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Themenschwerpunkt:

Das neue Potsdam

  • 09.12.2016
  • von Katharina Wiechers

PNN-Serie "Das neue Potsdam": Die Mittlere Speicherstadt (9): „Wie Urlaub“

von Katharina Wiechers

Viele Bewohner sind aus Berlin in die Speicherstadt gezogen. Foto: A. Klaer

Teil 9 unserer Serie "Das neue Potsdam". Dieses Mal: Die Mittlere Speicherstadt am Havelufer. Die Bewohner schätzen die Ruhe und den Wasserblick. Nicht alle Wohnungen sind aber in Top-Lage.

Potsdam wächst rasant, überall in der Stadt schießen neue Wohnviertel empor. Doch wie lebt es sich dort eigentlich? Die PNN besuchen die Quartiere und stellen sie in der Serie „Das neue Potsdam“ vor. Dieses Mal: Die Mittlere Speicherstadt (Folge 9).

Templiner Vorstadt - Einmal nur haben sich Hans Misersky und Reinhard Mirmseker die Wohnung angesehen, und schon war klar: Hier wollen sie hin. „Noch am selben Tag haben wir zugesagt“, erzählt Hans Misersky. Das Haus in Berlin-Rahnsdorf wollte das Ehepaar ohnehin verkaufen, es machte zu viel Arbeit, der Garten sowieso. Da kam ihnen die geräumige Mietswohnung in der Potsdamer Speicherstadt gerade recht – im vierten Stock in einem der Häuser direkt am Wasser, mit Blick über die Havel und 54-Quadratmeter-Rundum-Terrasse.

„Wie Urlaub“, sagt der 77-jährige Misersky und führt die Besucher auf die Terrasse. „Im Sommer schließen wir hier das Wasser an, dann kann man im Freien duschen.“ Schiffe beobachten geht hingegen das ganze Jahr, vom Touristendampfer über die Luxus-Yachten und die Ruderer – „hier ist immer was los“.

Ein paar Jahrzehnte Berlin-Mitte reichen

Beide kommen aus der Rundfunkbranche, Misersky war zuletzt Moderator bei MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt, der elf Jahre jüngere Mirmseker Redaktioneller Leiter beim selben Sender und Moderator der „Wernesgrüner Musikantenschenke“, wie die beiden erzählen. Potsdam soll ihr Alterssitz sein, barrierefrei ist die Wohnung schließlich auch: der Fahrstuhl fährt von der Tiefgarage bis hoch direkt in die Wohnung. Und auch Potsdam haben die beiden schon liebgewonnen. „Die Stadt hat noch was Gemütliches“, findet Mirmseker. Berlin hingegen haben beide satt. „Das ist nicht mehr unsere Stadt.“

Ähnlich ging es Bernd Sieber, ebenfalls Rentner, der gerade durch die unterschiedlich hohen, hellen Klinkergebäude des neuen Quartiers in Richtung Hauptbahnhof spaziert. Sieber wohnte vorher sogar in Berlin-Mitte. „Das hält man ein paar Jahrzehnte aus, aber dann reicht es“, sagt er lächelnd. Er hat bewusst in der Speicherstadt nach einer Wohnung gesucht, gekauft hat er eine sozusagen in der zweiten Reihe, nicht direkt am Wasser. Blick auf die Havel habe er ja, sagt Sieber. Allerdings „nur“ schräg. Eine Preisfrage. Doch auch Sieber ist sehr zufrieden, er genießt die Ruhe, auch wenn es aus seiner Sicht nicht schaden würde, wenn das ein oder andere Geschäft sich ansiedelte – oder zum Beispiel das Restaurant, von dem anfangs hier die Rede war. „Man kann schon sagen, dass das Quartier vor allem eine Schlafstatt ist.“

