Ausstellung im Brandenburger Landtag : Den NSU-Opfern ein Gesicht geben

Im Brandenburger Landtag erinnert seit Dienstag eine Ausstellung an die Mordopfer des NSU. Bei einer Podiumsdiskussion nach Ausstellungseröffnung ging es dabei auch um die Frage: Wie viel hat der Brandenburger NSU-Untersuchungsausschuss bislang gebracht?

Schmerzhafte Erinnerungen. Die NSU-Wanderausstellung war schon an vielen anderen Orten in Deutschland zu sehen. Nun wird sie bis Ende Dezember im Potsdamer Landtag gezeigt. Angehörige schildern auf Plakaten, was für Menschen die Ermordeten waren. 
Schmerzhafte Erinnerungen. Die NSU-Wanderausstellung war schon an vielen anderen Orten in Deutschland zu sehen. Nun wird sie bis...Marion Kaufmann

Potsdam - Als er jung war, schrieb er Liebesgedichte. Verse an Adile, seine große Liebe, die er 1978 heiratete. Enver Simsek muss ein romantischer Mann gewesen sein. Die Gegend rund um das türkische Dorf Salur, in dem er aufwuchs, sei reich an bunten Blumen, erklärt das Plakat im Flur des Potsdamer Landtags. Später, in Deutschland, erfüllte sich Enver Simsek seinen Lebenstraum: Er machte sich als Blumenhändler selbstständig. Am 9. September 2000 um 15.15 Uhr fand die Nürnberger Polizei den Blumenhändler in seinem Lieferwagen, in seinem Körper steckten acht Kugeln. Enver Simsek hinterließ zwei Kinder, seine Frau Adile und Liebesgedichte, so schön wie die Blumen aus Salur.

Brandenburg ist kein Tatortland

Zehn Plakate mit Lebensgeschichten hängen seit Dienstag im Flur der Grünen- Fraktion im Landtag. Lebensgeschichten, die mitten im Leben aufhören, gewaltsam beendet durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Brandenburg ist kein Tatortland, kein Opfer des Neonazi-Trios wurde hier ermordet. Und trotzdem gehört die Ausstellung zum NSU, die Dienstagabend eröffnet wurde, genau hierher: Ins Herz der Brandenburger Politik, ins Parlament, wo seit zwei Jahren ein Untersuchungsausschuss der Frage nachgeht: Könnten Enver Simsek und die neun anderen Mordopfer noch leben, wenn der Brandenburger Verfassungsschutz dem frühen Hinweis eines Szene-V-Manns auf ein untergetauchtes Neonazi-Trio aus Jena mehr Bedeutung zugemessen, mit den Behörden anderer Länder enger kooperiert hätte?

Die Ausstellung tourt durch Deutschland

Eine Frage, die auch Birgit Mair umtreibt. Die Diplom-Sozialwirtin aus Nürnberg – in der fränkischen Stadt wurden neben Enver Simsek zwei weitere Migranten ermordet – hat die Ausstellung 2012 im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) erstellt, inzwischen aktualisiert und mehr als 170 Mal bundesweit gezeigt. Sie hat mit Angehörigen gesprochen, den NSU-Prozess vor dem Münchener Oberlandesgerichts genauso verfolgt wie die Untersuchungsausschüsse. „Mir war aufgefallen, dass immer viel über die Angeklagten gesprochen und geschrieben wurde“, sagt Mair. Die Katzen und das Liebesleben der Beate Zschäpe – das sei vielen Medien interessanter erschienen als die Opfer, neun Männer mit Migrationshintergrund und die Polizistin Michèle Kiesewetter. Das wollte Mair ändern. Zehn von insgesamt 24 Schautafeln der Ausstellung sind den Biografien der Ermordeten gewidmet, erzählen von Liebesgedichten, Lieblingsfußballvereinen, Lebensentwürfen.

Rechtsextreme Vorstellung vom "Rassenbürgerkrieg"

Dass der NSU sich Männer mittleren Alters mit ausländischen Wurzeln als Opfer aussuchte, ist für Gideon Botsch, Leiter der Emil-Julius-Gumbel-Forschungsstelle „Antisemitismus und Rechtsextremismus“ am Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam, erklärbar: „Sie wurden ermordet, weil sie ins Schema passen“, sagte Botsch nach der Ausstellungseröffnung bei einer Podiumsdiskussion mit Birgit Mair, der Leiterin des Aktionsbündnis Brandenburg gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Anna Spangenberg, sowie der Obfrau der Grünen im NSU-Ausschuss, Ursula Nonnemacher. In der rechtsextremen Ideologie steure die Gesellschaft auf einen „Rassenbürgerkrieg“ zu. Männer nichtdeutscher Herkunft im zeugungsfähigen Alter müssen im Denken der Neonazi-Terroristen deshalb eliminiert werden.

Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses im Juni

Schlaglichtartige Einblicke in diesen Rassenwahn gewährte auch der Potsdamer NSU-Ausschuss. Nämlich dann, als Ex-V-Mann Carsten Szczepanski alias „Piatto“ sowie andere frühere oder immer noch aktive Mitglieder der Brandenburger Neonazi-Szene als Zeugen befragt wurden. Wie Botsch kritisierte, teils unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch früheren Verfassungsschutzmitarbeitern wurde teils zugebilligt, ihre Aussagen in den Katakomben des Landtags nur gegenüber den Abgeordneten zu machen. Botsch begleitete den Ausschuss auch mit einem studentischen Seminar. Kommentar der Studenten laut Botsch: „Alles, was spannend ist, ist im Keller.“ Botsch und Spangenberg kritisierten diesbezüglich auch den Ausschussvorsitzenden, Brandenburgs früheren Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD). Diesem wäre es nicht gelungen, Akzente zu setzen, die Bedeutung des Ausschusses nach außen zu tragen – gerade auch angesichts aktueller Entwicklungen.

Bezüge zur Situation in Chemnitz

„Die momentane Stimmung macht mir Angst“, erklärte Spangenberg, die das #WirSindMehr-Konzert vergangene Woche in Chemnitz moderierte. Das Nebeneinander von bekannten Neonazis, AfD-Leuten und diversen Bürgervereinen, das sie in Chemnitz nach der tödlichen Messerattacke durch Flüchtlinge auf einen jungen Deutschen erlebt habe, sei „hochgefährlich“. Gleichzeitig dürfe man nicht nur dem Rechtsextremismus Aufmerksamkeit schenken, sagt Botsch, der am gestrigen Mittwoch in der Landeszentrale für politische Bildung auch zum Thema „Antisemitismus in Brandenburg“ sprach. Auch muslimischer Antisemitismus werde zunehmend eine Rolle spielen. „Darauf müssen wir gefasst sein“, so der Politikwissenschaftler.

Im Juni 2019, wenn die NSU-Ausstellung längst weitergezogen sein wird, muss der Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vorlegen. Für Ursula Nonnemacher ist nach vielen Sitzungen inzwischen eines recht deutlich: „die Brandenburger Mitverantwortung“ im gesamten Behördenversagen. Die Ausstellung, die Enver Simsek ins Bewusstsein der Landtagsbesucher rücken soll, hätte es nicht geben müssen. Er könnte vielleicht noch leben, Blumen verkaufen, Liebesgedichte schreiben.

Die Ausstellung ist bis Ende Dezember im Landtag, Fraktion Bündnis 90/Grüne, 1. Stock, werktags von 9 bis 17 Uhr zu sehen

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