Brandenburg : Gerettete Leben

Mehr als 15 500 jüdische Mädchen und Jungen wurden allein auf die Kindertransporte geschickt. Am Donnerstag beginnt das Jahr des Gedenkens

Text: Annette Kögel Fotos: Agnieszka Budek
Zeitzeugin. Die Berlinerin Fanny Brie-Rosenthal, heute 91 Jahre alt, am Ort der Kindertransportskulptur Friedrichstraße.
Zeitzeugin. Die Berlinerin Fanny Brie-Rosenthal, heute 91 Jahre alt, am Ort der Kindertransportskulptur Friedrichstraße.

Die Kinder blicken sich aufgeregt um, sie weinen, Säuglinge schreien auf dem Arm eines fremden Menschen. Es sind so viele verschreckte und traurige Kinder, mit einem kleinen Köfferchen samt allem Hab und Gut neben sich. Die Züge dampfen, die Schiffe tuten tief. Dann geht es los. Allein. Ihre Eltern dürfen ihnen noch nicht mal zum Abschied winken. Die Erwachsenen ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie selbst in die Konzentrationslager deportiert werden. Mehr als 15 500 jüdische Säuglinge, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre haben dank Kindertransporten zwischen dem 30. November 1938 und dem 31. August 1939 überlebt. An die außerhalb Nazi-Deutschlands initiierten Rettungsaktionen möchte die Kindertransport-Organisation Deutschland jetzt zwei Jahre lang bis zum letzten Tag eines – missglückten – Transports aus Prag am 1. 9. 1939 erinnern. Die Wehrmacht brauchte die Züge, 250 Kinder mussten aussteigen, sie überlebten nicht. Am morgigen Donnerstag gibt es die Auftakt-Gedenkfeier mit Überlebenden und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel im Auswärtigen Amt.

Wie schwer muss den selbst todgeweihten Eltern der Abschied gefallen sein, als sie ihre Kinder für die Rettungsaktion bei den jüdischen Gemeinden anmelden, Visa für sie beantragen oder die Kinder in einem Waisenhaus abgeben. Für die Reise mussten die Eltern 50 Pfund Sterling zahlen. Die meisten der allein weggeschickten Kinder haben ihre Eltern und Verwandten nie wiedergesehen. Manche Mütter banden noch ihre Schürzen ab und gaben sie mit. Babys und Kleinkinder konnten kaum Erinnerungen an Mutter und Vater ins eigene Leben mitnehmen.

Wie das kleine Mädchen, das den Betrachter vom vergilbten Ausweispapier in der Klarsichtschutzfolie anschaut. Das Papier trägt die am 14. November gerade 91 Jahre alt gewordene Berlinerin Fanny Brie-Rosenthal aus Pankow wie einen Schatz bei sich, auch bei der jährlichen Gedenkveranstaltung am Mahnmal nahe dem Bahnhof Friedrichstraße „Züge in das Leben – Züge in den Tod“. Die kleine Fanny ist von Köln aus gefahren. Vertreter der tschechischen Botschaft und der Jüdischen Gemeinde erinnern bei der Feierstunde daran, dass viele Überlebende ihre Eltern nie kennengelernt haben. Fanny Brie-Rosenthal weint bitterlich, Polizisten stützen sie, Auszubildende der Landespolizeischule Berlin trösten sie. Ohne Frau Brie hätte es ihren Sohn, den Linken-Politiker André Brie, in Berlin und für Europa nicht gegeben. Mit der Skulptur des israelischen Zeitzeugen Frank Meisler – der auf der einen Seite zwei Kinder symbolisch ins Leben gehen lässt und fünf in die andere Richtung in den Tod schickt – wird auch in London, Hamburg, Danzig und Hoek van Holland erinnert.

Kindertransport – was für ein neutral klingender Begriff für eine die ganze Welt umspannende Hilfsaktion. Der erste Transport erfolgte am 30. November 1938 von Berlin aus, aber mit Kindern aus anderen deutschen Städten, die Mädchen und Jungen kamen etwa aus Hannover und Leipzig – sie reisten betreut Richtung Niederlande. Der erste Transport mit Berliner Kindern, meist aus jüdischen Waisenhäusern, verließ vom Anhalter Bahnhof aus am 1. Dezember 1938, also einen Tag später, die damalige Reichshauptstadt. Sie fuhren aber auch vom Schlesischen Bahnhof über Alexanderplatz, Friedrichstraße, Lehrter Bahnhof, Charlottenburg in die Fremde.

Organisiert wurden die Rettungsreisen zu Pflegeeltern, Hostels oder Heimen sowie später zu Internierungslagern mit Genehmigung der britischen Regierung, unter anderem von der jüdischen Gemeinden, der Anglikanischen Kirche und der Glaubensgemeinschaft der Quäker. Es fanden sich internationale Sponsoren selbst aus Afrika. Die Transporte starteten von Bahnhöfen aus ganz Deutschland, Polen, der Tschechoslowakei und Österreich. Mit Schiffen und Zügen ging es zunächst zumeist nach Großbritannien, aber auch in die Niederlande sowie nach Belgien, in die Schweiz – die später den Postkartenvertrieb zwischen Kindern und der Familie organisierte. Aber auch Irland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Palästina und die Vereinigten Staaten nahmen die Kinder auf.

