Studie zu Inklusion in Brandenburg : Gemeinsam zum Burnout

Der Unterricht von Schülern mit und ohne Förderbedarf überfordert Brandenburgs Schulen. Zu diesem Befund kommt eine Studie im Auftrag der Grünen-Landtagsfraktion. Für guten Unterricht, der allen Kindern gerecht findet, fehlt geeignetes Personal.

Schreckgespenst Inklusion. Als 2009 in Brandenburg die Debatte über gemeinsames Lernen aufkam, hatten viele Eltern Ängste.
Schreckgespenst Inklusion. Als 2009 in Brandenburg die Debatte über gemeinsames Lernen aufkam, hatten viele Eltern Ängste.Foto: Jonas Güttler/dpa

Potsdam - Die Schulleiterin muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, was sich an ihrer Grundschule durch das gemeinsame Lernen von Kinder mit und ohne Handicap geändert hat, sagt sie: „Die Unzufriedenheit meiner alten Lehrerschaft.“ Es gebe viele Pädagogen, „die einfach sagen, die können das nicht mehr, sie schaffen das nicht mehr.“ Auf der anderen Seite sei da aber auch „die Freude, wenn man sieht, was man erreichen kann, wenn man Unterstützung hat und wenn alle Lehrer an Bord sind.“

Schulleiter und Eltern wurden befragt

30 Schulleiter von Grund-, Ober- und Gesamtschulen aus allen Landkreisen Brandenburgs hat Bildungsexperte Wilfried Steinert telefonisch interviewt. Er hat mit Koordinatoren für gemeinsames Lernen gesprochen, online 195 Elternvertreter befragt und Statistiken ausgewertet, um den aktuellen Stand bei einem Bildungsthema zu evaluieren, das Brandenburg einige Jahre viel beschäftigt hat, über das im Landtag und bei Bürgerforen gestritten wurde – und über das man seit einiger Zeit nicht mehr viel hört: Inklusion. Dass es so still geworden ist um den gemeinsamen Unterricht von Schülern unterschiedlichster Förderbedürfnisse liegt wohl weniger daran, dass inzwischen alles läuft. Ganz im Gegenteil: Der Inklusionsprozess ist in Brandenburg ins Stocken geraten, wie ein am Dienstag vorgestelltes Gutachten Steinerts im Auftrag der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen aufzeigt.

Inklusion ist akzeptiert, aber bei der Umsetzung gibt es Probleme

Der Wille, auch Kindern mit Behinderung oder Verhaltensauffälligkeiten einen Platz an der Regelschule zu bieten, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009 auch in Deutschland verlangt, ist bei Brandenburgs Lehrern da. Aber: Der Lehrermangel, das Fehlen von geeigneten Räumen und rechtlichen Vorgaben im Schulgesetz verleiden den Schulen die Arbeit – und führen auch zu Unzufriedenheit bei den Eltern. Und zwar nicht nur bei denjenigen, deren Kind eine Behinderung hat.

Steinert: "Es droht ein personeller Kollaps"

„Die Lehrkräfte an den Brandenburger Schulen stehen vor dem Burnout. Ein personeller Kollaps droht“, warnt Steinert. In 60 Prozent der Schulen fehlt Personal. 47 Prozent der Schulleitungen beklagen, dass zu wenig Sonderpädagogen an den Schulen sind. Ein Drittel bemängelt, dass es auch an unterstützendem pädagogischen Personal und Schulassistenzen mangle. „Fehlende Vertretungsreserven verschärfen das Personalproblem, weil im Krankheitsfall Förder- und Teilungsstunden als erstes wegfallen“, heißt es in der Studie. Klassengrößen würden oft nicht eingehalten. Die befragten Eltern schätzen die Personalsituation dabei noch dramatischer ein als die Rektoren. Der Personalmangel, der mit Seiteneinsteigern abgemildert werden soll, verhindere „eine gute Bildung für alle“, so Steinert. Auch Schüler ohne Förderbedarf und besonders Begabte litten unter der Situation.

