Brandenburg : „Ein böser Traum – aber wir wachen nicht auf“

Giuseppe Marcone starb, als er am Kaiserdamm vor jungen Schlägern flüchtete. Am Freitag wurde der 23-Jährige beerdigt. Von Hass redet die Familie aber nicht.

Sandra Dassler
Schelmisch, offen, hilfsbereit: So kannten und liebten viele Giuseppe Marcone.
Schelmisch, offen, hilfsbereit: So kannten und liebten viele Giuseppe Marcone.Foto: dapd

Hubschrauber hat er als kleiner Junge am liebsten gemalt. Deshalb hätte es ihn bestimmt nicht gestört, dass an diesem Freitagmorgen einer über den Waldfriedhof Dahlem flog – genau in jenem Augenblick, als sechs Träger seinen Sarg aus der Kapelle trugen. Die reichte nicht für alle Trauernden: Hunderte waren gekommen, um sich von Giuseppe Marcone zu verabschieden, der vor drei Wochen auf der Flucht vor Angreifern am Berliner U-Bahnhof Kaiserdamm tödlich verunglückt war.

Es fiel kein Wort über die Verfolger, kein Wort des Hasses auf dieser stillen Trauerfeier. „Das hätte Giuseppe nicht gewollt“, sagen Eltern, Brüder, Freunde. Und so war „Wir lieben dich“ der häufigste letzte Gruß für den 23-Jährigen, der viele Freunde hatte. Einige Männer trugen die Kippa und Rabbiner Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, sprach zu den Trauernden. Die Familie hatte darum gebeten, weil Giuseppe zwar kein Jude, der jüdischen Gemeinde aber eng verbunden war.

Jetzt, wo er nicht mehr da ist, vermischen sich seine verschiedenen Freundeskreise noch mehr als vorher. Oft treffen sich die jungen Leute im Garten der Eltern, nehmen einander in die Arme, halten sich lange fest. Länger jedenfalls als vor diesem 17. September, als die Welt noch in Ordnung, das Leben noch unendlich und Giuseppe noch bei ihnen war.

Klar wussten sie, dass es in dieser Stadt jeden treffen kann. Vor allem nachts in der U-Bahn, wenn die Dschungelgesetze gelten, aber manchmal nicht mal mehr die. „Früher hat man auch mal eins aufs Auge bekommen“, sagt Sefty S., „aber da wurde nicht nachgetreten, wenn einer am Boden lag. Und wenn einer weglief, war Schluss. Heute wird auf Wehrlose weiter eingeschlagen oder getreten. Man will plattmachen, man will töten.“

Sefty S. ist der Onkel von Giuseppe Marcone, der getötet wurde, weil er weglief. Der weglief, als er gegen 4.45 Uhr mit seinem Freund Raul S. auf die drei Männer im U-Bahnhof Kaiserdamm stieß. Zwei von ihnen, davon geht die Staatsanwaltschaft aus, fragten aggressiv nach Zigaretten und schlugen auf Giuseppe und Raul ein. Die flüchteten in verschiedene Richtungen. Dabei lief Giuseppe vor ein Auto, das nicht mehr bremsen konnte. Raul S. kehrte um, leistete dem Freund Erste Hilfe, sah ihn sterben.

Ein paar Stunden später stand Raul S. vor dem Haus der Familie in Westend und versuchte, Giuseppes Mutter die Nachricht zu überbringen. „Ich wusste, dass sich die beiden verabredet hatten“, erzählt Vaja Marcone, „und sagte noch, dass Giuseppe bestimmt gleich kommt.“ Raul erzählte leise von den Männern am U-Bahnhof, von der Flucht, dem Unfall und dass es Giuseppe nicht geschafft habe. Die Mutter begriff es nicht: „Was hat er nicht geschafft? Wieder aufzustehen?“, fragte sie. „Er ist leider gestorben“, sagte Raul.

Dann sei es dunkel um sie geworden, sagt Vaja Marcone. Sie wollte keine Details wissen und hat seither wie alle in der Familie irgendwie funktioniert. Der Vater redet wenig. Die Großmutter weint oft. Sie hat erst kürzlich ihren Mann und ihre Mutter verloren – das war auch schlimm, aber die hatten ihr Leben gelebt. Aber Giuseppe? „Er war ein wunderbarer Junge“, sagt die Großmutter: „Fröhlich, freundlich, hilfsbereit – es ist so entsetzlich.“ Die Mutter liest die Briefe von vielen Menschen, die ihren Sohn kannten. Oft liegen Fotos dabei. „Bei jedem Foto weiß ich, dass Giuseppe in diesem Augenblick glücklich war“, sagt sie: „Das tröstet mich. Er sieht auf allen Bildern glücklich aus.“

Bis zum 17. September schien die Familie Marcone, die einem Bilderbuch über gelungene Integration entstammen könnte, das Glück gepachtet zu haben. Das Glück der Tüchtigen: Vater Antonio aus Neapel lebt seit 1976 in Berlin, betreibt ein Restaurant. Mutter Vaja ist als Tochter eines Griechen und einer Bulgarin in Sofia geboren und als Achtjährige hierher gekommen. Sie hat ihren Söhnen Velin, Giuseppe und Savier vor allem vermittelt, wie wichtig Bildung ist.

