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  • 12.12.2012
  • von Guido Berg

Potsdam: Wo der Auschwitz-Befreiung gedenken?

von Guido Berg

Ort der mehrfachen Verfolgung. Die Lindenstraße 54 diente unter den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts als Gefängnis für politische Häftlinge. Insbesondere Opfer des Nationalsozialismus fordern aber, dass die NS- und die DDR-Zeit genau unterschieden und nicht als „politische Verfolgung zwischen 1933 und 1989“ zusammengefasst wird. Foto: Andreas Klaer

Potsdam Oberbürgermeister Jann Jakobs moderiert am Donnerstag eine Gedenkdiskussion, der NS-Opferverband sagte aber seine Teilnahme ab.

Potsdam - Die Erinnerungspolitik bleibt in Potsdam ein stark umstrittenes Feld: Für den morgigen Donnerstagabend hat Dieter Jetschmanegg, Leiter des Oberbürgermeisterbüros, zahlreiche Opferverbände, Interessenvertreter und Wissenschaftler ins Rathaus geladen. Diskutiert werden soll die Zukunft der Gedenkstätte Lindenstraße 54 sowie die Frage, welcher Ort in Potsdam der geeignete ist, um am 27. Januar 2013 der Befreiung des Konzentrationlagers Auschwitz zu gedenken. Ausgerechnet der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) sagte am Montag überraschend seine Teilnahme ab. Der Termin, zu dem vor zweieinhalb Wochen geladen wurde, sei zu kurzfristig anberaumt, erklärte Marcus Pilarski vom VVN-BdA am Dienstag den PNN.

„Schnellschüsse werden der komplexen Thematik nicht gerecht“, schreibt Pilarski vom Potsdamer VVN-BdA in seiner Absage an Jetschmanegg. Gleichzeitig habe der VVN-BdA „Bedenken, ob hier mit dem notwendigen Ernst und Interesse an Kontroversität gearbeitet wird“. Er habe den Eindruck, das kurzfristig einberufene Treffen habe lediglich die Absicht, „die am 27. Januar hervorbrechenden Gegensätze im Gedenken zu glätten und zuzudecken“.

Hintergrund der Kritik sind zwei miteinander verflochtene Aspekte. Zunächst kritisieren die Potsdamer Antifaschisten den Innenhof der Lindenstraße 54 mit der dortigen Wieland-Förster-Plastik „Das Opfer“ als offiziellen Ort des Gedenkens an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Lutz Boede, Geschäftsführer der Stadtfraktion Die Andere und auch VVN-BdA-Mitglied, hält die Lindenstraße für „nicht die erste Wahl“. Der „authentischere Ort“ sei der Standort der ehemaligen Potsdamer Synagoge am Platz der Einheit. Am 27. Januar 2012 hatte es aufgrund dieser Kritik sogar zwei verschiedene Gedenkveranstaltungen zur Befreiung von Auschwitz gegeben, eine offizielle im Innenhof der Lindenstraße 54 und eine durch die Kritiker des VVN-BdA vor dem ehemaligen Potsdamer Gerichts- und Gefängnisgebäude. Im jüngsten Hauptausschuss hatte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) konkurrierende Veranstaltungen als unwürdig bezeichnet und eine Diskussion darüber angekündigt. Stadtsprecher Stefan Schulz erklärte den PNN am Dienstag, werde am Donnerstag kein Konsens über den richtigen Gedenkort hergestellt, gebe es am 27. Januar eben zwei Gedenkveranstaltungen. An beiden werde der Oberbürgermeister dann teilnehmen. Dem Sprecher zufolge wird die Diskussionsrunde am Donnerstag von Jakobs selbst moderiert.

Zweiter Aspekt der Diskussion ist die Zukunft der Gedenkstätte Lindenstraße 54 selbst. Als Sitz des ehemaligen Erbgesundheitsgerichtes, das Menschen zu Zwangssterilisationen verurteilte, als Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge zwischen 1939 und 1945, als Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und der DDR-Staatssicherheit bis 1989 ist es ein Ort der mehrfachen Verfolgung – und begründet daher den Dissens zwischen den unterschiedlichen Opfergruppen. „In der Lindenstraße 54 findet eine Vermischung statt“, bemängelt Pilarski vom VVN-BdA. Lutz Boede kritisiert, in der Lindenstraße gebe es bereits mehrere Ausstellungsmodule für die Geschichtsepochen nach 1945, während das Modul für das Erbgesundheitsgericht mehrfach verschoben wurde und jetzt erst für 2013 angekündigt ist. Die Gründung einer Stiftung für die Lindenstraße, über die am heutigen Mittwochabend der Hauptausschuss entscheidet, sollte Boede zufolge nicht ohne inhaltliche Vorgaben gemacht werden. So sollte der Saal, in dem am 10. März 1934 erstmals das Erbgesundheitsgericht tagte, als einziger authentischer Ort für die Opfergruppe in das Ausstellungsmodul einbezogen werden.

„Jede Epoche erhält in der Gedenkstätte Lindenstraße eine entsprechende Würdigung“, versicherte Stadtsprecher Schulz. Die Lindenstraße sei „ein authentischer Ort, der für alle Epochen steht“.

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