Brandenburg : Glücksbringer in Not

Sie stehen für Fruchtbarkeit und Kindersegen. Doch ausgerechnet die Störche haben zu wenig Nachwuchs. Zudem sterben viele Jungtiere in den ersten Wochen. Schuld ist nicht nur der Klimawandel

Sandra Dassler
Klappern gehört zum Handwerk. Bei männlichen Störchen ist das Klappern Teil des Balzrituals. Es dienst aber auch der Kommunikation mit dem Partner. In Brandenburg jedoch ist es um den Nachwuchs der Glücksbringer schlecht bestellt. Nicht zuletzt, weil es Experten zufolge wegen der intensiven Landwirtschaft immer weniger Nahrung wie Mäuse und Frösche gibt.
Klappern gehört zum Handwerk. Bei männlichen Störchen ist das Klappern Teil des Balzrituals. Es dienst aber auch der Kommunikation...Fotos: Patrick Pleul, Julian Stratenschulte, Michael Kaatz/dpa

Rühstädt / Linum / Vetschau - Einer kam vor Jahren völlig blau aus dem Süden zurück, ein anderer tyrannisierte ein ganzes Dorf, indem er Fensterscheiben und Autodächer zerhackte, ein dritter wurde dieses Jahr schon im Januar gesichtet, wahrscheinlich hatte er gar nicht in Afrika, sondern in Spanien oder Südfrankreich überwintert. Die Brandenburger lieben ihre Störche, geben ihnen Namen wie Blauer Biegener, Rüpel Ronny oder Kurtchen Rotschnabel – und sorgen sich jedes Frühjahr, wenn sie zu lange ausbleiben. Was nicht ungewöhnlich ist, denn die meisten der märkischen Störche sind Ostzieher, das heißt, sie fliegen über Balkan und Bosporus bis Ost-, oft sogar bis Südafrika. Das ist eine lange und gefährlichere Strecke als die der sogenannten Westzieher, die über die Straße von Gibraltar nach Westafrika fliegen.

Aber jetzt trudeln endlich auch viele Ostzieher ein, erzählt Nadine Bauer. Sie leitet das Besucherzentrum im Europäischen Storchendorf Rühstädt. Das liegt zwischen Havelberg und Wittenberge und beherbergt jedes Jahr etwa drei Dutzend Storchenpaare und ihre Nachkommen. „An den vergangenen warmen Tagen sind unsere Störche fast im Stundentakt vom Himmel gekommen“, sagt Nadine Bauer: „Am Dienstag waren es schon 34 und damit war fast jeder Horst belegt - zumindest mit einem Storch. Nun hoffen wir auf die Partner.“ Noch bleiben einige Wochen zur Paarung, aber bis Anfang Mai müssen die Störche mit dem Brüten beginnen, sonst ist es zu spät.

„Ende April schauen vielleicht die ersten Köpfchen bei den Westziehern aus den Nestern“, sagt Nadine Bauer: „Bei den Ostziehern ein paar Wochen später. Und dann beginnt eigentlich erst der harte Kampf ums Überleben.“

Denn Brandenburgs Störche bekommen seit Jahren zu wenig Nachwuchs. 2017 hatten die rund 1200 Horstpaare im Land nur 1961 flügge Junge, wie der Storchenbetreuer Falk Schulz aus der Prignitz unlängst beklagte. Das entspreche durchschnittlich 1,54 Jungstörchen pro Horst und Paar. Um die Population zu erhalten, sei aber ein Durchschnittswert von mindestens 2,0 Jungtieren erforderlich, sagte Schulz – ein Wert, der zuletzt im Jahr 2011 erreicht wurde. Bedenklich sei auch, dass 2017 nur 852 Storchenpaare überhaupt Junge aufgezogen hätten, im Jahr zuvor waren es noch knapp 900 gewesen. Das lag auch daran, dass viele Störche erst Ende April bis Mitte Mai in Brandenburg ankamen – zu spät für die Brut. Denn davor muss das alte Nest ausgebessert oder gar ein neuer Horst gebaut werden. Die Männchen, die meist zuerst ankommen, bereiten das vor. Das Storchenweibchen legt meist zwei bis fünf Eier, die 32 bis 33 Tage lang von beiden Eltern bebrütet werden.

