Brandenburg : Keine Zeit für die Ritterrüstungen

Im Prozess gegen den früheren IHK-Chef Victor Stimming berichtete eine Zeugin vom teuren Malta-Trip

Felix Hackenbruch
In der Defensive. Victor Stimming (r.) und sein Anwalt Robert Unger.
In der Defensive. Victor Stimming (r.) und sein Anwalt Robert Unger.Foto: B. Settnik/dpa

Potsdam - Frühstück im Fünf-Sterne-Hotel mit Blick aufs Meer, Vorstandssitzung, Kutschfahrt, Mittagessen, Bootsfahrt und abschließendes Abendessen: Was Sylvana K. am Donnerstag im Potsdamer Amtsgericht berichtet, klingt mehr nach Lust-, als nach Dienstreise. Ein Vorstandsmitglied habe sogar noch in eine Ausstellung von Malteser-Ritterrüstungen gehen wollen, doch die Zeit fehlte. „Offizielle Einrichtungen wurden nicht besucht“, sagt K. Damit bringt die ehemalige persönliche Referentin des früheren Hauptgeschäftsführers der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam den angeklagten Ex-IHK-Präsidenten Victor Stimming weiter in Bedrängnis.

Was geschah auf Malta im August vor fünf Jahren? Fest steht, dass der Vorstand der IHK Potsdam für rund 6000 Euro zwei Tage eine Vorstandssitzung in einem Edelhotel abhielt. Das ist nur einer von drei Anklagepunkten gegen Stimming. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue vor. Neben der Malta-Reise soll er seine IHK-Sekretärin für sein privates Bauunternehmen arbeiten haben lassen. Hinzu kommen möglicherweise zu Unrecht kassierte Gelder für Aufsichtsratsmandate. Laut Anklage beläuft sich der Schaden insgesamt auf mehr als 200 000 Euro.

Zum Prozessauftakt im Mai hatte Stimming die Vorwürfe bestritten. „Ich habe mich nicht einmal getraut, eine Bockwurst zu bestellen auf Kosten der Kammer“, sagte er damals. Zuletzt hatte ihn jedoch der inzwischen ebenfalls zurückgetretene Hauptgeschäftsführer René Kohl belastet. Er kenne keinen Deal seines inzwischen verstorbenen Vorgängers Peter Egenter mit Stimming. Das hatte der Angeklagte behauptet. Demnach habe die IHK-Kraft bei Urlaub und Krankheit seine Firmensekretärin vertreten und umgekehrt. Im Gegenzug habe er der IHK für die Bereitstellung von Büroraum, Telefon und Computer nichts in Rechnung gestellt. „So eine Kompensationsvereinbarung kenne ich nicht“, sagte Kohl, der von 2006 bis Anfang 2014 Hauptgeschäftsführer der IHK war.

Seine persönliche Referentin konnte am Donnerstag zu dieser Causa ein paar Details ergänzen. Ihr sei gar nicht bewusst gewesen, dass die Assistentin Mitarbeiterin der IHK war. „Einmal habe ich vergessen, sie zu einer Weihnachtsfeier einzuladen, da sie keine E-Mail-Adresse der IHK hatte“, sagte K. Vom Hörensagen habe sie erfahren, dass die Frau sogar den Rasen von Stimming gemäht habe.

Aus erster Hand waren dagegen ihre Erinnerungen an den Trip nach Malta. „Ich habe für die Reise alles vorbereitet“, sagte sie und weiter: „Ich war überrascht, dass es eine Präsidiumssitzung auf Malta gab.“ Andere Reisen des IHK-Vorstands nach London, Straßburg oder Brüssel hätten immer einen klaren Bezug zur Arbeit der Kammer gehabt – Malta jedoch nicht. Ihre Verwunderung habe sie dann auch dem Hauptgeschäftsführer Kohl vorgetragen. Der habe ihr zur Begründung für den Malta-Trip gesagt: „Weil es der Präsident so wünscht.“ Außer der Vorstandssitzung habe sie zu keinem Zeitpunkt ein offizielles Programm erarbeiten sollen, versicherte die Zeugin. Im Gegenteil: Kohl habe sie beauftragt, zwei Reiseführer zu kaufen, um etwaige Attraktionen ausfindig zu machen. „Die Markierungen sind noch in den Büchern“, sagte K.

Victor Stimming verfolgte die Schilderungen der früheren Referentin ungerührt. Wegen gesundheitlicher Probleme musste der Prozess immer wieder verschoben werden. Folgen der Belastung aus seiner Zeit als IHK-Präsident, hatte er mitgeteilt. Im Gerichtssaal sitzt immer eine Ärztin in seiner Nähe. Am Donnerstag ist er zwar braungebrannt, wirkt aber müde. Im Gegensatz zu seinem AnwaltRobert Unger, der zum Abschluss geschickt versucht, die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu diskreditieren. Immer wieder konfrontiert er sie mit widersprüchlichen Aussagen aus ihrer Vernehmung der Polizei vor vier Jahren und anderer Befragter.

Am Ende bleiben Zweifel. Abschließende Antworten sind nicht so bald zu erwarten. Insgesamt sind allein in diesem Jahr noch zehn weitere Prozesstage angesetzt. Felix Hackenbruch

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