Für Geschäfte ist noch Platz

Platz für das ein oder andere Geschäft wäre, doch die Gewerbeflächen sind alle noch unbelegt. Für die Bewohner sind die nächsten Einkaufsmöglichkeiten deshalb in den Bahnhofspassagen, etwa zehn Minuten Fußmarsch sind es bis dorthin. „Deshalb bin ich hier mit meinem Hackenporsche unterwegs“, sagt Karin Schlinke gut gelaunt und zeigt auf ihren Einkaufsroller. Sie war unterwegs, gerade will sie zurück in ihre Wohnung, sie hat wiederum eine direkt am Wasser vorne. Auch Karin Schlinke ist aus Berlin hergezogen, mit ihrem Mann hat sie in Buckow gewohnt. Als er starb, verkaufte sie das Einfamilienhaus und startete einen Neuanfang – in Potsdam. „Meine Kinder leben hier, das war eigentlich der Hauptgrund dafür, dass ich hergezogen bin“, sagt sie. Ein Dreivierteljahr wohnt sie jetzt in Potsdam, die Stadt gefällt ihr gut. „Das kulturelle Angebot ist toll, erst recht, wenn jetzt noch das Barberini eröffnet.“ Sie hat gemietet, nicht gekauft, erzählt Karin Schlinke noch. „Ich hätte gerne gekauft, aber direkt am Wasser kann man hier nur mieten“.

Bei der Groth-Gruppe, die die Speicherstadt bauen ließ, weiß man von so einer Regel nichts. Es könne höchstens sein, dass gerade jene Wohnungen von Menschen gekauft wurden, die nicht selbst einziehen, sondern als Vermieter auftreten wollten, sagt eine Sprecherin. Ob als Renditeobjekt oder als Eigenheim für spätere Zeiten – wer weiß. Von der Groth-Gruppe hieß es auch, die Speicherstadt sei zu 100 Prozent verkauft beziehungsweise vermietet. Doch vor Ort zeigt sich ein anderes Bild: Vor allem an der Leipziger Straße sind noch einige Wohnungen frei, der Immobilienvermarkter „Living in Berlin“ hat seine pinken Werbeaufkleber in einige Fenster geklebt. Tatsächlich ist hier, quasi in der dritten Reihe, vom schönen Havel-Flair am Wasser und der von den Bewohnern beschriebenen Ruhe nur noch wenig zu spüren. Die Straße ist vielbefahren, Sonne kommt hier kaum noch hin. Trotzdem kostet auch hier eine Vierzimmerwohnung im dritten Stock noch 1632 Euro warm, wie aus einer Internet-Anzeige hervorgeht.

Keiner der Bewohner will ein schlechtes Wort verlieren

Dass in der Speicherstadt noch Wohnungen frei sind – im Gegensatz zum restlichen Potsdam –, war auch für Nico Schilling und seine Frau der Grund, hierher zu ziehen. Der vergleichsweise hohe Preis schreckte das junge Paar nicht ab. „Wir haben vorher in Stuttgart gewohnt, da sind die Mieten noch sehr viel höher als hier“, sagt der Jurist. Potsdam sollte es sein, um näher an den werdenden Großeltern zu sein. Nico Schilling und seine Frau sind mitten in der Familienplanung, seine Eltern wohnen in Mecklenburg-Vorpommern, ihre in Sachsen. „Hier sind wir sozusagen dazwischen.“

Von denen, die man an einem Dezembervormittag unter der Woche in der Speicherstadt trifft, will keiner ein schlechtes Wort über das neue Quartier verlieren. Zu dicht bebaut, zu massig und zu wenig begrünt? Von den Kritikpunkten, die in Potsdam nach der Fertigstellung vorgebracht wurden, ist hier nichts zu hören. Im Gegenteil, all die Neu-Potsdamer, die sich hier niedergelassen haben, scheinen sich wohlzufühlen. Vielleicht eben alles eine Frage der Perspektive: Im Vergleich zu Stuttgart oder Berlin stehen die Häuser hier vielleicht gar nicht dicht. Und der Wasserblick entschädigt wahrscheinlich auch für so manches.

Die nächste Folge lesen Sie am nächsten Dienstag in Ihren PNN.

 


 

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