Im vergangenen Jahr gab es auch hohe Verluste an bereits geschlüpften Störchen. Grund seien neben dem schwindenden Nahrungsangebot der viele Regen und die Unwetter gewesen, sagt Nadine Bauer: „Wenn es mehrere Tage ununterbrochen regnet und das genau zu der Zeit, in der die Storchenkinder noch nicht flügge sind, aber auch nicht mehr unters Gefieder der Eltern passen, werden sie einfach nicht mehr trocken, sterben an Unterkühlung oder Krankheit. Selbst unser erfahrenstes Storchenpaar konnte da nichts machen, es hat letztes Jahr beide Jungen verloren. Insgesamt starben in Rühstädt 2017 sieben Jungstörche, in Linum erwischte es sogar alle neun Storchenkinder.“

Im Weißstorchzentrum Vetschau hat sich in den vergangenen zwei Jahren überhaupt kein Paar mehr niedergelassen. Winfried Böhmer ist im Vorstand der Bundesarbeitsgruppe Weißstorch und hat das Zentrum in Vetschau vor Jahren mit aufgebaut. Für ihn ist ganz klar, dass die Nachwuchsprobleme der Störche auch mit der Intensivierung der Landwirtschaft zusammenhängen. „Wo Glyphosat und andere Mittel nicht nur die Schädlinge, sondern alle Insekten töten, reißt die Nahrungskette“, sagt er. „Ohne Insekten keine Würmer, Frösche, Kröten, Mäuse, Schlangen, Maulwürfe – ergo: irgendwann auch keine Störche mehr.“ Hinzu kommt oft Trockenheit. Die ist Gift für Regenwürmer, die junge Störche gerade in den ersten Wochen dringend brauchen, erzählt Böhmer.

Gegen Regen, Unwetter oder große Trockenheit könne man unmittelbar wenig tun, sagt Nadine Bauer vom Storchennest Rühstädt. Wohl aber gegen die aus ihrer Sicht unsägliche Förderstruktur in der EU. „Anstatt kleinbäuerliche Strukturen zu unterstützen und damit die Artenvielfalt, sind die Prämien für die Landwirte so gestrickt, dass sie Monokulturen befördern. Deshalb sind Brachflächen, auf denen es keine Pestizide und deshalb Insekten und Amphibien gibt, ebenso selten geworden wie Tümpel, Wassergräben, Randstreifen oder Pfützen.“

Deshalb empfiehlt Nadine Bauer allen ihren Besuchern, Verwandten und Freunden, so etwas im eigenen Garten anzulegen: „Einen Teich vielleicht, oder ein Insektenhotel – damit ist schon viel geholfen“, sagt sie. Wenn die jungen Störche flügge sind, lauern die nächsten Gefahren. „Viele verenden in Starkstromleitungen, obwohl da schon einiges an Schutzeinrichtungen angebracht wurde“, sagt Winfried Böhmer. Erst letzte Woche hat er mit Vertretern der Bahn beraten: „Die haben großes Interesse an Prävention, denn jährlich werden etwa 3500 Kurzschlüsse in ihren Oberleitungen durch Vögel ausgelöst, auch durch Störche.“

Im August wartet dann die größte Herausforderung auf die Jungstörche: der Flug nach Afrika. Oder besser gesagt: nach Süden. Denn vor allem die Westzieher überwintern neuerdings oft in Spanien, weil es dort nicht nur Mülldeponien mit entsprechenden Kleinsäugern gibt, sondern auch viele Reisfelder, in denen Störche Nahrung finden.

Die Ostzieher haben weniger Chancen, diesseits von Afrika schon überwintern zu können, denn dort, wo sie entlangkommen, ist es im Winter nicht warm genug für sie. In diesem Frühjahr wurde ein ungewöhnlicher Kälteeinbruch in Bulgarien wohl vielen brandenburgischen Störchen auf dem Rückflug zum Verhängnis. Sie wurden von großer Kälte und Eisregen erwischt, froren regelrecht ein beziehungsweise konnten ihre Flügel nicht mehr bewegen.

Zum Glück lieben die Bulgaren Störche genauso wie die Brandenburger. Man schreibt ihnen dort nicht nur Kindersegen, sondern auch Eheglück zu. Kein Wunder, dass viele Menschen in bulgarischen Dörfern den großen Vögeln halfen. Sie wärmten sie mit Decken und Händen, nahmen sie mit in Ställe und manche sogar in ihre Wohnungen. Nach zwei, drei Tagen zogen die Störche weiter. Ohne die Helfer in Südosteuropa würden in diesen Tagen wohl noch weniger als in den Jahren zuvor in Rühstädt, Linum oder im Spreewald ankommen, sagt Winfried Böhmer. Und gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich auch in Vetschau wieder ein Paar Glücksbringer ansiedelt.