Wie Horst Brasch, Vater der Berliner Radio-Moderatorin Marion Brasch: Er wurde 1939 durch einen Kindertransport nach London gerettet, wie Brasch in ihrem Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ beschrieb. Als sich die Versorgungslage nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien zuspitzte, wurden weiterführende Fluchtrouten organisiert. Die Wege der über 16-Jährigen aus Großbritannien führten ab Mai 1940 bis nach Kanada und Australien nach Hay und Tatura sowie über Südfrankreich und Toulouse, Izieu und weiter über die Pyrenäen nach Spanien. Die Flucht aus Schweden ging durch die Sowjetunion, die Türkei und Syrien (beige erteilten keine Visa) bis nach Palästina. Die zwei größten Lager in Kanada waren in Medicine Hat und Lethbridge, mit etwa je 12 500 Gefangenen. Aber auch in Québec lebten Internierte, vormals aus Großbritannien und Italien. Angesichts der Flüchtlingsrouten der Neuzeit verliefen diese lebensrettenden Wege der Balkanroute ähnlich, nur in umgekehrter Richtung.

Auch so erklärt sich, dass einige Kindertransportüberlebende und ihre Kinder heutzutage den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen etwa aus Syrien und Afghanistan helfen. Die Auffassungen gehen bei den Überlebenden auseinander: Einige sehen Parallelen, weil beispielsweise jetzt auch in Berlin beheimatete arabische Kinder etwa aus Aleppo oder Idlib aus akuter Todesgefahr weggeschickt wurden. Auch bei den jüdischen Eltern hätten damals einige auf späteren Nachzug und ein Wiedersehen gehofft.

Andere halten das zehntausendfache Anvertrauen von Mädchen und Jungen an Menschenhändler und Schlepper mit dem Ziel Nordeuropa, offenbar einkalkulierend, dass die Flucht lebensgefährlich oder traumatisierend sein kann und vielfach ohne Kenntnis, wie sie in Deutschland oder Schweden leben, für völlig unvergleichbar. Der Brite Lord Alfred Dubs, selbst Kindertransportkind, hat jüngst erreicht, dass 200 allein geschickte Flüchtlingskinder aus Calais im Vereinigten Königreich aufgenommen wurden. Eine neue Heimat bieten, auch bei Pflegeeltern, wollte er aber eigentlich Tausenden.

Zur Gedenkfeier am morgigen Donnerstag um 18 Uhr im Auswärtigen Amt kommt auch der Londoner John Beck mit Familie, aus der zweiten Generation, viele Helmuth-James-von-Moltke-Grundschüler sowie das Kammerorchester des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums. Einige Berliner Schüler haben von dem Schicksal einst Gleichaltriger beispielsweise bei Stolpersteinverlegungen erfahren, wie jüngst bei denen für Mutter und Tante von Geretteten wie George Shefi, an der Schöneberger Hauptstraße 5.

Bei der Feier im Auswärtigen Amt spricht der britische Botschafter Sir Sebastian Wood – wie auch Walter Kaufmann, Vater der Schauspielerin Deborah und der Fotografin Rebekka Kaufmann. „Meine Mutter hatte mich lange vorbereitet, und ich war froh, Deutschland endlich verlassen zu können“, erinnert sich der heute 93-Jährige. Am 13. Dezember 1938 erhält er sein britisches Visum, am 19. Januar 1939 erreicht der Junge mit einem der letzten jüdischen Kindertransporte aus Nazi-Deutschland das rettende London, an seinem 15. Geburtstag.

Am Bahnhof blieb er als Letzter zurück, allein. Er schläft im Obdachlosenasyl, wird erst am nächsten Morgen von seinem Vormund abgeholt. In seiner Internatsschule in Kent fühlt er sich sehr wohl, heute bereut er nur, „meinen Eltern damals zu selten zurückgeschrieben zu haben“. Im Mai 1940 internieren ihn die Briten als „feindlichen Ausländer“ in Liverpool. „Als jüngster von zweitausend Flüchtlingen eingepfercht“, entgeht auch der junge Walter wie all die anderen „durch Vorsehung“ auf dem Gefangenenschiff „Dunera“ einem deutschen U-Boot-Angriff. „Ich besaß nur eine Hose, ein Hemd, Sandalen und trug einen Schal, der meiner Mutter gehörte.“ Seine Mutter und sein Vater wurden kurz vor Kriegsende in Auschwitz ermordet.

In Australien lebte er anderthalb Jahre in den Wüstencamps Hay und Tatura zwischen Stacheldraht und Wachtürmen. Enge Männerfreundschaften halfen ihm über die Zeit hinweg. „Ich bin kein Opfer. Ich durfte ein reiches, erfülltes Leben haben. Opfer sind meine Eltern gewesen“, sagt der Schriftsteller Kaufmann heute, der als junger Mann unter anderem als Obstpflücker, Hafenarbeiter, Seemann und Fotograf arbeitete. 1955 kehrt Kaufmann nach Europa zurück, lebt dann als Schriftsteller in der DDR, lernt „die bedeutende Schriftstellerin und Jüdin Anna Seghers“ und andere Künstler kennen, die aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrten. Über den Freispruch der US-Menschenrechtlerin Angela Davis 1972 schreibt Kaufmann als Reporter, mehrmals reist er nach Israel und in die von Israel besetzten Gebiete Palästinas; sein Vorlass ist in der Berliner Staatsbibliothek, sodass sein Lebenswerk den nächsten Generationen erhalten bleibt.

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