Brandenburg : Der Queraussteiger

Noch ist er Mathelehrer, bald vermutlich Neuköllns Bezirksbürgermeister: Martin Hikel wird wohl Franziska Giffeys Nachfolger

Fatina Keilani
Foto: Jörg Reichardt

Berlin - Halb Problembezirk, halb Hipsterkiez: Das ist Berlin Neukölln. Bundesweit bekannt geworden durch Langzeitbürgermeister und Klartext-Redner Heinz Buschkowsky. Berüchtigt durch Kriminalität, Bildungsferne, Integrationsprobleme, weniger bekannt für seine lieblicheren Ecken. 330 000 Einwohner auf 44 Quadratkilometern Fläche. Der Stadtteil soll nach der Berufung Franziska Giffeys (SPD) zur Bundesfamilienministerin von einem 31-jährigen Mathelehrer regiert werden. Er heißt Martin Hikel und ist derzeit SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bezirksverordnetenversammlung.

Martin wer? Die meisten werden ihn nicht kennen, den wahrscheinlich nächsten Bürgermeister von Neukölln, den wahrscheinlich auch höchsten, denn der Mann misst 2,08 Meter. Hikel ist Mathelehrer in Zehlendorf, engagiert bei den Jusos und in der Neuköllner SPD, und er tritt wahrlich kein leichtes Erbe an. Am Donnerstag soll er offiziell nominiert werden, am Mittwoch nächster Woche könnte er dann bereits gewählt sein.

Sein Erbe ist nicht nur schwer, weil Neukölln viele Probleme hat, sondern weil Bürgermeisterin Franziska Giffey sehr schnell einen eigenen Stil entwickelt hat und damit ungeheuer beliebt geworden ist. Die 39-Jährige hat ein einnehmendes Wesen und jede Menge Charme, gepaart mit enormer Durchsetzungskraft. Sie kennt sich mit Verwaltung und Europa bestens aus, und sie hinterlässt einen vergleichsweise gut laufenden Bezirk, von dem noch nicht zu lesen war, dass irgendein Amt tagelang schließen musste, um Rückstände abzuarbeiten.

Wie wird Hikel klarkommen? Er erbt ein Riesenportfolio mit, unter anderem Finanzen, Wirtschaft, Personal, Ordnung, Bauen, und hat keine Verwaltungserfahrung. Das werten viele als Manko. Er selbst ist erstmal vorsichtig. „Noch bin ich nur ein Kandidat“, sagt er, und dass er sich noch nicht so prominent äußern wolle. Ein paar Statements könne er aber schon abgeben.

Grundsätzlich verfolge er die Linie von Franziska Giffey weiter, sagt Hikel. Deshalb sei Franziska Giffey und die SPD ja von den Bürgern gewählt worden. „Ihre Linie ist es, auf Menschen zuzugehen und das Recht durchzusetzen, um die Schwächeren zu schützen“, sagt er. „Das ist auch meine Linie.“ Allerdings scheint sich genau in dieser Begründung bereits ein etwas anderes Weltbild anzudeuten. Giffey machte nicht den Eindruck, sie setze das Recht durch, „um die Schwächeren zu schützen“, sondern weil sie sich als Spitze einer Exekutiven ansah und das Exekutieren, also Umsetzen von Recht und Gesetz, als ihre Aufgabe. Manche im Bezirk verbinden mit Hikel einen Linksruck.

Hikel befürwortet ebenfalls die unter Giffey gestarteten gemeinsamen Schwerpunkteinsätze von Ordnungsamt, Polizei, Zoll, Staatsanwalt vor Ort, ebenso die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität und des Drogenhandels, denn: „Es ist falsch, sich an anderen zu bereichern oder sie in Abhängigkeit zu bringen.“ Er legt zudem Wert darauf, die Durchsetzung von Recht und Gesetz „nicht nur auf einer Seite zu sehen“, sprich: Auch gegen den Terror von Rechts müsse vorgegangen werden.

Die CDU beäugt den Neuen durchaus interessiert. Gelingt es ihm, Kurs zu halten, oder kommt die große Chance der CDU, doch noch den Bürgermeister zu stellen? Vizebürgermeister Falko Liecke (CDU) hat sich jedenfalls schon öfter als Law-and-Order-Mann profiliert, und es ist kein Geheimnis, dass er den Job als Bezirksbürgermeister gerne übernähme. „Herr Hikel wird viel Kraft aufwenden müssen, um in die Themen reinzukommen“, sagt Liecke. Fatina Keilani