Interview : „Wir brauchen mehr Zuwanderung“

Frank Büchner, Präsident der Wirtschaftsverbände Berlin-Brandenburg, über Fachkräftemangel, Klimawandel, die AfD und die Entwicklung ländlicher Räume.

Alfons Frese
Frank Büchner. 
Frank Büchner. Foto: Thilo Rückeis

Herr Büchner, ist „Kenia“ die richtige Wahl für die neue Regierung in Potsdam?
Die Farbe ist nicht allein entscheidend. Die neue Regierung muss stabil sein und sich um den wirtschaftlichen Fortschritt in den abgelegenen Regionen kümmern. Auch einhundert Kilometer von Potsdam entfernt wollen die Menschen Sicherheit und Wertschätzung und letztlich auch ein Heimatgefühl empfinden.

Bietet das die AfD?

Zur Person

Frank Büchner ist 1955 in Riesa geboren und seit Mitte 2017 Präsident der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB). Büchner hat in Leipzig Elektrotechnik studiert und promoviert. Als der Starkstromanlagenbau Leipzig/Halle nach 1989 von Siemens übernommen wurde, kam auch Büchner zum Münchener Konzern, in dem er bis heute Führungsaufgaben im Energiegeschäft wahrnimmt. Seit 2004 ist er dazu Geschäftsleiter „Wirtschaftsregion Deutschland Ost“ und Leiter der Siemens-Niederlassung Berlin. Die UVB vertreten Unternehmen mit rund einer Million Beschäftigten in der Region. Zum Dachverband UVB gehören knapp 60 Wirtschaftsverbände, die zum Teil auch Tarifverträge mit den regionalen Gewerkschaften

aushandeln.

Das Wahlergebnis drückt die große Diskrepanz zwischen Städten und ländlichen Regionen aus. Und eine große Unzufriedenheit. Aber ich kann überhaupt nicht verstehen, wie man sich Hilfe erhoffen kann von einer Partei, die sich von rechtsradikalen Flügeln tragen lässt.

Offenbar ist im Einigungsprozess einiges schiefgegangen.
Dafür gibt es auch Beispiele. Bei der Verteilung von Bundesbehörden und Forschungseinrichtungen nach 1990 ist der Osten nicht so bedacht worden wie der Westen. Trotzdem haben wir einiges erreicht, und wir holen weiter auf.

Wo?
An der BTU Cottbus-Senftenberg wird eine starke medizinische Fakultät aufgebaut, gerade auch für Hausärzte für den ländlichen Raum. Und im sächsischen Hoyerswerda wird an einem Tagebausee eine IT-Fakultät errichtet mit 3000 Studenten. Schließlich schafft Siemens am Turbinenwerk in Görlitz zusätzlich einen Forschungsschwerpunkt für Wasserstoff. Das sind einige Beispiele, die in die richtige Richtung weisen. Grundsätzlich ist natürlich Infrastruktur wichtig. Es müssen schnellere Bahnverbindungen vom ländlichen Raum in die Großstädte geschaffen werden, dann können wir auch in der Lausitz, in der Uckermark oder in der Prignitz Wirtschaft und Industrie entwickeln. Die Digitalisierung bietet neue Perspektiven.

Inwiefern?
Mithilfe der Digitalisierung wachsen Räume zusammen, weil über das Internet die ganze Welt einfacher zusammenfindet. Ein Ersatzteil für eine Maschine können sie in der Lausitz entwickeln und in Australien auf einem 3-D-Drucker entstehen lassen. Digitalisierung ermöglicht Chancen, die von Politik und Wirtschaft ergriffen werden müssen, etwa durch die Etablierung von Forschungszentren der Fraunhofer Gesellschaft, Max-Planck- oder anderen Instituten. Davon können wir in Ostdeutschland mehr vertragen.

Es gibt noch keine „Leuchttürme“ in den ostdeutschen Ländern?
Doch. Auf dem Lausitzring wird autonomes Fahren getestet. Wir haben das Projekt WindNODE zum Ausbau und zur Integration erneuerbarer Energien, in der Lausitz werden in einem Reallabor die Möglichkeiten von Wasserstoffanwendungen erforscht und die Leag baut den größten Batteriespeicher Europas.

Ist das der Stoff der Zukunft?
Ja. Allein in der Autoindustrie ermöglicht Wasserstoff technologisch offen zwei Dinge: einen elektrischen Antrieb mit Brennstoffzelle oder einen Verbrennungsmotor mit synthetischem Kraftstoff. Mit Wasserstoff ist noch viel mehr möglich, auch beim Thema Wärme. Rund die Hälfte des Bruttoenergieverbrauchs hierzulande geht auf Gas- und Ölheizungen zurück. Der CO2-Hebel wäre enorm, wenn man diese häuslichen Kraftwerke künftig mehr mit grünem Gas aus Wasserstoff betreiben würde.

Dafür brauchen wir viel mehr erneuerbare Energien.
Ja. Wir müssten aber auch nicht mehr abregeln, wenn es zu viel erneuerbare Energie für unsere Netze gibt, sondern man nutzt den Strom der Wind- und Solaranlagen dann eben für Wasserstoff. Im Moment ist das noch nicht wirtschaftlich und bedarf deshalb staatlicher Anschubfinanzierung. Perspektivisch ist hier aber sehr viel möglich, um CO2 zu reduzieren.

Die Betriebe in Brandenburg konnten in diesem Jahr 30 Prozent der Ausbildungsplätze nicht besetzen, 60 Prozent der Unternehmen suchen Fachkräfte. Wie bekommt man Arbeitskräfte ins Land?
Wir brauchen mehr qualifizierte Zuwanderung. 60 Prozent der neuen Arbeitsplätze werden in Brandenburg heute mit Arbeitskräften besetzt, die keinen deutschen Pass haben, in Berlin sind es 47 Prozent. Und was die Ausbildung betrifft: Wenn wir die Region Berlin-Brandenburg als Ganzes sehen, dann ist der Ausbildungsmarkt ausgeglichen. Es müssten allerdings noch mehr Berliner Jugendliche die Ausbildungsangebote im Umland wahrnehmen.

Das ist oft mit weiten Wegen und weniger Geld verbunden.
Als Siemens-Manager, der in vielen Bundesländern tätig ist, kann ich nur feststellen, dass es beim Gehalt keine großen Unterschiede mehr gibt. Bei der tariflichen Arbeitszeit ist das noch anders. Gerade die kleinen und mittelständischen Betriebe haben durch den Tarifvertrag Ost einen erheblichen Wettbewerbsvorteil, den man nicht plötzlich aufgeben kann. Ein Regulativ ist aber auch hier der Fachkräftemangel.

Wie tief wird die Rezession im kommenden Winterhalbjahr?
Das Wachstum schwächt sich ab, keine Frage. Die internationalen Handelskonflikte und die Brexit-Diskussion treffen andere Regionen zwar stärker als Berlin- Brandenburg. Wir spüren allerdings auch die Veränderungen in der Autoindustrie. Mit unseren Hochschulen und den Startups haben wir aber die Chance, relativ gut durch das Konjunkturtal zu kommen.


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