• Interview | Peter Noack: „20 Dosen pro Praxis: Das ist viel zu wenig“

Interview | Peter Noack : „20 Dosen pro Praxis: Das ist viel zu wenig“

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung über Impftermin-Probleme, Hausärzte an den Spritzen und den neuen Impfstab im Innenministerium, den er für falsch hält.  

Peter Noack, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB).
Peter Noack, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB).Foto: Patrick Pleul/dpa

Herr Noack, wo liegt aus Ihrer Sicht das große Problem bei der derzeitigen Impfkampagne?

Man muss es immer wieder sagen: Die Impfstoffmenge ist begrenzt. Deshalb gibt es eine Aufteilung zwischen Impfzentren und Arztpraxen. Wir haben immer noch zu wenig Impfstoff. 

In der letzten Woche mussten Astrazeneca-Termine abgesagt werden. Warum müssen die Menschen jetzt wieder selbst im Internet einen neuen Termin beantragen? Warum werden diese Menschen nicht mit einem Terminangebot kontaktiert?

Astrazeneca ist ja immer über das Internet gebucht worden. Die Ersatztermine aus dem Callcenter heraus neu zu vergeben, hätte zu lange gedauert. Im Internet geht das viel schneller. Diejenigen, von denen wir E-Mail-Adresse haben, sind direkt von uns angemailt worden, als die Online-Buchung wieder aufgenommen wurde.

Wäre das aber nicht eine Frage der Wertschätzung derer gewesen, die jetzt ihren Termin verloren haben?

Man muss entscheiden, wie man rationell arbeitet. Und das im Internet zu machen, war der rationellste Weg. Unser Callcenter hat andere Aufgaben – nämlich die Terminvergabe an die Über-80-Jährigen. Deswegen hat die Frage, wie die Menschen neue Termine bekommen, nichts mit Wertschätzung zu tun. 

Ab April sollen die Hausarztpraxen impfen können. Was bedeutet das praktisch für Brandenburg?

Der Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz hat ja jetzt Gültigkeit. 2,25 Millionen Impfdosen sollen deswegen für die Impfzentren zur Verfügung gestellt werden, eine Million für die Arztpraxen pro Wochen. Damit haben wir 20 Dosen pro Praxis. Das ist viel zu wenig. Die Ärzte können wir auch mit größeren Mengen problemlos ans Netz bringen – das zeigt unser Modellvorhaben. Und es wird noch besser gelingen, weil die Bürokratie für die Praxen noch einfacher wird.

Neues Impfzentrum in einem Zelt auf dem Gelände des Klinikums "Ernst von Bergmann" in Potsdam.
Neues Impfzentrum in einem Zelt auf dem Gelände des Klinikums "Ernst von Bergmann" in Potsdam.Foto: Andreas Klaer


Wie schnell könnten Brandenburgs Hausärzte mit dem Impfen in ihren Praxen beginnen?

Wir haben schon vor vier Wochen eine Umfrage gemacht. In kurzer Zeit haben wir eine Rückmeldung von 1100 Arztpraxen bekommen, die zum Impfen bereit sind. 600 wollten sofort im Modellprojekt angefangen. 500 Praxen würden nicht nur eigene, sondern auch noch externe Patienten impfen. Die Bereitschaft ist also riesengroß. Wir haben 2200 Arztpraxen in der Abrechnung, die ständig impfen. Sie könnten sehr schnell mehr Impfungen als die Impfzentren durchführen.

Können die Hausärzte trotzdem weiter in den Impfzentren aktiv sein?
Je mehr Impfstoff in den Arztpraxen ankommt, um so mehr werden die Ärzte in Praxen impfen und um so weniger werden sie in die Impfzentren gehen. Das ist aber nicht der limitierende Faktor. Ich glaube, dass die Bürger lieber zu den Ärzten vor Ort als in die Impfzentren gehen wollen. Viele Patienten warten heute schon darauf und beschaffen sich keinen Termin in den Impfzentren.

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Trotzdem die Frage: Haben Sie genug Personal, so lange Impfzentren im Land nötig sind?

Die Impfzentren werden bleiben, so lange es dafür Bedarf gibt. Wir sind jetzt in der Übergangsphase, die dahin führt, dass das Impfen in den Praxen das sein wird, was grundsätzlich gemacht wird. Und deswegen werden wir irgendwann entscheiden müssen, wie es weitergeht. Klar ist: Wenn bundesweit über drei Millionen Impfdosen pro Woche in die Arztpraxen gehen, wird da das Impfen richtig in die Breite gehen. Und dann wird der Bedarf an Ärzten in den Impfzentren auch runtergehen.

Die Hausärztin Birgitt Lucas verabreicht einem Patienten die erste Impfung gegen Covid-19.
Die Hausärztin Birgitt Lucas verabreicht einem Patienten die erste Impfung gegen Covid-19.Foto: Nicolas Armer/dpa

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat den Vertrag mit dem Land gekündigt. Planen Sie das auch?

Mit Stand jetzt planen wir das nicht. Wir müssen aber mit dem brandenburgischen Innenministerium darüber reden, wie wir den Übergang aus den Impfzentren in die Praxen gestalten. Wenn man sich über den Übergang einig wird, heißt dass, das irgendwann auch mal ein Vertrag gekündigt wird. Wir werden weiter mit dem Innenministerium und dem Gesundheitsministerium diskutieren, wie man einen geordneten Übergang des Impfens in die Praxen gestalten könnte – und auf keinen Fall gleich irgendwelche Verträge kündigen. Aber der Vertrag mit dem Bildungsministerium für die Tests von Lehrerinnen und Lehrer läuft ja nun auch aus, weil man mit den Tests in den Schulen einen besseren Weg gefunden hat.

Das brandenburgische Innenministerium soll ab diesem Montag die Impfkoordination im Land übernehmen. Was heißt das für die weitere Impfkampagne und wie bewerten Sie den Wechsel der Zuständigkeiten?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass wir mit dem Gesundheitsministerium eine wirklich sehr gute, enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit hatten. Das liegt daran, dass wir alle Fachwissen hatten. Eine Ärztin ist Gesundheitsministerin, im Vorstand der KV sind zwei Ärzte. Ich kann nicht bewerten, warum das nun im Innenministerium ist. Ich halte das grundsätzlich für falsch. Ich hoffe aber, dass wir als Kassenärztliche Vereinigung mit dem Ministerium nun einen genau so kompetenten Partner bekommen – und wir werden uns natürlich auch mit Minister Michael Stübgen (CDU) um eine gute Zusammenarbeit bemühen. Wir haben schließlich gemeinsame Ziele, die wir erreichen wollen.

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