• Sturmtief "Xavier" und die Bahn: Sturm der Entrüstung

Sturmtief "Xavier" und die Bahn : Sturm der Entrüstung

Auf den Orkan folgt ein Info-Chaos der Bahn. Auch die BVG kommt bei der Kundenlobby schlecht weg.

Sandra Dassler
Foto: Silas Stein/dpa

Potsdam/Berlin - Sonntag am Cottbuser Hauptbahnhof: Eike U. liest auf der Abfahrtstafel, dass der Zug um 11 Uhr nach Berlin ausfällt. Und nicht nur der, wie Reisende fassungslos sehen: „Da steht, dass der Zug nach Leipzig ausfällt, aber mir wurde gesagt, dass er fährt“, sagt ein Mann. „In meiner Bahn-App steht, dass ich über Falkenberg nach Berlin fahren soll, aber auch der Zug nach Falkenberg fällt aus“, ärgert sich eine Frau.

Ähnliches Chaos herrscht auf vielen Bahnhöfen in Brandenburg, vor allem entlang der wichtigen, vom Sturm besonders stark beschädigten Strecke Berlin–Cottbus: Auch drei Tage nach dem Orkan werden online Verbindungen angezeigt, die real nicht fahren. Dafür erfährt Eike U. aus der Bahn-App nichts vom Schienenersatzverkehr. Auch im Bahnhof fehlt jeder Hinweis. „Wir dürfen keine Hinweisschilder auf den Ersatzverkehr im Bahnhof Cottbus aufstellen“, sagt eine Mitarbeiterin der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg), die die Verbindung auf den Gleisen der DB betreibt. Irgendwann kommt immerhin eine Durchsage zu den Bussen; „genaue Zeitangaben sind nicht möglich“.

Bahnfahren nach "Xavier": Selbst für die Pressestelle ist es schwer, nach dem Sturm den Überblick zu behalten

Die Angestellten im Reisezentrum wissen Bescheid. „Um elf fährt ein Bus bis Königs Wusterhausen“, erfährt Eike U. – um 10.57 Uhr. Er rennt zur 200 Meter entfernten Haltestelle, doch er kann im Bus kein Ticket lösen. Aber der Busfahrer lässt nicht nur ihn stehen, sondern auch andere, weil auf der Fahrt über die Autobahn niemand stehen darf.

Eine Odeg-Mitarbeiterin beruhigt: „In einer halben Stunde kommt der nächste Bus“, sagt sie. Der Fahrplan behauptet: alle eineinhalb Stunden. Natürlich würden die Plätze nicht reichen, sagt die Frau: „Jetzt geht es noch, aber ab Sonntagnachmittag bis Montagvormittag wird hier das Chaos ausbrechen.“ Kann das Unternehmen angesichts des absehbaren Andrangs der Pendler nicht mehr Busse einsetzen? Achselzucken.

Selbst die Pressestelle der Bahn behält am Sonntag nur mit Mühe den Überblick. Warum in der Bahn-App Züge auftauchen, die gar nicht fahren, kann ein Sprecher nur vage erklären: „Es ist natürlich ein sehr komplexes System, viele arbeiten zu, das ist dann auch störanfällig.“

Fahrgastinformation bei "Xavier" störungsanfällig

Der Berliner Fahrgastverband (Igeb) meldet sich am Sonntag mit scharfer Kritik: Bei „Xavier“ habe sich wie bei fast allen Störungen gezeigt, „dass die digitale Fahrgastinformation ein Schönwettersystem ist, das bei großen Störungen falsche, unsinnige oder nichtssagende Informationen gibt oder vollständig zusammenbricht.“ So habe das BVG-Info-System „Daisy“ weiter Fahrten angezeigt, die längst nicht mehr aktuell waren – und später den wieder angelaufenen Betrieb nicht gemeldet. „BVG-Twitter war ein vollkommener Reinfall und stieg irgendwann völlig aus, auf den Webseiten von Deutscher Bahn, S-Bahn, BVG und VBB gab es oft keine aktuellen, sich widersprechende oder unübersichtliche Informationen. Einzige überwiegend positive Ausnahme: S-Bahn Twitter“, heißt es beim Fahrgastverband, dem auch Beschäftigte der Verkehrsunternehmen angehören.

Die Igeb fordert, dass die Länder in den Verträgen mit den Verkehrsunternehmen Qualitätsstandards für die Fahrgastinformation im Störungsfall festlegen. Das betrifft das Internet ebenso wie die Information in den Fahrzeugen, an den Haltestellen und auf den Bahnhöfen.

BVG-Busverkehr in Kritik

Scharf kritisiert der Fahrgastverband auch die vollständige Einstellung des BVG-Busverkehrs während des Orkans als „unverhältnismäßig und falsch“. Der Systemvorteil des Busses gegenüber den Schienenfahrzeugen, einen blockierten Abschnitt zu umfahren, sei so nicht genutzt worden. Und: „Durch das Aussetzen der Fahrgäste ,auf freier Strecke’ waren sie viel mehr gefährdet, als wenn sie im Bus geblieben wären.“

BVG-Sprecherin Petra Reetz weist das zurück: „Es wurde ja niemand gezwungen, auszusteigen“, sagt sie. „Wer wollte, konnte selbstverständlich sitzen bleiben. Und ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die Entscheidung richtig war. Man stelle sich nur mal vor, dass ein Baum auf einen vollbesetzten BVG-Bus gefallen wäre. Nein, wir sind unserer Verantwortung sowohl gegenüber den Fahrgästen als auch unseren Fahrern mit dieser Entscheidung gerecht geworden.“

Fahrgastverband fordert, den Nahverkehr besser auf extreme Wetterlagen einzustellen

Der Fahrgastverband fordert außerdem, den Nahverkehr besser auf extreme Wetterlagen, die sich angesichts des Klimawandels häufen dürften, einzustellen. Berlin müsse „resilient“, also widerstandsfähig gegen Störungen, werden. Das gelte auch für Brandenburg. Während in Berlin immerhin die BVG am späten Donnerstagabend wieder fuhr, seien dort viele Kommunen tagelang ohne öffentliche Verkehrsanbindung gewesen. Damit sich das nicht wiederhole, müssten die Länder die Eisenbahnunternehmen verpflichten, ein Minimum an Ersatzbussen und Fahrern vorzuhalten.

Eine Stellungnahme zu dieser Forderung war am Sonntag weder vom Berliner Senat noch vom Potsdamer Infrastrukturministerium zu erhalten. Möglicherweise wird sich das im Laufe des Montags ändern, wenn tatsächlich Tausende Berlin-Pendler im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleiben.

Am Sonntag hatte Eike U. noch Glück: 11.30 Uhr kam tatsächlich ein Bus und brachte ihn sicher nach Königs Wusterhausen. Wo die nächste S-Bahn allerdings schon wieder ausfiel. 

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.