Brandenburg : Klare Kante gegen die AfD

Der scheidende Gedenkstättendirektor Günter Morsch warnt vor einer Verharmlosung der Alternative für Deutschland und fordert mehr Geld für Bildungsarbeit.

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Potsdam - Er zeigte immer Haltung, positionierte sich deutlich im Umgang mit rechten Tendenzen. So ist es auch kurz vor Ende seiner Amtszeit: Die Antwort auf die AfD könne für ihn nur ein „konsequentes, scharfes Dagegen“ sein, sagte Günter Morsch, scheidender Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, am Mittwoch in Potsdam. Auch auf die Gefahr hin, dass sich die Partei dann als Opfer stilisiere. „Man muss sie tatsächlich ernst nehmen“, so Morsch. Die Vorstellung, dass sich die AfD von selbst erledige, habe sich nicht erfüllt. Nun säßen Vertreter im Bundestag, die in ihrer Jugend Neonazis waren. Diese Partei habe „eine neues Potenzial. Und dieses Potenzial ist gefährlich“, warnte der 65-jährige Historiker, der auch Professor an der Freien Universität Berlin ist.

Morsch zog am Mittwoch gemeinsam mit Kulturministerin Martina Münch (SPD) ein letztes Mal Bilanz zur NS-Erinnerungskultur in Brandenburg. Ende Mai geht er in Ruhestand. Am heutigen Donnerstag wird er mit einem Festakt in der Staatskanzlei verabschiedet. Seinem Nachfolger Axel Drecoll, Leiter des Lern- und Erinnerungsortes „Dokumentation Obersalzberg“, hinterlässt Morsch ein in 25 Jahren auch gegen Widerstände aufgebautes Gedenkstättenkonzept, das beispielhaft war für andere Bundesländer, gerade im Westen. Morsch habe entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Gedenkstätten in dem nach der Deutschen Einheit eingeleiteten Prozess der Sanierung und Neukonzeption „zu modernen, zeithistorischen Museen entwickelt haben und zugleich Orte der Trauer und des Gedenkens geblieben sind“, so Ministerin Münch. Morsch gehöre zu den „wichtigsten Aufbauhelfern des Landes“.

25 Jahre nach Gründung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten besuchen inzwischen rund 850 000 Menschen im Jahr die Gedenkorte in der Mark, davon gehen allein 700 000 in die wichtigste KZ-Gedenkstätte nach Sachsenhausen (Oberhavel). Laut Münch fördert das Land die Arbeit der Stiftung in diesem Jahr mit rund 3,5 Millionen Euro, weitere rund 2,9 Millionen Euro kommen vom Bund. Seit 1993 haben Bund und Land insgesamt rund 140 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Zahlen, mit denen sich Morsch nicht zufriedengeben will, denn das Essentielle der Gedenkstätten, die Bildungsarbeit, könne damit nicht abgedeckt werden. In Sachsenhausen könnten nicht einmal zehn Prozent der Besuchergruppen pädagogisch betreut werden. Derzeit gebe es dort fünf Gedenkstättenpädagogen, nötig wären aber doppelt so viele.

Morsch hat dabei auch aktuelle Entwicklungen im Blick. In Deutschland drohe eine Art „Erinnerungsstolz“, der Glaube, dass für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und des Holocausts genug getan worden sei und nun ein „positiver Schlussstrich“ gezogen werden könne. Das dürfe nicht sein, sagte der Historiker. Was in einem modernen Land wie Deutschland passiert sei, sei „das Armageddon der anthropologischen Spezies Mensch“. Daran müsse weiter erinnert werden. Fälle wie der Eklat um die Echo-Preise der Rapper Kollegah und Farid Bang seien bezeichnend. In einem ihrer Songtexte findet sich die Passage „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Dass sie wegen hoher Verkaufszahlen trotzdem für den Preis nominiert worden seien, dürfe nicht sein. Die Leute hätten dann zwar protestiert, dass die Nominierung überhaupt möglich gewesen sei, gebe aber sehr zu denken.

Ministerin Münch bereitet der neue Antisemitismus Sorgen, der sich jüngst in Vorfällen in Berlin gezeigt habe (siehe Seite 2). Es müssten Konzepte gefunden werden, um etwa Zuwanderern aus dem arabischen Raum, die gegen Israel eingestellt seien, Wissen über den Holocaust zu vermitteln. Die im Januar von der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) aufgestellte Forderung nach Pflichtbesuchen in KZ-Gedenkstätten lehnen aber sowohl Münch als auch Morsch ab. In Brandenburg wird der Besuch einer Gedenkstätte im Schulgesetz empfohlen. Deswegen sei die Zahl der Schüler aus der Mark, die sich in Sachsenhausen informieren, unverändert hoch – während die Zahl der Berliner Schülergruppen zurückgegangen sei, so Morsch. Das liege an Strukturproblemen innerhalb der Berliner Bildungsverwaltung und sei mit einer Besuchspflicht nicht zu lösen.