Gewinner des Deutschen Schulpreises

Wilfried Steinert ist dabei nicht irgendwer. Er ist einer der profiliertesten Bildungsexperten in Brandenburg. Er war Leiter der Waldhofschule in Templin (Uckermark), die 2010 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde – unter anderem für ihren integrativen Ansatz. Er ist Mitglied im Sprecherrat des „Expertenkreises Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission und Sprecher des wissenschaftlichen Fachbeirats „Inklusive Bildung“ beim Brandenburger Bildungsministerium, dem er schon 2015 ins Aufgabenheft diktiert hat: „Die Mark war auf dem Weg, bei Inklusion eine Vorreiterrolle einzunehmen. Aber Brandenburg ist bei dem Thema steckengeblieben.“

Die Zahl der Förderschüler an Regelschulen steigt

Vier Jahre später hat sich zwar etwas getan, aber – so die Einschätzung von Lehrern, Eltern und Experten, immer noch zu wenig. So hat der Anteil behinderter Schüler, die keine Förderschule besuchen, kontinuierlich zugenommen. Im Schuljahr 2009/10 besuchten 36 Prozent den gemeinsamen Unterricht, 2015/16 waren es schon 47 Prozent und inzwischen lernt gut die Hälfte aller Kinder mit Förderbedarf an einer Grund- oder weiterführenden Schule. Nach Angaben des Bildungsministeriums sind von den insgesamt 915 Brandenburger Schulen 188 „Schulen für gemeinsames Lernen“.

Schwierigkeiten mit den Jugendämtern

Inklusion wird selbstverständlicher – zumindest an den Schulen. Denn in vielen Landkreisen werde der UN-Behindertenrechtskonvention noch nicht genügend Rechnung getragen, wie die Studie ergibt. Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern bewerten viele der befragten Schulleiter als schwierig, auch wenn 90 Prozent von ihnen das gemeinsame Lernen grundsätzlich positiv sehen.

Grüne fordern mehr Engagement des Landes

Die Hälfte der befragten Eltern beurteilen Inklusion an den Schulen ihrer Kinder mindestens mit ausreichend, fast 72 Prozent der Eltern sind der Meinung, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, das auch in Brandenburg verwirklicht werden muss. Es gehe also bei Inklusion nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“, erklärte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Marie Luise von Halem. Wichtig sei unter anderem, die Schulen nicht aus dem Blick zu verlieren, die sich nicht am Modellprojekt „gemeinsames Lernen“ beteiligen und folglich nicht mit mehr Personal ausgestattet werden. Gemeinsamer Unterricht finde nicht nur an den Modellschulen statt. Auch eine Ombudsstelle, die Eltern und Lehrer berät, müsse eingerichtet werden. Damit nicht genug: Das Thema Inklusion müsse ganz oben gebündelt werden, fordern die Grünen und Gutachter Steinert. Die Landesregierung solle eine Stabstelle „Inklusion“ beim Ministerpräsidenten einrichten und das Schulgesetz so umschreiben, dass Inklusion nicht mehr unter Finanzierungsvorbehalt stehe.

Ministerium ist mit dem Prozess zufrieden

Versäumnisse beim früheren Dauerbrennerthema Inklusion sah man im Bildungsministerium zuletzt nicht. Sie sei insgesamt sehr zufrieden mit der Entwicklung beim gemeinsamen Lernen, hatte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) vor vier Wochen in einem PNN-Interview erklärt. Sie trete bei dem Vorhaben nicht auf die Bremse, vielmehr sollten die Schulen über das Tempo entscheiden. „Inklusion kann man nicht von oben überstülpen. Das klappt nur, wenn auch Akzeptanz da ist. Gründlichkeit geht in dem Fall vor Schnelligkeit“, sagte Ernst.

Zu der nun vorgelegten Studie der Grünen wollte sich das Ministerium am Dienstag noch nicht äußern. Man wolle sich das Gutachten erst genauer anschauen, so Ministeriumssprecher Ralph Kotsch.