• Frauenpolitischer Rat in Brandenburg: Anecken, bis es rundläuft

Frauenpolitischer Rat in Brandenburg : Anecken, bis es rundläuft

Brandenburgs Frauenpolitischer Rat feiert am Freitag im Landtag sein 25-jähriges Bestehen.

Potsdam - Sind Brandenburgs Frauen kämpferischer als in anderen Bundesländern? Möglicherweise, immerhin ist es das einzige Bundesland, in dem es einen Landesfrauenbund gibt, der nicht Landesfrauenbund heißt, sondern „Frauenpolitischer Rat Brandenburg“ (FPR). „Das Politische zu betonen war den Gründerinnen im März 1992 besonders wichtig“, sagt Verena Letsch, Sprecherin des FPR, der seinen Sitz in Potsdam hat. Am heutigen Freitag ab 16 Uhr feiert der FPR sein 25. Jubiläum mit einer Festveranstaltung im Potsdamer Landtag unter dem Motto „Anecken, bis es rund läuft“: Neben einer Diskussionsrunde über vergangene und künftige Projekte des FPR wird es auch einen Impulsvortrag der Chefredakteurin des popfeministischen Missy Magazines, Stefanie Lohaus, sowie einen Auftritt der Musikerin Bernadette la Hengst geben. Zudem werden viele Gründungsmitglieder des FPR zu Wort kommen.

Derzeit stellt der FPR die wichtigste landesweite Interessenvertretung für frauenpolitische Anliegen und Gleichberechtigung dar, 22 Vereine und Organisationen mit rund 150 000 darin organisierten Frauen sind Teil des Dachverbandes: Dazu zählen unter anderem der Deutsche Juristinnenbund, der Arbeitslosenverband Deutschland, der Katholische Deutsche Frauenbund oder der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter. Derzeit wird der FPR vom Frauenministerium Brandenburg mit jährlich 110 400 Euro gefördert.

Der FPR war eine der vielen neuen Organisationen, die im Zuge der Nachwendezeit aus den runden Tischen nach dem Mauerfall entstanden waren und von Aufbruchsstimmung und Tatendrang angetrieben wurden: „Es waren sehr mutige Frauen, die viel wollten“, sagt Letsch.

„Einer der Hauptmotoren damals waren die Kita-Kürzungen.“ Im Zuge massiver Sparmaßnahmen mussten damals etliche Kitas schließen, viele Frauen, die zu DDR-Zeiten dank der flächendeckenden Kitabetreuung arbeiten konnten, mussten plötzlich ihre Jobs aufgeben. Am 23. Oktober 1996 organisierte der FPR zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen einen großen Lampion-Umzug vor dem Potsdamer Landtag gegen die Kürzungen, der Auftakt zu vielen weiteren Kita-Streiks und Protestaktionen in Brandenburg.

Weitere Schwerpunkte in den 1990er- Jahren waren die Einrichtung und Förderung von Frauenhäusern, die Schutz vor häuslicher Gewalt boten, sowie die Forderung nach einem liberaleren Abtreibungsrecht: So beteiligte sich der FPR im Mai 1993 in Potsdam an einer Großdemonstration gegen die Verschärfung des Paragrafen 218, mit der Schwangerschaftsabbrüche für rechtswidrig erklärt wurden.

Eines der wichtigsten und bis heute bestehenden Projekte des FPR ist die Brandenburgische Frauenwoche. Die Veranstaltungsreihe mit etlichen Diskussionsrunden und Aktionen hatte 1991 erstmals stattgefunden und war zusammen mit dem FPR entstanden, der sich ein Jahr später offiziell in Potsdam gründete. 2017 umfasste die Frauenwoche über 250 Veranstaltungen. Sie ist damit ein Alleinstellungsmerkmal von Brandenburg: In keinem anderen Bundesland gibt es eine ähnliche Veranstaltungsreihe.

Ein weiteres FPR-Projekt sind die „Frauen-Orte“: Seit 2010 wurden bislang 45 Info-Tafeln aufgestellt, die an bedeutende aber oftmals von der Geschichte vergessene Frauen erinnern, die in den letzten Jahrhunderten in Brandenburg gewirkt haben. Allein in Potsdam stehen sechs solcher Tafeln, etwa für die Stifterin Clara Hoffbauer, die Seidenkultivateurin Anne Marie Baral oder die Babelsbergerin Emilie Winkelmann, die erste selbstständige Architektin Deutschlands.

Immer wieder mischte sich der FPR erfolgreich in politische Debatten ein, etwa beim Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramm oder beim Gleichstellungsgesetz, das die Kompetenzen der Gleichstellungsbeauftragten regelt. „Die brandenburgische Frauenbewegung hat auch Anteil an der Erlassung des bundesweiten Opferschutzgesetzes gegen häusliche Gewalt“, sagt FPR-Sprecherin Heidrun Szczepanski. Zudem hisst der FPR seit zehn Jahren regelmäßig am 25. November zusammen mit der Organisation Terre des Femmes Fahnen an verschiedenen Orten, unter anderem am Landtag Potsdam, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren.

Seit einem halben Jahr hat der FPR auch seine Aktivitäten im Internet verstärkt: Auf dem Blog der FPR-Webseite sind etliche Autorinnen von FPR-Mitgliedern aktiv, die sich zu aktuellen Themen äußern, etwa zur Bundestagswahl. Unter der Kategorie „Frauen Stimmen Gewinnen“ testet die Potsdamer Bloggerin Laura Kapp derzeit die Wahlprogramme der verschiedenen Parteien auf ihren Frauenpolitischen Gehalt.

Zeit, um sich auf vergangenen Erfolgen auszuruhen, gibt es nicht, denn viele Probleme, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die schon vor 25 Jahren diskutiert wurden, sind noch lange nicht gelöst: „Die alten Themen sind die neuen Themen“, sagt Szczepanski. Erik Wenk

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.