zusätzlich eingestellt werden, hieß es. Das Land stelle dafür 23 Millionen Euro bereit. Zuvor hatten sich 75 Grundschulen an einem entsprechenden Pilotprojekt beteiligt. Derzeit gibt es rund 16 000 märkische Schüler mit einem festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf. 

Seiteneinsteiger nur nach Zusatzstudium in feste Stellen?

Insgesamt würden künftig rund 10 000 Kinder und Jugendliche nichtdeutscher Herkunft mit einem besonderen Bedarf an Sprachförderung Schulen in Brandenburg besuchen, sagte Baaske. Darunter seien rund 6000 Flüchtlingskinder.

An Brandenburgs Schulen arbeiten derzeit rund 19 600 Lehrkräfte – ein Zuwachs um 740 – auf rund 18 600 Vollzeitstellen. Die Zahl der Teilzeitkräfte sei damit vergleichsweise gering, sagte Baaske. Zusätzlich stünden weitere 575 befristet eingestellte Lehrkräfte zur Verfügung, darunter Vertretungskräfte für Ausfälle durch Schwangerschaften und Elternzeit sowie 216 Seiteneinsteiger, deren Ausbildung noch keine Festanstellung erlaube. Unter den Seiteneinsteigern seien unter anderem Heilerziehungspfleger, Heimerzieher, Sportlehrer ohne Staatsexamen und Unterrichtserfahrung, ein „Freundschaftspionierleiter“ und Pädagogen ohne das bei Lehrern erforderliche zweite Staatsexamen. Diese Seiteneinsteiger könnten nur dann feste Stellen als Lehrer bekommen, wenn sie die erforderlichen Qualifikationen gegebenenfalls durch ein Zusatzstudium nachholen, sagte Baaske: „Wenn du in Brandenburg Lehrer werden willst, musst du deine Hausaufgaben machen.“

Nach einer Panne im Mathe-Abi mussten 2600 Schüler die Prüfung wiederholen

Vor dem Abitur bekommen Oberstufenschüler künftig eine Stunde Mathematik pro Woche zusätzlich, um eine Panne wie bei den Abiturprüfungen in diesem Frühjahr zu vermeiden. Rund 2600 Abiturienten hatten ihre Mathe-Klausuren wiederholt, weil im ersten Anlauf Logarithmus-Themen abgefragt wurden, die in vielen Schulen gar nicht behandelt worden waren. „Die Erhöhung der Mathe-Stunden begrüße ich“, sagte CDU-Bildungsexperte Gordon Hoffmann. Allerdings müsse auch die Entwicklung der Prüfungsaufgaben dringend verbessert werden. Außerdem forderte er eine Einstellungspolitik, die dem Bedarf an Lehrern auf lange Sicht gerecht werde. „Es rächt sich jetzt, dass die Brandenburger Bildungspolitik seit Jahren nur auf Sicht fährt“, sagte er. „Jeden Sommer gleicht es einer Zitterpartie.“

Auch die Bildungsexpertin der Grünen-Fraktion, Marie-Luise von Halem, wies darauf hin, dass mehr als ein Fünftel der neueingestellten Lehrkräfte Seiteneinsteiger seien. „Für sie fordern wir eine deutliche inhaltliche und regionale Ausweitung der Qualifizierungs- und Beratungsangebote“, sagte sie. „Wer unsere Kinder unterrichtet, der oder die braucht – unabhängig von Fachkenntnissen – ein Mindestmaß an pädagogischer Qualifizierung.“ (mit epd/dpa)