Giuseppe, der Zweitälteste, war am Tag vor seinem Tod mit der Ausbildung zum Koch fertig geworden. Am 4. Oktober wollte er bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr anfangen. „Er hatte vor, beim Bund Politik zu studieren und später im Außenministerium zu arbeiten“, sagt seine Mutter Vaja. Die schlanke dunkelhaarige Frau wirkt sehr gefasst – auch, weil sie das Gefühl hat, die ganze Welt trösten zu müssen. Vor allem Giuseppes Freunde, die ihre Unbeschwertheit verloren haben. Und ihre anderen Söhne. Velin, fünf Jahre älter als Giuseppe, durchleidet das klassische Trauma, wie er es selbstironisch nennt: „Ich habe meinen kleinen Bruder nicht beschützen können.“ Sein Trost sei der andere kleine Bruder Savier. Savier erzählt, wie er mit Giuseppe fünf Tage vor dessen Tod beim ausverkauften Mac-Miller-Konzert in Kreuzberg war. Giuseppe hatte nur eine Karte. „Wenn ich keine mehr bekomme, kriegst du meine“, versprach er Savier: „Aber ich bekomme garantiert noch welche.“ So war es dann auch, sagt Savier.

Die Brüder und die Freunde versuchen, in diesen Tagen nicht allein zu sein. Fast ununterbrochen reden sie über Giuseppe, als könnten sie ihn damit bei sich behalten. „Er hatte so eine leichte Art, das Leben zu nehmen“, sagt ein Freund: „Auf der einen Seite verfiel er nie in Stress, nahm die Dinge gelassen. Auf der anderen Seite war völlig klar, dass es im Leben nicht nur um das eigene Ego gehen kann, sondern um etwas Größeres. Also dass man sich auch um andere kümmern muss.“

In Briefen schildern viele ihre Erlebnisse mit Giuseppe: Einer Freundin hat er beim Silvesterlauf geholfen, die letzten Meter zu überstehen. Einem Jungen, dem es an seinem Geburtstag gerade nicht gut ging, hat er spontan eine Party organisiert. „Wenn ich ihn getadelt habe, weil er mal zu spät zur Arbeit kam, meinte er immer, er brauche doch die Zeit, um seine sozialen Kontakte zu den Freunden zu pflegen“, sagt sein Vater.

Die Erzählungen der Freunde und Verwandten von Giuseppe Marcone stammen aus einer Welt, in der es Freundschaft gibt, Würde und Mitgefühl. Eine Welt, die so gar nichts mit U-Bahn-Schlägereien zu tun hat oder den Tatverdächtigen, die offenbar aus einer ganz anderen Welt kommen. Die beiden, die Giuseppe und Raul angegriffen haben sollen, leben in Neukölln. Und sind der Polizei bereits bekannt – wegen Raubes, Diebstahls und Körperverletzung.

Vaja Marcone empfindet ihnen gegenüber keinen Hass: „Da würde ich sie ja in mein Leben lassen, ihnen Macht einräumen“, sagt sie. Ob es zur Anklage kommt, steht noch nicht fest. Ihr Anwalt hat die Familie vorgewarnt: Die Gegenseite wird alle Register ziehen, um nachzuweisen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zusammentreffen ihrer Mandanten mit Giuseppe und dem Unfalltod gibt.

Für seine Mutter steht das allerdings außer Frage: „Giuseppe trainierte seit 2007 Krav Maga“, sagt sie. Das sei ein einfaches und wirkungsvolles Selbstverteidigungssystem, das entwickelt wurde, um gewalttätige Situationen unter psychischem Druck zu meistern: „Wenn sich Giuseppe also zur Flucht entschieden hat, dann nur, weil die Situation für ihn und Raul sehr, sehr bedrohlich gewesen sein muss. Giuseppe muss um sein Leben gerannt sein, was er dann doch verlor.“

Vaja Marcone macht sich auch selbst Vorwürfe: „Wir Eltern haben vor der alltäglichen Gewalt auf Straßen, Bahn- oder Schulhöfen doch längst kapituliert“, sagt sie: „Wir schicken unsere Kinder lieber rasch auf eine andere Schule, anstatt offensiv gegen die Gewalt anzugehen.“

Giuseppe habe das getan, erzählt sie. Schon in der Grundschule half er einem Jungen, der gemobbt wurde. Die Rolle des Beschützers gefiel ihm. Aber er habe auch Brücken zu anderen Menschen gebaut. Weil Familie und Freunde diese Brücken nach seinem Tod nicht einstürzen lassen wollen, hat Giuseppes großer Bruder Velin an einer Webseite (www.giuseppemarcone.de) gebastelt. Sie ist für Menschen mit ähnlichen Schicksalen gedacht: zum Dialog, zur Kommunikation – ganz im Sinne seines verstorbenen Bruders. Bestenfalls wird eine Giuseppe-Marcone-Stiftung daraus, gegen die alltägliche Gewalt, die jeden treffen kann.

„Vielleicht fühlen sich auch andere Eltern angesprochen, etwas für die Sicherheit ihrer Kinder zu tun“, sagt Vaja Marcone, die auch bei der Beerdigung kaum weinen konnte. Das liege daran, dass das Bewusstsein sich weigere, den Tod von Giuseppe zur Kenntnis zu nehmen, sagt sein Bruder Velin: „Wir denken immer noch, das sei nur ein böser Traum. Leider wachen wir aber nicht auf.“

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