Brandenburg : Frieren für die freien Schulen

Brandenburger Eltern eröffnen Protestcamp vor dem Landtag FDP erwägt Verfassungsklage gegen geplante Kürzungen im Bildungsbereich

Tobias Reichelt
Schon im Vorjahr hatten Eltern und Schüler am Brauhausberg in Potsdam ein Protestlager aufgeschlagen, um gegen die Kürzungen zu protestieren.
Schon im Vorjahr hatten Eltern und Schüler am Brauhausberg in Potsdam ein Protestlager aufgeschlagen, um gegen die Kürzungen zu...Foto: Bernd Settnik/lbn

Potsdam - Axel Kalhorn hat schon viel für seine Schule getan – doch diesmal ist sein Einsatz außergewöhnlich: Mit tiefen Augenringen im Gesicht und einer Kneifzange in der Hand läuft der Familienvater über die Wiese am Potsdamer Brauhausberg. „Das mit dem Strom wird heute nichts mehr, da werden wir nachher schön frieren“, ruft er gegen den Maschinenlärm eines Lastkrans an, der gerade einen Baucontainer herablässt. Der Container wird Kalhorns neues Zuhause für die nächsten 60 Tage – und Nächte. Um die freie Schule zu retten, die seine Kinder in Angermünde besuchen, würde Kalhorn fast alles machen.

Aus Protest gegen die geplante Kürzungen im Bildungsbereich haben Brandenburger Eltern und Schüler am gestrigen Montag in Sichtweite des Landtags ein „Bildungscamp“ aufgebaut. Die Aktion von der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Brandenburg richtet sich gegen das rot-rote Haushaltsgesetz für 2012, das Millionenkürzungen im Bildungsetat vorsieht und im Dezember verabschiedet werden soll. Mit dem Gesetz will die Regierung im nächsten Jahr 24 Millionen Euro einsparen, davon knapp fünf Millionen Euro bei freien Schulen. Die Gegner vor dem Landtag wollen in den kommenden Wochen in den Containern und einem Indianerzelt Unterrichtsstunden geben und über Bildungspolitik diskutieren. Eltern und Schüler sowie Landtagsabgeordnete sind eingeladen, die „Werkstatt der Möglichkeiten“ zu besuchen. Das Camp soll bis zur Verabschiedung des Haushaltsgesetzes Mitte Dezember aufgebaut bleiben und rund um die Uhr besetzt sein.

Mit Theater- Musikstücken und politischen Debatten soll die Regierung zum Umdenken bewegt werden, sagte Axel Kalhorn, einer der Initiatoren des Camps. „Wir müssen den Druck erhöhen.“ Gemeinsam mit Eltern aus Angermünde hatte Kalhorn vor elf Jahren in seinem Heimatort eine freie Schule gegründet. Die Eltern seien mit Bürgschaften in Höhe von rund 500 000 Euro in Vorleistung gegangen, haben Lehrer bezahlt, ein Schulgebäude gekauft und saniert. Würden die Kürzungen wie geplant umgesetzt, stünde die Initiative vor dem Aus. Knapp 40 000 Euro würden ab dem Jahr 2014 jährlich fehlen, rechnet Kalhorn vor. „Das macht wütend und setzt Energie frei.“ Bis Dezember will der Familienvater mit Eltern anderer Schulen vor dem Landtag campieren – bei Wind und Wetter.

Auch Ira Dieminger aus Potsdam will dort übernachten. Die geplanten Einschnitte seien eine „Riesenbedrohung“ für die solide Ausbildung ihrer Kinder an der freien Schule am Bisamkiez. Etwa 90 Schüler zählt die Potsdamer Schule – in jeder Klasse lernen 15 Kinder. Soll der Standard gehalten werden, müssten die Beiträge steigen. Das könnten sich nur wenige leisten, zumal Niedriglohn- oder Hartz-4-Empfänger zum Elternkreis zählten. „Viele haben Vorstellungen von Privatschulen und reichen Eltern“, sagt Dieminger, die Wirklichkeit sei eine andere.

Unterstützung kommt von der Opposition im Landtag: „Die Aktion zeigt, dass sich Verzweiflung breitmacht“, so Andreas Büttner, bildungspolitischer Sprecher der FDP. Vor allem freie Schulen auf dem Land seien von den Kürzungen bedroht. „Rot-rot macht kaputt, was in 20 Jahren aufgebaut wurde“, so Büttner. Sollte die Regierungskoalition dem Sparpaket zustimmen, halte er sich den Gang zum Verfassungsgericht offen.

SPD-Bildungsexperte Thomas Günther verwies indes auf Gespräche mit dem Koalitionspartner. Am Donnerstag wird im Bildungs- und Finanzausschuss über das Sparpaket beraten. Auch Günther will das Lager besuchen. Über Sinn und Zweck ließe sich streiten: „Ich glaube nicht, dass so ein Camp zur Untermauerung von Argumenten notwendig ist.“

Axel Kalhorn hat sich indes auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet. „Wir bleiben hier“, sagt der Familienvater. Er hat den dicksten Schlafsack dabei, den es zu kaufen gab. Am Samstag sollen die Arbeiten am Camp abgeschlossen sein, Wasser und Strom fließen. Ab Montag soll das 24-Stunden-Programm starten. Schulen aus ganz Brandenburg sind eingeladen, sich zu beteiligen.

www.vorsicht-frei-gestrichen.de

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